Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Lambert Wiesing: Assoziationen. Das Erlebnis der Individualität

„Ein Zeichen schon erinnert uns, ein ganz leise geflüstertes Wort weckt eine versunkene Welt wieder auf, und ein Duft, den man einst atmete, ist hartnäckiger als der Tod …“, heißt es in Georges Bernanos‘ Erstlingswerk. Und in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lässt der Geschmack eines kleinen Sandkuchens beglückende Bilder aus der Kindheit vor dem inneren Auge des Protagonisten auftauchen.

Was damit literarisch beschrieben wird, ist im Buch von Lambert Wiesing Gegenstand einer präzisen phänomenologischen Untersuchung, nämlich die Assoziation, also die Weckung einer Erinnerung oder eines Gefühls bzw. einer Imagination durch einen anderen Bewusstseinsinhalt, der eine Wahrnehmung oder auch selbst eine Erinnerung sein kann. Diese Weckung erfolgt spontan ohne aktives Zutun des Assoziierenden und stellt zwischen dem weckenden und dem geweckten Bewusstseinsinhalt eine Verbindung her. Die beruht auf einem „Weil-Erlebnis“, nach dem die weckende Vorstellung die geweckte hervorgerufen hat.

Jeder kann die von Wiesing unterschiedenen Charakteristika einer Assoziation anhand eigener Erlebnisse gut nachvollziehen. Ich wurde einmal beim Vorbeigehen an einer Baustelle durch den Geruch des Mörtels an die Bauklötze erinnert, die mein Vater, ein Maurer, mir mit Mörtel hergestellt hat, indem er dafür leere Streichholzschachteln als Gussform verwendete. Der Mörtelgeruch ist die weckende Vorstellung, der Bauklötze herstellende Vater die geweckte. Beides verband sich für mich, ohne dass ich mich aktiv erinnert hätte, zu einem inneren Erlebnis von Bildern der Kindheit. Und auch das Entscheidende wird an diesem Beispiel sichtbar, das den Kern der Argumentation des Autors darstellt und seine wichtigste Ableitung ist: Die geweckte Vorstellung des Bauklötze herstellenden Vaters, und zwar meines Vaters, verweist auf ein einmaliges Geschehnis in meinem Leben. Das unterscheidet diese Assoziation von einem Einfall, etwa dem, mit Mörtel etwas Bestimmtes reparieren zu können, einem Einfall also, den jeder haben könnte. Ein Einfall stößt mich nicht auf die Erkenntnis, dass ich es grade bin, ich als Individuum, das diesen Gedanken hatte. Dagegen gilt: „Assoziationen führen zu einer Bekanntschaft mit sich selbst: mit sich selbst als ein spezifisches Subjekt.“

Diesen Fund wertet der Autor im zweiten Teil des Buches weiter aus. Er grenzt das Subjektselbstbewusstsein, das alle Akte des Menschen begleitet, vom besonderen Individuumselbstbewusstsein ab, das, ohne mich gezielt selbst zum Thema zu machen, mir unmittelbar gegeben ist, und zwar nur mit der Assoziation. Die Assoziation erst weckt aus dem selbstverständlichen Dahinleben, was Heidegger „das Man“ nannte. „Die Assoziation ist eine Individualitätszumutung: Sie zwingt mich, dass ich für mich ein spezifisches Subjekt bin.“

Der Autor schwankt zwischen der „Zumutung“ und „wunderbaren Momenten eines Assoziationserlebnisses“. Beides ereignet sich, schwerwiegender aber ist gewiss die Zumutung, die besonders deutlich wird, wenn man eine besondere Form der Assoziation betrachtet, die der Autor mit dem begrifflichen Besteck der Husserl‘schen Phänomenologie von anderen unterscheidet. Sie tritt dann auf, wenn das weckende Bewusstsein weiter zusammen mit dem geweckten gegenwärtig bleibt und vom geweckten seine besondere emotionale Färbung erhält. In Bernanos Erstlingsroman wird der Protagonist in einem engen Zimmer plötzlich von der Angst erfasst, in der Falle zu sitzen. Zweifellos beschreibt das die von Bernanos‘ angstvoll durchlittene Situation des Grabenkämpfers in seinem Unterstand, die plötzlich von diesem Zimmer geweckt wird und es mit dem Gefühl der Angst verbindet, verschmilzt. Hier kann man Wiesing weiterdenken und weitere negative Gefühle nennen, die durch Assoziationen geweckt werden, etwa Trauer, Scham, Hass, und vor allem Schuldgefühle, die mir in bestimmten Situationen ohne mein Zutun aufgegeben werden und mich quälen. Das sind keineswegs nur flüchtige Erlebnisse der eigenen Individualität, sondern schmerzhafte und dauernde seelische Lasten. Wiesing bekennt selbst, dass solche Erfahrungen grundlegend sind für das Erleben der Wirklichkeit.

Denkt man an positive Emotionen, die mit solchen Assoziationen geweckt werden, so ist es gewiss auch das Gefühl der Liebe. Hier wäre interessant, diese Studie zu ergänzen durch eine Untersuchung des sehr häufigen Phänomens, dass Menschen, die sich nach langer Freundschaft oder Partnerschaft sehr nahe sind, plötzlich im selben Moment an dasselbe denken müssen. Sie assoziieren mit einer Situation, in der sie sich befinden, zeitgleich etwas Bestimmtes aus ihrem gemeinsamen Leben. Das ist dann nicht nur das wunderbare Erleben der jeweiligen Individualität, sondern auch der Zweiheit, der Ich-Du-Einheit, wie sie Martin Buber beschrieben hat.

Verdienst dieser phänomenologischen Studie ist auch, die biographische Identität der Person gegen postmoderne Ansätze der Dekonstruktion zu sichern. Hier wäre ein Anknüpfungspunkt, wesensphilosophische Betrachtungen der Individuation, etwa bei Francisco Suárez, einzubeziehen, sowie die schwerwiegende Frage, ob ein Mensch, der nicht assoziiert, weil er im Koma ist, oder einer, der im Zustand der Demenz zwar assoziiert, aber nicht das Erlebnis der Individualität hat, als Person zu betrachten ist.

Eine hochspannende Lektüre, die wichtige Fragen aufwirft. Absolute Leseempfehlung.

stw 2457
Berlin: Suhrkamp Verlag. 2025
190 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-518-30057-2

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