Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Kay Weißflog: Ester. Eine jüdische Königin rettet ihr Volk

Das Buch Ester birgt viele hochaktuelle Aspekte, die eine Lektüre in Schule und Kirche äußerst lohnend machen: Fragen von Schönheitskonzepten und Genderrollen; Bezüge zum gelebten Judentum heute und erschreckend geläufige Muster des Judenhasses schon in der Antike; Erfahrungen von Macht und Ohnmacht, von Willkür und Autokratie, von Gewalt und Gegengewalt – individuell wie auch gesellschaftlich-politisch. Ein Band zu Königin Ester in der Reihe „Biblische Gestalten“ kommt daher zur richtigen Zeit und trägt dazu bei, dieses biblische Buch stärker ins christliche Bewusstsein zu heben. Die Darlegungen von Kay Weißflog folgen dem für die Reihe typischen Dreischritt: In Teil A („Einführung“) werden grundsätzliche Themen und Entstehungsbedingungen des Buches angesprochen. Der umfangreiche Teil B („Darstellung“) führt hauptsächlich durch den biblischen Text. Teil C („Wirkung“) widmet sich wichtigen Stationen und Bereichen der jüdischen wie auch christlichen Rezeptionsgeschichte.

Schon zu Beginn nennt Weißflog das zentrale Thema eines Buches, das zwar vor einer märchenhaft-orientalischen Kulisse wie aus 1001 Nacht spielt, in dem es aber um nicht weniger als die drohende Totalauslöschung des jüdischen Volkes als kleiner Minderheit im persischen Reich geht. Als Rettergestalt in dieser katastrophalen Lage ist Ester im Judentum sehr präsent und bis heute wird ihre Geschichte als Gründungssage des Purimfestes stetig erinnert. Christlicherseits tat man sich mit dieser in mancher Hinsicht „heiklen“ Geschichte schwerer. Weißflog stellt daher die Weichen für einen verantworteten Umgang mit dieser fiktiven „Gegengeschichte“ (19) zu den faktischen Machtverhältnissen aus der Perspektive der unterlegenen Minderheit. Er bietet eine differenzierte historische Sicht auf das persische Reich in Korrelation zur Darstellung im Esterbuch und reflektiert Herkunft und Entstehung dieser Diasporaerzählung mit intertextuellen Bezügen v.a. zur Josefs- und Danielgeschichte. Die Argumentation des Judenfeindes Haman bettet er ein in das stereotype Repertoire antiken wie modernen Judenhasses. Angesichts der Gewaltspirale, die auch die Opfer zu Tätern werden lässt, stellt er die immer noch aktuelle Frage, wie sich Gewalt ohne Gewaltanwendung wirksam eindämmen ließe. Er benennt die sexistischen Machtstrukturen, denen sich Esters Vorgängerin Waschti mit allen Konsequenzen verweigert, innerhalb derer Ester aber dennoch zu einer geschickt Handelnden wird. Gott werde anders als in den griechischen Textfassungen in der hebräischen Fassung zwar kein einziges Mal explizit genannt, doch sei sein Wirken „zwischen den Zeilen“ (36) gegenwärtig.

Bei der textchronologischen Darstellung in Teil B stellt der Autor die hebräische Fassung in den Mittelpunkt. Mit dem Blick auf die gesamte Erzählung macht er zunächst die narrativen Strukturen mit ihren kunstvollen Verknüpfungen von Erzählfäden und Spannungsbögen sowie ihren Konzepten von Raum und Zeit sichtbar. Die sich anschließenden detaillierten Erläuterungen zu den einzelnen Textpassagen liefern vielfältige Sachinformationen sowie Bezüge zu anderen biblischen Passagen und nehmen die Lesenden lebendig mit hinein in das narrative Geschehen.

Die Einblicke in die Rezeptionsgeschichte (Teil C) offenbaren die tiefe Diskrepanz zwischen der reichhaltigen, zumeist positiven jüdischen und der sehr verhaltenen christlichen Wahrnehmung des Buches. Als Beispiele früher jüdischer Rezeption werden an dieser Stelle die Septuagintafassung und die Nacherzählung durch Flavius Josephus in seinen Antiquitates Judaicae mit ihren theologisierenden Weiterschreibungen betrachtet. Ferner kommen Zeugnisse aus der rabbinischen Literatur und einige (auch kritische) moderne jüdische Stimmen zu Wort. Demgegenüber fristete das Buch Ester im Christentum ein „Schattendasein“ (167). Weißflog verweist auf einige Wertschätzung von Ester als Vorbild in der alten Kirche und auf die allegorische Auslegung der Esterfigur mit Blick auf Maria und die Kirche im Mittelalter, aber auch auf die Abwertung des Esterbuches z.B. durch Luther. Während Ester also in der Theologie erst seit dem 20. Jh. wieder stärker entdeckt werde, gebe es überraschenderweise mannigfaltige Rezeptionsbeispiele aus Malerei, Literatur, Musik und Film. Die von Weißflog angeführten Beispiele zeugen von einer sehr freien und vielfältigen Perspektive auf die Esterfigur.

Insgesamt bietet dieses Buch zur biblischen Gestalt der Ester einen ebenso informativen wie multiperspektivischen Überblick, bei dem die zahlreichen Abbildungen eine hilfreiche visuelle Unterstützung darstellen.

Biblische Gestalten
Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt. 2024
203 Seiten m. farb. Abb.
25,00 €
ISBN 978-3-374-07517-1

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