Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Katja Boehme: Interreligiöses Begegnungslernen

Zur Monographie von Katja Boehme liegen mittlerweile zwei ausführliche Rezensionen vor. Eine ausgezeichnete Besprechung von Johannes Lähnemann ist in der Zeitschrift für Pädagogik und Theologie erschienen (ZPT 72/2 [2024] 197-201). Die ebenfalls sehr solide Besprechung von Stefanie Lorenzen in der Theologischen Literaturzeitung (Jg. 149, Nr. 5 [2024] 441-443) ist als Zweitveröffentlichung im Internet frei zugänglich: Böhme, Katja, Interreligiöses Begegnungslernen: Grundlegung einer fächerkooperierenden Didaktik von Weltsichten: Freiburg im Breisgau, 2023. Die hier folgende Rezension beschränkt sich daher darauf, den Ort des zu besprechenden Buches in den neueren Fachpublikationen zu bestimmen und nach seinem Anschaffungswert für Religionslehrerinnen und -lehrer zu fragen.

Die umfängliche Publikation von Katja Boehme „ist ein systematisches Grundlagenwerk zum interreligiösen Begegnungslernen – und sie bezieht die nicht konfessionsbezogenen Fächer der Fächergruppe Religion – Ethik mit ein“ (Lähnemann 197). Sie schließt dabei an eine Reihe von Monographien an, die in den vergangenen Jahren zum Thema des interreligiösen Lernens herausgegeben wurden und die einen vergleichbaren Ansatz des Begegnungslernens verfolgen: z.B. die Publikation von Clauß-Peter Sajak (Interreligiöses Lernen 2018), die sich mit schlanken 149 Seiten als Studienbuch bewährt hat, oder das Buch von Karlo Meyer (Grundlagen interreligiösen Lernens 2019), in dem er mit 448 Seiten eine umfängliche Hermeneutik des interreligiösen Lernens erarbeitet. Über diese Bücher hinaus stellt die Arbeit von Katja Boehme zusätzlich mehrere praxisnahe Referenzrahmen für die Organisationsformen des schulischen Unterrichts in der Fächergruppe auf. Dabei geht sie von den einzelnen Fächern der Fachgruppe Religion / Ethik / Philosophie in der gewohnten Form aus. Es soll in diesen Fächern aber ein „Mehr“ erarbeitet werden, das über gemeinsame Projekte und Veranstaltungen einer „kooperierenden Fächergruppe“ hinausgeht. Dieses „Mehr“ lässt sich als eine grundsätzliche, pluralitäts- und diversitätssensible Reflexion der jeweiligen Fachpädagogik und -didaktik beschreiben, die immer davon ausgeht, dass das eigene Fach im Angesicht „der anderen“ unterrichtet wird und dass die eigenen Schülerinnen und Schüler für diese Art der Begegnung gesprächsfähig gemacht werden müssen. Vor dieser Zielsetzung eines „fächerkooperierenden Interreligiösen Begegnungslernens“ unternimmt Katja Boehme eine umfassende methodische und didaktische Reflexion des Fachgebiets. Diese führt zu den bereits genannten Referenzrahmen, welche die Unterrichtsplanung genauso betreffen wie die Lehrplanarbeit – hier ist wenigstens ein verpflichtender gemeinsamer Projekttag pro Schuljahr vorgesehen – und die hochschuldidaktische Ausbildung der Lehrenden.

Nun lässt sich natürlich fragen, ob gerade eine solche Konzeption des „fächerkooperierenden Interreligiösen Begegnungslernens“ von einer katholischen Autorin allein beschrieben werden sollte. Immerhin haben die Tübinger Religionspädagogen Fahimah Ulfat und Friedrich Schweitzer in Zusammenarbeit mit Reinhold Boschki schon im Jahr 2021 eine interreligiöse Einführung in die Religionsdidaktik in islamisch-christlicher Kooperation vorgenommen („Dialogisch – kooperativ – elementarisiert: Interreligiöse Einführung in die Religionsdidaktik aus christlicher und islamischer Sicht“). Dazu lässt sich sagen, dass Katja Boehme aus der langjährigen Erfahrung einer religiös diversen internationalen Kooperationsgemeinschaft berichtet, die sich um das Projekt „Sharing worldviews. Learning from Encounter for common Values in Diversity“ zusammengefunden hat: Home | Sharing Worldviews . Hier kommen die religionspädagogischen Erfahrungen zweier türkischer und einer griechischen Universität genauso zusammen wie die der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und der von mehreren Religionsgemeinschaften gemeinsam getragenen Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. Aus allen genannten Ländern sind zudem weiterführende Schulen in das Projekt eingebunden.

Weiterhin löst das Buch eine wichtige Anfrage vieler Praktikerinnen und Praktiker ein, die vor Ort Konzepte zur Begegnung mit einer zunehmenden Zahl von konfessionell nicht gebundenen Schülerinnen und Schülern suchen. Katja Boehme stellt nicht die diversen religiösen Identitäten auf der einen Seite den konfessionsfreien oder nicht-religiösen weltanschaulichen Identitäten auf der anderen Seite gegenüber. Ihr „fächerkooperierendes Interreligiöses Begegnungslernen“ denkt immer den Kontext säkularer Weltanschauungen („world views“) mit. Damit müssen vice versa auch die Fächer „Ethik“ oder „Philosophie“ fachdidaktisch reflektieren, dass das eigene Fach im Angesicht einer religiös vielfältigen Schülerschaft unterrichtet wird. Diese Begegnungsebene wird bisher von kaum einer anderen Fachpublikation so systematisch eingeholt wie von diesem sehr empfehlenswerten Buch von Katja Boehme.

Grundlegung einer fächerkooperierenden Didaktik von Weltsichten
Freiburg: Herder Verlag. 2023
551 Seiten
45,00 €
ISBN 978-3-451-38769-2

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