Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Katharina Ganz: „… da ich aber als Frauenzimmer in der katholischen Kirche keine Stimme habe und folglich so viel als todt bin …“

Kreativität aus Vulnerabilität am Beispiel der Ordensgründerin Antonia Werr (1813-1868)

Katharina Ganz, Generaloberin der „Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu“, legt mit ihrer pastoraltheologischen Dissertation eine Studie über die Gründerin ihrer Gemeinschaft vor. Sie bleibt aber nicht bei der Biographie stehen, sondern zeigt auf, wie die emanzipatorischen Bemühungen von Antonia Werr (1813-1868) für Kirche und Ordensleben von heute fruchtbar gemacht werden können.

Nachdem im ersten Kapitel (15-69) die Quellenlage und die historischen Kontexte für den Ordensaufbruch des 19. Jahrhunderts erörtert werden, führt Katharina Ganz im zweiten Kapitel (71-263) unter ausführlicher Verwendung des schriftlichen Nachlasses in das spannende Leben Antonia Werrs ein. „Im Spannungsfeld von Macht, Ohnmacht und Autorität“ (261) zeigt sie, wie die körperlich schwache Antonia, die schon früh familiäre Verantwortung übernehmen musste, ihren Weg suchen musste. Sie fand Unterstützung besonders in dem Münchener Staatsrat Maximilian von Pelkhoven, der ihr über Jahre hin geistlicher Begleiter und Supervisor war, und in dem Franziskaner-Minoriten Franz Ehrenburg, der gegen den Widerstand seines Ordens die Seelsorge in Oberzell übernommen hatte. Im Ringen um ihren eigenen Weg musste sie sich ebenso gegen bereits existierende kirchliche Vereine wie die kirchliche Obrigkeit in Gestalt des Würzburger Bischofs durchsetzen, immer aber in Loyalität zur Kirche stehend. Ihre Berufung fand sie schließlich in der Sorge für Mädchen und Frauen, die im Zeitkontext als „gefallen“ galten. Die Verfasserin bezeichnet Antonia Werr deshalb als „Trümmerfrau und Hebamme der Menschwerdung“ (236).

Im dritten Kapitel (265-395) verbindet Katharina Ganz das aus der Biographie gewonnene Profil Antonia Werrs zu einer „Spiritualität der Vulnerabilität“. Sechs Aspekte der Verletzlichkeit arbeitet sie heraus. Aus der Gotteskindschaft und der Kenosis (Entäußerung) Gottes ergeben sich der Verzicht auf einen besonderen Status. Die freiwillige Erniedrigung Gottes in der Inkarnation fordert auf, zu den Erniedrigten zu gehen. Gegen das Gefängnis, aus dem viele der Klientinnen Antonia Werrs kamen, setzt sie Asyl, Klausur, Hospiz und Krippe als Anders-Orte für die Frauen. Daraus erwächst „Gebürtlichkeit“ (Hannah Arendt), aus Vulnerabilität wird Widerstandsfähigkeit, die in einer pastoralen Gemeinschaft von verwundeten und verwundbaren Menschen fruchtbar wird.

Was all das für die Kirche von heute bedeuten kann, wird im vierten Kapitel (397-439) unter dem Imperativ „für eine geschlechtergerechte Pastoral in einer patriarchalen Kirche“ an Beispielen aus der Kongregationsgeschichte – pädagogischer Missbrauch usw. – und der gegenwärtigen Kirche – Ohnmacht von Frauen in einer Männerkirche – konkretisiert.

Katharina Ganz ist ein großer Wurf gelungen, der das Erbe der Gründerin, eigene Erfahrungen und theologische Ansätze in stringenter Weise zusammenbindet.

Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge
Würzburg: Echter Verlag. 2016
479 Seiten
42,00 €
ISBN 978-3-429-03965-3.

 

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