Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jutta Nymphius: Pollys Post. Mit Illustrationen von Volker Friedrich

Vor 93 Tagen ist Pollys Großmutter gestorben. Polly fragt sich, ob ihre Großmutter wohl im Himmel ist und was das eigentlich bedeutet, hatte sie ihr doch versprochen, immer bei ihr zu sein. Als Polly zu ihrem neunten Geburtstag, den sie ohne ihre geliebte Großmutter verbringen muss, einen großen Herzluftballon geschenkt bekommt, beschließt sie, einen Brief in den Himmel zu schicken in der Hoffnung, dass sich ihre Großmutter meldet. Tatsächlich geschieht etwas sehr Überraschendes – sie bekommt Antwort.
Bald merkt Polly jedoch, dass die Briefe, die sie nun regelmäßig erhält, gar nicht von ihrer Großmutter stammen können. Sie ist enttäuscht und traurig: „Jetzt ist die ganze Welt kaputt!“ (37f). Jedoch haben ihr die Briefe, obwohl sie nun weiß, dass jemand anderes sie geschrieben haben muss, gutgetan. Denn sie sind ein kleiner Ersatz für die vielen hilfreichen Gespräche, die sie immer mit ihrer Großmutter nach der Schule über die Geschehnisse im Unterricht, ihre Sorgen oder den Ärger mit ihrem Mitschüler Franz geführt hat. Sie erhält nun auch gute Ratschläge, was sie tun könnte und wie sie sich verhalten sollte, so dass es ihr leichter fällt, mit all dem umzugehen, was sie herausfordert. Weil diese Briefe wertvoll für sie geworden sind, macht sich Polly wie eine Detektivin auf die Suche nach der Person, die die Briefe verfasst hat. Bald kann Polly das Geheimnis lüften.
Das Kinderbuch nimmt sich des Themas der Trauer um einen geliebten und wichtigen Menschen im Leben eines Kindes in besonderer Weise an. Polly ist hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass ihre Großmutter doch noch irgendwie da sein könnte, und dem Wissen, dass sie tot ist; sie möchte doch zu gerne das Unvermeidliche nicht als gegeben hinnehmen müssen. Als sie scheinbar von ihrer Großmutter Briefe bekommt, die in einem Loch zwischen den Wurzeln eines Baumes abgelegt sind, ist sie allzu gern bereit, an ein Wunder zu glauben. Eine unrichtige Information über ihren Vater in einem der Briefe lässt sie jedoch alsbald erkennen, dass die Briefe jemand anderes geschrieben haben muss. Enttäuschung und erneute Trauer ob der Täuschung machen sich in ihr breit; es ist zusätzlich eine schmerzliche Erfahrung. Dass es Polly allerdings nicht dabei belässt und nicht in ihrer Trauer verharrt, sondern hinter das Geheimnis der Briefe und ihrer Verfasserschaft kommen möchte, ist eine der Stärken des Kinderbuches. Es zeigt Pollys Empowerment, sich den Gegebenheiten zu stellen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und dass sie bereit ist, eine Gewissheit verschaffende Erkenntnis zu gewinnen, auch wenn ihr diese möglicherweise nicht gefällt.
Das Kinderbuch ist in besonderer Weise gestaltet: Text und Bild wechseln sich ab. Die Bilder ergänzen den Text und führen ihn weiter. Bilder und einzelne wichtige Sätze sind seitenübergreifend gesetzt, so dass deren Inhalte die Leserin und den Leser auf die nächste Seite führt. Diese Darstellungsweise nimmt die Kinder beim Lesen und Betrachten sehr geschickt mit, schafft Neugierde und unterstützt das Leseverständnis auch für Ungeübte. Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Volker Friedrich sind freundlich und sehr ansprechend gestaltet; vor allem die Mimik der Personen – die Milde der Großmutter (14f) oder das Enttäuschtsein (38f), aber auch die Freude Pollys (66) sind sehr klar und wirkungsvoll dargeboten.
Um über Trauer und den Tod eines nahestehenden Menschen zu sprechen, bietet das Kinderbuch einen das Kind ernst nehmenden und unkomplizierten Anlass. Dabei eröffnet es eine Perspektive, wie aus dem Trauermodus ausgebrochen werden könnte. Pollys Wille, Klarheit ob der Verfasserschaft der Briefe zu bekommen, wird spannend herausgestellt, und es wird ihre Eigeninitiative betont. Dabei ist es interessant festzustellen, dass Pollys Eltern so gut wie keine Rolle in der Trauerarbeit spielen, sondern Personen, die sie mit ihrer Großmutter regelmäßig aufgesucht hat (Herr Honig in der Bäckerei, Herr Hase am Kiosk, Frau Güler im Obst- und Gemüseladen).
Für den Einsatz im Unterricht in der Grundschule, durchaus aber auch je nach Einsatzidee in höheren Klassen, ist das Kinderbuch sehr geeignet – sowohl wegen der inhaltlichen Impulse (Trauer um die Großmutter, eine interessante Detektivgeschichte sowie hilfreiche Anregungen zum Umgang mit anstrengenden Mitschülern) als auch wegen seiner feinen und kreativen Gestaltung und der angemessenen Sprache, die die Autorin verwendet, um das Thema zu behandeln und Empathie für die Protagonisten zu schaffen, was ihr sehr gut gelingt. Die gekonnten Illustrationen helfen zudem leseschwachen Kindern, dem Inhalt zu folgen, so dass ermöglicht wird, miteinander über dieses herausfordernde Thema schon mit Jüngeren ins Gespräch zu kommen, ohne zu überfordern.
München: Tulipan Verlag. 2024
71 Seiten m. s-w Abb.
13,00 €
978-3-86429-626-0
 

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