Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Klaus Scholtissek: Das Johannesevangelium

„Die Johannesforschung der letzten drei bis vier Jahrzehnte ist von weitreichenden Um- und Neuaufbrüchen geprägt.“ (8) Das neue Lehrbuch von Klaus Scholtissek scheint sich mit seinem ersten Satz in die zahlreichen Publikationen zur johanneischen Forschungsgeschichte einzureihen. In „Das Johannesevangelium. Ein Arbeitsbuch zu innovativen Forschungsperspektiven“ beschreitet der Jenaer apl. Professor für Neues Testament jedoch ungewohnte Wege, indem er unmittelbar mit der Darstellung und Diskussion innovativer hermeneutischer und methodischer Zugänge zum Johannesevangelium beginnt. Wer einen Forschungsüberblick über einflussreiche Modelle der Johannesentstehung erwartet, wird hier nicht fündig. Der Autor weist der klassischen johanneischen Literarkritik nur noch einen Platz in der Forschungsgeschichte, aber nicht mehr innerhalb der aktuellen Johannesauslegung zu.

Nach einer kurzen Hinführung geht es zunächst um den Kontext des Johannesevangeliums im frühen Christentum. Hier wie im gesamten Buch besticht Scholtissek mit der Einarbeitung neuester Forschungsliteratur. Auch kurz vor der Erscheinung des Lehrbuchs veröffentlichte Beiträge werden berücksichtigt. Dem aktuellen Forschungstrend entsprechend, rücken hypothetische Quellenschriften wie die Semeia-Quelle zugunsten der Annahme einer Kenntnis der synoptischen Evangelien aus dem Fokus. Außerdem werden allzu weitreichende Rückschlüsse auf die historische Situation der johanneischen Gemeinde zurückgewiesen.

Nach exemplarischen Textbeobachtungen zum Johannesprolog folgen je ein ausführliches Kapitel zur Sprach- bzw. Erzählwelt und zur johanneischen Theologie, hier Denkwelt des Johannesevangeliums genannt, bevor das Buch mit einer Zusammenfassung und Ausführungen zur Gegenwartsbedeutung des Johannesevangeliums abgerundet wird.

Bezeichnend für das gesamte Buch ist eine gewisse Affinität für synchrone, narrative Zugänge: „Die Erzählforschung hat die Johannesexegese mit vielen überzeugenden Textanalysen und -interpretationen bereichert. Die narrative Analyse und Interpretation johanneischer Texte hat sich vielfältig bewährt und ihre Leistungsfähigkeit nachgewiesen.“ (93-94) Diese These wird mit zahlreichen Beispielen aus der aktuellen Johannesforschung überzeugend untermauert.

Auch bei aktuellen hermeneutischen Konzepten zur Entstehungsgeschichte, wie dem Relecture-Modell, wenngleich hier nicht ganz präzise als „methodische[r] Zugang“ (88) bezeichnet, differenziert Scholtissek trennscharf zwischen einer Anwendung als literaturwissenschaftliches Verstehensmodell und einem Verständnis als „Korrekturparadigma“ (88), das letztlich eine Neuauflage der Redaktionskritik sei. In Scholtisseks Arbeitsbuch spielt die übliche Unterscheidung zwischen dem Evangelisten und einer wenig geschickten Redaktion für die Erklärung des Endtextes überhaupt keine Rolle mehr.

Im zweiten Hauptteil zur Denkwelt des Johannesevangeliums lassen die exemplarischen Darstellungen verstärkt die Handschrift des Autors erkennen, der nun vermehrt auf einige seiner zahlreichen Publikationen zum Johannesevangelium verweist. Überzeugend ist die differenziert geführte Diskussion über antijudaistische Rezeptionen provozierende Elemente, die keine einfachen Lösungen anbietet. Hervorzuheben ist ferner die treffende Analyse johanneischer Theologie in Form von Begegnungsgeschichten: „Das Johannesevangelium verfügt über ein reichhaltiges Spektrum von Glaubenswegen, die in ihrer Schrittfolge und im Spiegel von Missverständnissen und Kurzschlüssen transparent sind für die Glaubenswege in der Gemeinde zu allen Zeiten“. (208)

Die ungebremste Produktivität der Johannesforschung nötigt bei der Darstellung innovativer Perspektiven natürlich sehr zur Selektion. Eher unterbelichtet bleiben hier gedächtnistheoretische Zugänge, die angesichts des „memory booms“ der letzten Jahrzehnte auch vor dem Johannesevangelium nicht Halt gemacht haben. Im Bereich Social Memory Theory ließe sich Scholtisseks Auswahl sicher noch gewinnbringend erweitern.

Insgesamt bietet Klaus Scholtissek Leserinnen und Lesern nicht nur eine pointierte Zusammenfassung innovativer Forschungsperspektiven, sondern auch ein innovativ konzipiertes Arbeitsbuch, das sich nicht länger an der Forschungsgeschichte der zweifellos großen Johannesexegeten des 20. Jahrhunderts abarbeitet. Wenngleich das Buch weniger als Einstiegslektüre geeignet ist, kartografiert es für Leserinnen und Leser, die mit dem Johannesevangelium vertraut sind, ein weit gespanntes und einladendes Forschungsfeld. 

Ein Arbeitsbuch zu innovativen Forschungsperspektiven
utb
Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. 2025
308 Seiten
29,90 €
ISBN: 978-3-8252-6409-3

Zurück