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Klaus Depta: Rock- und Popmusik als Chance
Karl Barth wird der Satz zugeschrieben, dass die Engel, wenn sie für den lieben Gott musizieren, natürlich Bach spielen, wenn sie aber unter sich sind, lieber Mozart spielen. Was aber, wenn sie weder Bach noch Mozart spielen und singen, keinen Palestrina und keinen Gregorianischen Choral? Was, wenn sie sowohl vor Gottes Angesicht als auch in einer himmlischen Jamsession ganz aus freien Stücken komplett andere Musik spielen – Rock zum Beispiel oder das eine oder andere Stück von Xavier Naidoo? Gospel oder Reggae? Oder wenn unter ihnen ein begnadeter Rapper wäre?
Unbestritten: Vielen Christen und vielen Anhängern europäischer Hochkultur geht bei Bachs Johannespassion oder Mozarts Requiem das Herz auf – dem Rezensenten auch. In deutschen Großstädten (noch in allen?) kann ein Kantor davon ausgehen, dass man vor Weihnachten mit dem Messias von Händel oder dem Weihnachtsoratorium von Bach volle Kirchen und Konzertsäle bekommt. Die Frage ist: Wen erreicht man – wenn man mit einer Wirkung der musikalisch-christlichen Botschaft in die Gesellschaft hinein rechnet? Bleiben die unter sich, die ohnehin schon in der großen Tradition verwurzelt sind? Und genügt das?
Es ist ein Grundproblem, dass ein Großteil derer, die über Musik im kirchlichen (Verkündigungs-)Raum zu bestimmen haben, von einer Sozialisation oder einem gewählten Stilensemble geprägt sind, worin Christentum, Geisteswissenschaft, Hochkultur und Feuilleton als Gesamtpaket zur Hand sind, das ein vorzügliches Differenzkriterium zur „säkularen Welt“, zum „Zeitgeist“ oder zur Dekadenz einer niedergehenden Konsumgesellschaft bereitstellt. Wen wundert es, dass die Kluft zwischen der „Gesellschaft“ und den Kirchen größer wird? Das kann man hinnehmen und beklagen oder genauer hinschauen und zum Beispiel die Ergebnisse der regelmäßig aktualisierten Sinus-Milieu-Studien studieren. Man würde zum Beispiel sehen, dass Musik immer zum Menschen und zu seinem Glauben gehört, und dass es heute ganz andere Formen von Musik sind, andere Klänge und andere Texte, die zur Lebenswelt derer gehören, die vom Mainstream kirchlicher Verkündigung abgehängt sind.
Jetzt zur Arbeit von Klaus Depta – wir sind allerdings schon mittendrin. Eine Warnung vorab: Wer dessen Plädoyer für die Chancen christlicher Rock- und Popmusik ernst und dann sein Buch zur Hand nimmt, sollte sich nicht auf einen Spaziergang freuen. Nahezu tausend dicht bedruckte Seiten mit einer nicht zu bewältigenden Fülle an Darstellungen, Detailinformationen, Links, CD- und Plattenveröffentlichungen warten auf den Leser und die Leserin. Der Autor, seit Jahrzehnten im Gebiet der Rock- und Popmusik als Hörer, Juror, Kritiker und Vermittler unterwegs, hat den Ertrag seiner umfangreichen Recherchen vorgelegt. Dieser Recherche und dem Umstand, dass das Werk als Dissertation an der Universität Vechta eingereicht wurde, verdankt sich der überaus große Detailreichtum, der auf den ersten Blick kaum zu bewältigen ist.
Die Arbeit legt zunächst den argumentativen Rahmen fest: Musik ist lebensweltliche Ausdrucksform in allen Milieus und eines der Elemente, die Milieus kennzeichnen. Die Suche nach den Formen der Ansprache, des Dialogs und der Verkündigung muss die Musik der Milieus in den Blick nehmen. Das fällt der katholischen Kirche nicht immer leicht. Bis in die jüngste Gegenwart hinein regiert ein Kanon „wahrer religiöser Musik“ in deutlicher Abgrenzung zu Formen, die durch ihre Nähe zu Ektase und Enthemmung als nicht geeignet angesehen wurden, die christliche Botschaft auszudrücken. Zumal um die Verwendung von Rock- und Popmusik im liturgischen Kontext lange ein heftiger Streit tobte. Diese Kontaktschwierigkeiten werden vom Verfasser detailliert nachgezeichnet.
Beeindruckend untersucht Depta die einzelnen Stilrichtungen, wobei die Kapitel über Gospel, Reggae und HipHop stellvertretend genannt seien. Der Gospel mit seinen Wurzeln in der Kultur der afroamerikanischen Sklaven und deren Befreiungsgeschichte ist wahrscheinlich die älteste Form noch heute gepflegter Musik, die das Spannungsfeld zwischen Kultur, Politik und Religion enthält und so illustriert, was Milieus bedeutet haben, lange bevor der Begriff in der empirischen Sozialforschung etabliert war. Mit dem Reggae wird der Cousin des Gospels beleuchtet, der noch deutlicher religiöse und gleichzeitig politische Intentionen enthält und zum Sprachrohr einer eigenen Religion wird. In diesem Zusammenhang werden Grundlagen, Entwicklung und wesentliche Lehren des Rastafarianismus nachgezeichnet und die wichtigsten Aussagen dieser religiös-politischen Musik nebst ihren bedeutendsten Protagonisten untersucht. Der HipHop schließlich ist die derzeit interessanteste Form der Jugendkultur, die für die christliche Botschaft anschlussfähig ist. Hervorzuheben ist dabei, dass es dem Autor an keiner Stelle um das eklektizistische Suchen nach einzelnen religiös verwendbaren Stücken und ihren Texten geht, sondern immer darum, das Ganze einer Stilrichtung in musiktheoretische Kontexte einzuordnen und verständlich zu machen.
Die unzähligen Verweise auf Veröffentlichungen und Alben sowie die Hintergrundinformationen zu Biographien vieler Künstler sind eine Fundgrube, die dieses Buch zu einem veritablen Handbuch macht. Dabei bleibt die Intention präsent, die musikalischen Formen und einzelnen Stücke zu Anknüpfungspunkten für Formen der Verkündigung, des Religionsunterrichts und der Katechese zu machen. So finden sich ausführliche Beschreibungen und methodische Hinweise, wie bestimmte Themen im Religionsunterricht mit Rock- und Popmusik erschlossen werden können.
Die Musik ändert sich und neue Formen werden entstehen – dennoch ist das Buch von Klaus Depta mehr als nur eine Momentaufnahme: Die jahrelange Beschäftigung mit dem Phänomen der Rock- und Popmusik hat dazu geführt, dass er die tragenden Grundlinien der wahrscheinlich spannendsten Jahrzehnte der Popularmusik in gültiger Form darstellen konnte. Das Buch muss natürlich weitergeschrieben werden – und zwar von allen Nutzern, die die Chancen des Mediums Musik erkennen, auf die religiösen wie christlichen Zusammenhänge neugierig sind und – hoffentlich – selbst ihre Erfahrungen mit diesem lebendigen Kosmos der Musik machen.
Wiesbaden: Springer VS. 2016
991 Seiten
69,99 €
ISBN 978-3-658-12188-4
