Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Karsten Weber / Thomas Zoglauer: Verbesserte Menschen

Ethische und technik-wissenschaftliche Überlegungen

Im Zentrum dieses lesenswerten Buches steht die physische und psychische Verbesserung des Menschen, das Enhancement. Im ersten Teil präsentiert Karsten Weber einen guten Überblick über die historische Entwicklung des Cyborg-Programms, angefangen von Norbert Wiener (1948) über die bemannte Raumfahrt zu den modernen medizinischen Leistungssteigerungen zur Kompensation physischer Handicaps durch Prothesen, Implantate und Brain Interfaces, d.h. Schnittstellen zwischen Computer und Gehirn, die die vorher genannten mit Gedankenkraft steuern können. Zudem vermittelt Weber einen informativen Überblick über die psychischen Verbesserungsmöglichkeiten des Menschen, die sich im Bereich der psychoaktiven Drogen, aber auch in der Idee der „moralischen Erziehung“ durch eine sogenannte „god machine“, einen Supercomputer, abspielen, der schon Kinder durch implantierte Brain Interfaces zu einen empathischen bzw. moralischen Verhalten „programmieren“ soll. Immer wieder wird in diesem Kontext auf die Verbindungen mit der Eugenik, ihren historischen Anfänge von Platon über den Sozialdarwinismus, den Nationalsozialismus und die „Designerbabys“ hingewiesen.

Die Voraussetzungen dieses Cyborg-Programms als Enhancement des Menschen haben allerdings sehr viel weiter zurückreichende philosophiegeschichtliche Wurzeln, bei denen es um nichts weniger als die Definition des Menschen geht. An dieser Stelle lassen sich die fatalen Folgen einer einseitigen Wahrnehmung der historischen Quellen exemplarisch nachvollziehen. Wenn wir mit Hobbes (1651) davon ausgehen, dass „denken rechnen heißt, mit Descartes sagen, alle Lebewesen seien Maschinen, der Mensch habe noch zusätzlich Geist, schließen wir mit Julien Offray de la Mettrie, es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen, da sich der Geist in die Form eines Computerprogramms übersetzen lässt und der Körper in einen Roboter. Der menschliche Cyborg ist damit ein ‚missing link‘“ (41) zwischen Mensch und Maschine. Da weder Weber noch Zoglauer im zweiten Teil des Buches eine argumentativ überzeugende Definition des spezifischen Menschseins vorlegen können, wird jeder Brillenträger ebenso wie jeglicher Werkzeugbenutzer zum Cyborg. Da außerdem die Verbesserung, aber auch die Heilung des Menschen eine starke soziale Komponente hat, wird es für Weber / Zoglauer einerseits unmöglich, stringent gegen eine drogengestützte (etwa Ritalingaben) Optimierung von Schülern, Studierenden oder Arbeitnehmern zu argumentieren. Andererseits ist auch eine befürwortende Haltung problematisch, denn sie verursache einen solchen gesellschaftlichen Optimierungsdruck, dass sich die Vorteile bei einem flächendeckenden Gebrauch wieder aufheben würden oder eine grenzenlose Einnahme geboten wäre.

Weber spricht immer wieder von „popkulturellen Inszenierungen“ der Technik, mit denen er Science Fiction-Literatur oder -Filme meint. Das große Manko dieser Genres sei, dass sie zwar anschaulich die Möglichkeiten der Cyborgisierung des Menschen zeigen, doch da die Technik nur benutzt, aber nicht erklärt wird, handelt sie nur von „den Ängsten und Hoffnungen ... im Hier und Jetzt" (67).

Weber sieht dadurch eine affektive Aversion gegen die Technik entstehen, aber nicht sie sei das Problem, sondern die „falsche Konzeption“ von Politik und Gesellschaft gegenüber derselben (69). Nicht nur an dieser Stelle kommen die in sich selbst kreisenden Argumentationen des Buches zu einem von vielen seiner paradoxen Schlüsse: Menschen unterscheiden sich nicht von Maschinen, aber eigentlich sind Menschen im Gegensatz zu Maschinen empathisch, freiheitsfähig und moralisch. Wenn man die Maschinen jedoch immer effizienter baut, werden die Maschinen die besseren Menschen sein. Was allerdings Empathie, Freiheitsfähigkeit und Moral überhaupt damit zu tun haben, lässt sich unter dieser Prämisse nicht begründen. Weber/Zoglauer verwechseln den Wunsch nach und die Realisierung von Körper- und Selbstveränderungen – d.h. die Kontrolle und Definition des maschinell und funktionell bestimmten Menschen und die damit verbundenen sozialen und kulturellen Implikationen – mit einem intensionalen philosophischen Wesensbegriff des Menschen, der Kategorien wie Selbstreflexivität, die vernunftabhängige Fähigkeit zur modalen Transformation sowie die Erkenntnis des Unterschiedes zwischen extensionalem und intensionalem Denken enthält. Die Polemik gegen die Verwendung eines „Wesensbegriffs“ des Menschen kann an keiner Stelle überzeugen, da sie in argumentative Paradoxien führt (44). Dies liegt m.E. an der konsequenten und nirgends eigens thematisierten Verwendung einer zweiwertigen Logik, wie wir sie aus Computerprogrammen kennen. Wenn alle komplexen geistigen Zusammenhänge auf dichotomische Widersprüche – wie Mensch – Maschine, Gesundheit – Krankheit, Natur – Technik, Natur – Kultur, Geist – Technik – reduziert werden, kann entweder keine Vermittlung gedacht werden oder aber eine graduelle bzw. intervallartige Angleichung der Extreme. Dann sind wir alle auf dem Weg zu optimierten Maschinen und es gibt keine Alternative

Freiburg: Alber Verlag. 2015
156 Seiten
24,99 €
ISBN 978-3-495-48591-0

 

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