Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Magnus Striet: Alte Formeln – lebendiger Glaube

Wie der Titel des vorliegenden Werkes ankündigt, versucht der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet die „alten Formeln“ des überlieferten Glaubensbekenntnisses für einen lebendigen Glauben der Gegenwart neu zu erschließen. Aus nachvollziehbaren Gründen ist ihm angesichts der heutigen kosmologischen und evolutionsbiologischen Kenntnisse der Glaube an einen paradiesischen Urzustand der Menschheitsgeschichte nicht nachvollziehbar. Genauso wenig nachvollziehbar ist ihm die Vorstellung einer Ursünde, die von Adam auf die Menschheit übergegangen ist. Vielmehr sei der Mensch zuallererst das Ergebnis einer Millionen Jahre währenden Evolutionsgeschichte, das allerdings mit der Fähigkeit ausgestattet sei, durch Akte der Freiheit zur Natur – seiner inneren wie auch der äußeren – in ein Verhältnis zu treten. Insofern wird Gott denkbar als ein Schöpfer, der dem Menschen Freiheit geschenkt hat und um die freie Erwiderung dieser Liebe wirbt. Damit geht er zwangsläufig das Risiko ein, dass der Mensch diese Liebe nicht erwidert, und die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist darum geboren aus dem göttlichen Willen, dem Menschen auch dort noch seine Freundschaft anzubieten, wo dieser sie auf eine für Jesus tödliche Weise zurückweist.

Mit einer auffallenden Selbstverständlichkeit setzt Striet dabei Freiheit und Autonomie des Menschen voraus, während die klassische Erlösungslehre für ihn mentalitätsgeschichtlich verheerende Folgen hat: Philosophiegeschichtlich ist es insbesondere Immanuel Kant, dessen Freiheitsverständnis ihm rückwirkend eine Schöpfungsvorstellung erschließt, die nicht im genannten Sinne durch die Ursünde verdunkelt ist: „Deshalb ist das Credo in seiner Auslegung mit einem normativen Begriff von Freiheit zu versöhnen, der sich aus der Tradition des Freiheitsdenkens in der Aufklärungsepoche schlechthin versteht. Nicht Nietzsche, nicht Heidegger, sondern Kant soll sein.“ (67) Jesus ist dann auch nicht für uns und um unserer Sünden willen gestorben, denn diese Vorstellung würde „die moralische Dignität Gottes vernichten“ (92). Sein Tod war vielmehr das Ergebnis innerjüdischer Auseinandersetzungen. Mensch geworden ist Gott vielmehr, weil er auf bleibende Weise die Freundschaft des Menschen sucht.

Gerade im Blick auf das skizzierte Freiheitsdenken kann man den vorliegenden Überlegungen ihre Überzeugungskraft nicht absprechen. Dabei setzt die skizzierte Kantrezeption allerdings weiterführende Fragen frei. So kann „Autonomieanspruch“ bedeuten, dass ich beanspruche, autonom zu sein, aber auch, dass ich mich dem Anspruch der Autonomie unterwerfe. Gleiches gilt für den Freiheitsanspruch. Insofern weiß auch Striet um die Schwäche der menschlichen Vernunft, und er würdigt in dieser Hinsicht nachdrücklich den Realismus Kants: Er habe um „das Tierische“ im Menschen gewusst und es als „Laster“ bestimmt, wenn die schwache Vernunft mit dem Tierischen in Konflikt gerate.

Fordert das aber nicht zu einer Neubesinnung auf die Sündenfallerzählung auf? Gerade vor dem für Striet so wichtigen evolutionsgeschichtlichen Hintergrund wissen wir, dass der Mensch mit einer angeborenen gentilistischen Prägung zur Welt kommt, kraft derer er die Neigung besitzt, nur oder in erster Linie seinesgleichen im vollwertigen Sinne als Mensch anzuerkennen. Selbst bei einem fernen Unfall wird uns oftmals nicht nur die Anzahl der Opfer bekannt gegeben, sondern auch die Zahl der sich darunter befindenden Deutschen, und es gibt Sprachen, die kein Wort für die Universalie Mensch besitzen. Das mit dem Schöpfungsglauben gegebene Bewusstsein, dass wir alle Kinder Gottes sind, stellt in dieser Hinsicht einen bewusstseinsgeschichtlichen Quantensprung dar, den nachzuvollziehen eine bleibende Aufgabe bedeutet. Als Sündenfall lässt sich dann jener Rückfall in seinen tierischen Ursprung verstehen. Bezeichnenderweise wird Kain nach der Ermordung Abels zum Gründer einer Stadt, und dass die Gründung eines Gemeinwesens durch Ausschlüsse der jeweils anderen geschieht, zeigt nicht nur der Begriff „communio“, in dem die lateinische Wortwurzel „moenia“ – die Mauer – steckt, sondern auch der Mythos vom Gründungsmord Roms, in dem Romulus seinen Bruder Remus umbringt. Im Schöpfungsglauben begegnet uns darum zwangsläufig auch die Parteinahme für den ausgeschlossenen Anderen, und Augustinus, der nicht nur die Erbsünde erfunden hat, sieht das Wesen der Kirche darin vorgebildet, wenn er von einer „ecclesia ab Abel“ spricht. Daraus ergibt sich freilich ein erweitertes Verständnis des jesuanischen Kreuzestodes und der Kirche. Diese zu entfalten würde die Möglichkeit einer Rezension übersteigen.

Das Glaubensbekenntnis ausgelegt für die Gegenwart
Freiburg: Herder Verlag. 2024
175 Seiten
18,00 €
ISBN 978-3-451-39859-9

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