Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Kerstin Menzel / Alexander Deeg (Hg.): Diakonische Kirchen(um)nutzungen

Bei diesem Sammelwerk handelt es sich um den zweiten Band des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit mehreren Millionen Euro unterstützten Projekts „Sakralraumtransformationen“ (abgekürzt TRANSARA). Der evangelische Pastoraltheologe Alexander Deeg leitet mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Kerstin Menzel am Institut für Praktische Theologie, Universität Leipzig, das Teilprojekt 2 „Diakonische Kirchen(um)nutzung in Leipzig“. Während der erste Band sich mehr den Sakralraum-Umnutzungen um Aachen widmet, geht es in unserem Band 2 um die besonderen Verhältnisse um Leipzig. Der besondere Aspekt sind die Theorie und die Praxis diakonischer Arbeit. Für Katholiken bieten sich dabei viele Einblicke in eine stark evangelisch geprägte Region. Gleichzeitig ergibt sich dabei auch die funktionale Ähnlichkeit von Diakonie und Caritas in den Konfessionen, aber auch die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Kirchen als sakrale (gottesdienstliche) Räume bzw. als Räume zum „besonderen Dienst am Menschen“.

Die Hinführung zum Thema liefert in drei Artikeln (7-32) grundsätzliche Perspektiven auf das diakonische Umnutzungsthema. Der deutsche Diakoniepräsident Ulrich Lilie sieht in der diakonischen – „vielleicht sogar“ – die wichtigste Dimension der Kirchenraum(um)nutzungs-Diskussion (7). Die beiden Herausgebenden Deeg und Menzel informieren über die „Entwicklungstendenzen und Kontexte diakonischer Kirchenumnutzung“ und stellen die Artikel der Schrift kurz vor (9-22). Im dritten Aufsatz stellt die Professorin für Diakoniewissenschaften und Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Dr. Beate Hofmann aus „kirchenleitender Perspektive“ Fragen zur Kirchenraum(um)nutzung (23-32). – Die folgenden vier Kapitel mit ihren zwölf Artikeln tragen die Überschriften: implizite, explizite und soziale Kirchraumumnutzung, die das Ganze übersichtlich ordnen sollen. Ein Grund dafür sind wohl die Unterschiedlichkeit und die Vielzahl der Beiträger.

Auf drei besonders klärende Artikel möchte ich im Folgenden genauer hinweisen. Am Beispiel des Bautyps „Citykirche“ (79ff) richtet die Sozialwissenschaftlerin Hilke Rebenstorf die Aufmerksamkeit besonders auf den personalen Dritten im Bunde von Sakralität und Diakonie. Denn Letztere sind in der Sache vor allem für den Kirchenbesucher relevant. Dabei geht sie mit einem Fragebogen streng empirisch vor; das Ergebnis besteht in ausführlichen Tabellen, die anhand von sieben Typen der Religiosität die Besuchsmotive und die Wirkung des Raumes darstellen. So ergibt sich ein differenziertes Bild des individuellen Besuchers einer solchen Kirche, was für die pastorale Arbeit sehr aufschlussreich werden kann.

In seinem Rückblick (229ff) auf die Beiträge dieses Bandes und auf die Diskussionen der vorausgehenden Tagung verweist der evangelische Professor für Praktische Theologie Tobias Braune-Krickau besonders auf die Schwierigkeiten, Sakralität und Diakonie in einer Umnutzung zusammenzuführen. Jedes kirchliche Handeln habe zwar eine diakonische Funktion, aber dieser allgemeine Begriff von kirchlichem Dienst sollte nicht als Kriterium der Erforschung diakonischer (Um-)Nutzung fungieren; auch sollte Sakralität – ebenfalls um der Sauberkeit des Begriffes willen – nur dem gottesdienstlichen (liturgischen) Raum zugesprochen werden.

Ebenfalls in seiner Antwort zu diesen Beiträgen verweist der Sprecher der DFG-Forschungsgruppe Sakralraumtransformation und katholische Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards auf die Schwierigkeiten des Geschwisterpaares Liturgie und Diakonie. Schon 2006 hatte er die Unterscheidung von direktem und indirektem Sakralitätsverständnis gemacht und gibt zu beachten, dass bei kirchlichen Umnutzungen liturgische Prinzipalstücke (z.B. der Altar) Beachtung finden und nicht einer beliebigen Einrichtung weichen (138f). Andererseits spricht Gerhards von „Raum- und Ritendiakonie“ und einer „zweiten Sakralität“, wenn Gemeinden ihre Sakralgebäude offen halten für Formen der Inklusion (z.B. Segnungen) und der Suche nach innerem Frieden und sozialer Begegnung (141).

Das Buch „Diakonische Kirchen(um)nutzung“ enthält für den katholischen Leser eine Fülle von Anregungen bereit, die den Einzelnen bzw. den Pfarrgemeinden helfen, an einer Offenheit ihrer Kirchen festzuhalten und sie als Orte der Stille und Selbsttranszendenz in den Dienst der Anwohner und Besucher zu stellen.

Sakralraumtransformationen Bd. 2
Münster: Aschendorff Verlag. 2023
245 Seiten m. s-w u. farb. Abb.
44,00 €
ISBN 978-3-402-21263-9

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