Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Klaus Mertes: Herzensbildung. Für eine Kultur der Menschlichkeit

Ein Buch mit „Herzensbildung“ zu betiteln, ist gewagt. Man könnte etwas „Softes“ vermuten, gar Esoterisches. Der Autorenname Klaus Mertes freilich lässt aufhorchen. Der Jesuitenpater und langjährige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs sowie des internationalen Jesuitenkollegs in St. Blasien hat sich einen hervorragenden Ruf als Pädagoge erworben, er war zudem ein Vorreiter im schonungslosen Offenlegen des Versagens kirchlicher Institutionen im Umgang mit sexueller Gewalt. So lohnt ein genauerer Blick, und in der Tat ist die Lektüre eine bereichernde.

Am Anfang der barmherzige Samariter. Eine scheinbar bekannte Geschichte, die doch immer wieder Energien freisetzt und zum Denken anregt. Im Blick auf den Samariter spricht Klaus Mertes vom „ansprechbaren“ Herz, das nicht sogleich „sicherheitshalber“ sortiert. Das ist natürlich ein Ideal: „Auch wenn das Herz Not sieht, kommt es an Abwägungsvorgängen nicht vorbei.“ Selten nur geschieht Hilfe so spontan, face to face und ohne Beteiligung oder Ansprüche Dritter. Wenn Mertes von der notwendigen Abwägung und auch von den unvermeidlichen Spannungen schreibt, bringt er Pascal wie Ignatius ins Spiel, zwei Großmeister der „Herzenslogik“. Mit ihnen gilt es, einen Weg zu gehen: „Nur das ungebildete Herz entzieht sich dieser Spannung durch trügerische Eindeutigkeit.“ Später wird es auch pointiert heißen: „Man kann ein Martin Heidegger sein und trotzdem einem Georg Elser an Herzensbildung unterliegen.“

Das umfassendste Kapitel ist dem Bereich „Herzensbildung und Schule“ gewidmet. Auch hier sind Spannungen allfällig. Grundsätzlich ist die Schule ja keine Freiheitsveranstaltung, greifbar eher als eine Institution, als eine Anstalt mit „richtigen“ respektive „falschen“ Antworten, mit Zeugnissen und mit einer Hausordnung. Dass diese Äußerlichkeiten die „Dauerpräsenz der Herzenslogik“ nicht ausschließen, sondern diese vielmehr unabdingbar machen, das illustriert Mertes auch sehr praktisch. Er erwähnt den Brief eines älteren Mannes, der darüber nachdachte, was ihm in seiner Schulzeit am meisten gegeben hatte. Die frappierende Antwort: das Orchester! Dort habe er Geduld und Kooperation, Takt und den Sinn für Ästhetik und Qualität erworben. „Der Brief war eine Hymne an die [das] Leben prägende Bedeutung des gemeinsamen Musizierens.“ Von hier aus kommt Mertes auf ein Prinzip, das er das „pädagogische Nutzenparadox“ nennt. Der Briefschreiber habe die Kompetenzen, die ihm so wichtig wurden, nicht „direkt“, gar der Pflicht halber erworben. Sie entwickelten sich durch die Freude an der Musik und am Zusammenspiel. „Der Nutzen ist in gewisser Weise nur ein Nebenprodukt. (…) Der übernützliche, transfunktionale Sinn von Musik, Literatur, von Begegnung mit fremden Lebenswelten, mit Natur, mit Geschichte oder Kunst wird nur erfasst, wenn er nicht von dem Nutzen her definiert wird, den er auch hat.“ Ist diese Überlegung eine banale oder eine hochkomplexe, ist sie allzu idealistisch oder auch im alltäglichen Schulleben aktuell? Es lohnt sich, darüber nachzusinnen.

Das gilt ebenso für ein weiteres Leitmotiv des Buches, das ein Klassiker ist und doch eine immerwährende Herausforderung darstellt: die Lehrer-Schüler-Beziehung. „Teachers make the difference“, so lautet das meistzitierte Wort aus John Hatties Studie „Visible Learning“ (2008). Mertes nimmt das Wort auf und sucht es mit der Frage „Aber wie kriegt man gute Lehrkräfte?“ auf die Schulwelt weiterzuführen. So erwähnt er die „Kraft des Feedbacks“, möchte diese aber im besten Sinne des Wortes kultivieren. Schön seine Hinweise: „Man muss sich fast immer ‚ein Herz fassen‘, wenn man einem Mitmenschen eine ehrliche Rückmeldung von Angesicht zu Angesicht geben will, möglichst in der Form, dass er die Rückmeldung von Angesicht zu Angesicht annehmen kann, statt defensiv-aggressiv reagieren zu müssen. (…) „‚Tapferkeit vor dem Freund‘ (Aristoteles) lässt sich üben.“

Solche Hinweise aus der Praxis, ob zu den Pluspunkten und Tücken der Digitalisierung oder zu dem weiten Feld der Prävention, machen das Buch zu einem wertvollen Begleiter, das sich gut stückweise bedenken lässt. Das gilt für den kürzeren Abschnitt „Demokratie und Herzensbildung“ wie für das abschließende „Curriculum der Herzensbildung“ aus dem Geiste des Ignatius von Loyola. „Es häufen sich ja in letzter Zeit“, so formuliert Klaus Mertes abschließend, „die Rufe aus der säkularen Gesellschaft an die Adresse der Kirchen, sie mögen angesichts der gegenwärtigen Krisen ihr Wissen teilen.“ Eine so überraschende wie weitsichtige Anmerkung. Der Jesuit hat sein Wissen klug geteilt.

Freiburg: Herder Verlag. 2024
158 Seiten
18,00 €
ISBN 978-3-451-39792-9

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