Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Luke Russell: Das Böse

Der Autor, Philosophie-Professor an der Universität Sydney, publizierte diesen Text unter dem Titel „Being Evil“ in der englischen Originalausgabe anno 2020. In dankenswerter Klarheit exponiert der Verfasser gleich mit dem ersten Satz das Ziel seiner Erörterung: Existiert das Böse? Den halbwegs informierten Zeitgenossen überrascht diese Frage angesichts millionenfacher Grausamkeiten in der Weltgeschichte bis in die letzten Jahrhunderte mit Weltkriegen und Holocaust; aktuell ist das Böse mit dem Blick auf die Ukraine und auf Israel/Gaza doch mit den Händen zu greifen.

Luke Russel möchte im Kontext seiner Leitfrage zugleich klären, was der sprachliche Terminus „böse“ überhaupt bedeuten soll. Obwohl der Autor dies nie explizit benennt, ist er mit diesem Ansatz offensichtlich ein Vertreter der im angelsächsischen Bereich dominierenden Analytischen Philosophie, die in einem linguistic turn zunächst nichts über die Welt sagen, sondern darüber reden will, wie die gewöhnlichen Zeitgenossen über die Welt reden; Philosophie gerät damit zur Rede über die Rede von … Sprache ist hierbei Gegenstand und Werkzeug der Philosophie zugleich. Auf diesem Hintergrund nimmt Russel in den Blick, was der common sense als Böses landläufig „bezeichnet“/„benennt“, wie der Begriff „verwendet“/„gebraucht“ wird. Dieser empirische Ansatz führt zu einer recht umständlichen und teilweise unübersichtlichen Besprechung von unzähligen Fallbeispielen auf Russels „Spurensuche“ (so ja der Untertitel).

Das erste Exempel, der Terrorismus, liefert keine Klarheit: Den einen „gilt“ er als Manifest des Bösen, andere „halten“ ihn für einen legitimen Freiheitskampf. Auch das nächste Beispiel, nämlich notorische Serienmörder, erbringt keine objektiven Kriterien, denn – anders als bei den Terroristen aus dem politischen Raum – „attestieren“ viele jenen eine Geisteskrankheit, also läge keine ethische Verantwortlichkeit der Täter vor. Der dritte Bereich bezieht sich auf Kriegsverbrechen und wird am Beispiel des Holocaust diskutiert; dafür „verwenden“ viele die Vokabel „böse“, ihnen „gilt“ dieser tatsächlich als Manifestation des Bösen. Russel wertet den Massenmord an den Juden schließlich als „an sich relativ unumstrittenstes Beispiel für böse Handlungen“ (22).

Er abstrahiert aus den drei genannten Phänomenen folgende Hauptcharakteristika: Diese Handlungen hält man für absichtliche Tötungen, für ethisch verwerflich, sie betreffen zahllose unschuldige Opfer und die Täter sind schuldig, weil verantwortlich für ihre Missetaten. Weitere Anläufe zur analytischen Begriffsbestimmung des Bösen liegen dann darin, dessen Eigenschaften über die Reaktion von Zeugen zu klären. Letztere „bestimmen“ böse Taten oft als Schrecken und Entsetzen Auslösendes, als Verhaltensweisen, von denen man sich nicht vorstellen könnte, diese selbst jemals zu tun. Der Autor räumt jedoch ein, dass solche reaktionsabhängigen Beispielbestimmungen kontextabhängig seien. Ein weiterer Anlaufversuch: Bestehen die gesuchten Charakteristika in der psychischen Verfasstheit der Täter, etwa wenn Untaten von Böswilligkeit oder sadistischer Lust geprägt sind? Doch auch hierbei konzediert Russel, dass es gegen diese Perspektiven wichtige Einwände gibt.

Schlussendlich gesteht der Autor, dass in den immer wieder neuen Anläufen zur gesuchten Definition diese an „Griffigkeit“(100) verloren habe, und präsentiert als Begriffselemente: Ein Handeln sei dann „böse“, wenn einem Opfer Unrecht mit extremen Nachteilen geschehe durch einen Täter, der dafür verantwortlich und dadurch schuldig sei.

Summa summarum ist ein solches Ergebnis der Erörterung eher dürftig; man hätte solche Begriffselemente auch nach einem Brainstorming mit Passanten einer Fußgängerzone zusammenstellen können. Fehlende Stringenz und Substanz dieser Spurensuche sind u.a. dem mangelnden Einbezug gewichtiger philosophischer Positionen der Philosophie(-geschichte) geschuldet – daran ist bei einem solch klassischen Thema ja weiß Gott kein Mangel. De facto bezieht sich Russel jedoch im gesamten Werke jeweils nur kurz und ohne substantielle Auswertung auf: Thomas von Aquin (8), Wittgenstein (9), Augustinus (71) und Aristoteles (128); lediglich Hannah Arendt wird ausführlicher diskutiert. Neben unzähligen Exempeln widerwärtiger realer Krimineller werden (zu) viele fiktive Beispiele aus Fantasy, Science-Fiction und Horrorfilmen bemüht, z.B: Harry Potter, Dr. Evil, Krieg der Sterne, Game of Thrones und Heavy-Metal-Musikstücke. Unterm Strich: Ein Buch für Alle und Keinen?

Eine philosophische Spurensuche
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Müller
Reclam Denkraum
Stuttgart: Reclam Verlag. 2023
156 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-15-011371-4

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