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Karl Rahner: Glaube und Kultur. Zu Literatur, Musik und Kunst
Karl Rahner (1904-1984) darf aus vielen Gründen als der bedeutendste und einflussreichste katholische Theologe des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Rahner, der von sich selbst sagte, sein Leben sei das normale und durchschnittliche Leben eines mitteleuropäischen Bürgers ohne besondere Bekehrungserlebnisse oder fromme Heldentaten, folgte dem Leitmotiv seines Jesuitenordens „Gott in allen Dingen finden.“ Als Konzilsberater trug er wesentlich zu einer dogmatischen Bestimmung des Wesens der Kirche bei, formulierte ein positives Verhältnis zu anderen Religionen und einer pluralistischen Gesellschaft; kurzum zu einer säkularen Wirklichkeit, wie sie sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer weiter ausgebildet hatte.
In einer Zeit, in der Theologie und Kirche besorgt darum waren, wie mit den sich überschlagenden Entwicklungen der modernen Welt umzugehen sein sollte und anachronistische Antworten vermeintliches Heil versprachen, schlug Rahner andere Wege ein: Grundlage seiner Theologie war eine innovative Weiterentwicklung scholastischer Denkfiguren und eine Rezeption moderner Philosophie, insbesondere die einer neuen Ontologie, wie sie von Martin Heidegger begründet worden war. Was später als die „Anthropologische Wende der Theologie“ bezeichnet werden sollte, ermöglichte maßgeblich Rahner, indem er den Menschen in den Mittelpunkt seiner Theologie stellte und ihn in seinem Wesen als Hörer des Wortes und damit ausgerichtet auf die Selbstmitteilung Gottes verstand. Die menschlichen, auch alltäglichen Grunderfahrungen, so Rahner, ermöglichen es, Gott im Leben zu erahnen. So sehr Rahner in seinem Schürfen an der Gottesfrage das menschliche Sein in den Mittelpunkt seiner Theologie stellte, so sehr darf es verwundern, dass die Auseinandersetzung mit Kunstformen keinen eigenen Forschungsschwerpunkt seines theologischen Schaffens darstellen. Vielmehr finden sich in unterschiedlichen Kontexten des theologischen Œuvres von Rahner eine Vielzahl an gewichtigen Untersuchungen, die sich dem Dialog von Theologie und Kunst annehmen.
Erstmals wurden Rahners Schriften, die sich mit der Wechselwirkung von Theologie, Literatur, Musik und Kunst befassen, von Gesa E. Thießen in englischer Sprache (Karl Rahner’s Writings on Literature, Music and the Visual Arts) 2021 als Sammelband herausgegeben. Es darf als ein wahrer Glücksfall und eine echte Bereicherung der Theologie bezeichnet werden, dass dieses Kompendium nun auch in deutscher Sprache vorliegt; erneut von Thießen herausgegeben, die als Theologin und Prädikantin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Irland tätig ist.
In einer gewinnbringenden Einführung verortet Gesa E. Thießen den Horizont von Literatur, Musik und Kunst in der Theologie Rahners. Dabei macht sie deutlich, dass Rahner in menschlichen Kunst- und Ausdrucksformen Orte von anthropologischen Erfahrungen und Sinnsuche sieht und diese mithin für ihn eine eigene theologische Dignität besitzen. Thießen erörtert dabei, wie für Rahner eine Theologie nicht nur auf verbale Theologie reduziert werden darf und folglich alle Kunstformen für ihn zu einem Ort theologischen Treibens werden können. Von besonderer Bedeutung ist, dass Rahners Interesse insbesondere Kunstwerken gilt, die nicht einen klar zu bestimmenden religiösen oder gar frommen Inhalt haben. Vielmehr sind, gemäß dem Offenbarungsverständnis von Rahner, Kunstwerke für die Theologie interessant, die in ihrer Originalität und Autonomie der Suche nach menschlichen und folglich transzendental möglichen Erfahrungen einen Ausdruck geben.
Das Kompendium, das von diesen Gedanken Rahners durchdrungen ist, umfasst sodann fünf strukturierende Kapitel (Theologie, Glaube und Kultur; Literatur; Kunst; Musik; Postludium), die insgesamt 16 Einzelabhandlungen Rahners enthalten. Diese reichen von Ausführungen wie „Gottes Wort und der Menschen Bücher“ über „Von der Größe und dem Elend des christlichen Schriftstellers“ und „Kirche bauen. Zum modernen Kirchenbau“ bis hin zu einer Abhandlung über die Erstaufführung von Igor Stravinskys „Messe“.
Ein besonderes Bonmot dieses sorgfältig redigierten Sammelbandes ist Rahners Text „Wovon singen die Beatles?“ aus dem Jahr 1966. Rahner konstatiert in der ihm eigenen bescheidenden Form des Fragens: „Denn sind nicht eben doch, dank der Gnade Gottes, die überall ist, auch Liebe, Einsamkeit und alles, was sich in diesen Platten aussagt, näher bei dem, was wir meinen, wenn wir ‚Gott‘ sagen, als wir zunächst denken, vorausgesetzt, dass wir Gott nicht zwingen wollen, auf unseren Wegen allein zum Menschen zu kommen?“ In den bewegten 1960er Jahren war es die vierköpfige britische Band, die mit ihren Liedern etwas über das Menschsein auszudrücken vermochte, und dies für Rahner Grund genug war, dieser Kunst theologische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wenn heutige Künstlerinnen und Künstler aller Sparten von Liebe, Schönheit, Wahrheit, Freiheit, Ängsten oder Zweifeln schreiben, singen oder tanzen, darf sich eine gegenwartssensible Theologie in der Spur Rahners sicher sein, dass hier zu lernen ist, was Menschsein heißen mag, und damit ein Ort theologischen Interesses vermutet werden darf: „Religion's in your lips“, wie es Taylor Swift formuliert.
Herausgegeben von Gesa E. Thießen
Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag. 2023
261 Seiten
38,00 €
ISBN 978-3-7867-3315-7
