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Manfred Koch: Rilke. Dichter der Angst. Eine Biografie
Um es vorwegzusagen: Unter allem, was bisher zu den bevorstehenden Rilke-Jubiläen (1875 -1926) erschienen ist, sticht dieses Werk heraus. Keineswegs nur Biografie im üblichen Sinn, sondern vielfach auch Werkinterpretation, zudem oft mit überraschenden Querverweisen auf Kultur- und Literaturgeschichte, im Ganzen ein Lesevergnügen voll plastischer Bezüge und ein reichhaltiger Lerngewinn dazu. Das fängt schon mit dem überraschenden Titel an, gilt Rilke doch gewöhnlich als eher ästhetisierend abgehobener Dichter oder quasi religiöser Seelentröster, als bevorzugter Kandidat zudem für Hintersinn und Kalendersprüche. Dass Koch nicht chronologisch mit Rilkes Prager Kindheit beginnt, sondern mit dessen schockierender Großstadterfahrung in Paris, zeigt, wie originell und kenntnisreich er den immensen Stoff komponiert. Entsprechend kommt Rilkes ebenso genialem wie erfolglosem Selbstheilungsversuch im Pariser Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ besondere Bedeutung zu (die Hauptfigur ist eine Art literarischer Schattenbruder, mit ebenfalls drei vokalreichen Worten im dänischen Namen); denn darin wollte der Dichter „sein Kindheitsleben – und das heißt: die Geschichte seiner Ängste – mit unerbittlicher Genauigkeit aufarbeiten“ (246). Für Malte-Rilke gilt: „Er war ein Dichter und hasste das Ungefähre.“ Das gilt für seine Selbstanalyse ebenso wie für die Darstellung der Großstadtwidersprüche, die zum ersten Mal literarisch unters Mikroskop genommen werden.
Von der Pariser Zeit geht es zurück in die Darstellung von Kindheit und Werkbeginn. Unter dem Leitwort „Mutterfieber“ wird jene biografische Konstellation vermessen, die Rilkes gesamte Biografie und Bedeutung in Bann schlägt – im Prinzip vielfach schon benannt und beschrieben, hier aber in ihrer Tragik und Wirkmacht sensibel bis in ihre Verästelungen und Veränderungen hinein gewürdigt. Nach dem frühen Tod der älteren Schwester als Siebenmonatskind geboren, gerät der Junge nämlich in den Herrschaftsbereich einer eigensüchtigen Mutter und eines im Schatten stehenden Vaters – stigmatische Beziehungsangst und Verschmelzungssehnsucht sind sterbenslang die Folge: „Ich bin gar kein Liebender, mich ergreift‘s nur von außen, vielleicht hat mich nie jemand ganz und gar erschüttert, vielleicht weil ich meine Mutter nicht liebe.“ So schrieb Rilke später einmal sichtlich erschüttert (303); auch von „Habsucht nach sich selbst“ ist die Rede (239). Man lese nur das Gedicht „Ach, wehe, meine Mutter reißt mich ein“ des immerhin schon 40-Jährigen, um eine Ahnung von der grundlegenden Lustangst zu erspüren, unter der Rilke schrecklich litt und der er (deshalb?) solch poetischen Sprach- und Sehgewinn abrang. Lou Salome – die Geliebte, Muse und Mentorin seines Lebens – stellte im Rückblick bei Rilke ein „Gefühl von beirrender Doppelgeschlechtlichkeit“ (165) fest; die mütterliche Mäzenatin Marie von Thurn und Taxis schrieb ihm unverblümt: „Der selige Don Juan (ist) ein Waisenknabe neben ihnen“ (335); der verehrte Rudolf Kassner sprach im Blick auf Rilkes Gesamtwerk „von einer sublimierten Phallik“ (406). Unvermeidlich muss das Stichwort „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ fallen: „seine Liebesbedürftigkeit, die ja seit jeher ein paradoxes Zwiegespann mit seiner Einsamkeitssehnsucht bildete“ (449).
Aber Koch ist viel zu klug und genau, um Rilke zu pathologisieren und sein Werk zu psychologisieren. Paradox spricht er von einem „nicht-ichbezogenen Narzissmus“ (241), also einer ungemein kreativen Gestaltungskraft ins Andere, Größere, Offene hinein trotz allem. „Mit der Hypersensibilität des aus der Bahn Geratenen, dem alles symbolisch wird“ (22) er-findet der Dichter die Wirklichkeit neu; das Reale (so oft enttäuschend und verletzend) wird aufgehoben in den idealisierten, vermeintlich transzendenten „Weltinnenraum“. Diese „Sehnsucht, den Subjekt-Objekt-Gegensatz hinter sich zu lassen, ist … wohl die wichtigste Antriebskraft seines Schreibens“ (416).
Natürlich kommen lebensprägende Erfahrungen wie die beiden Russland-Reisen und ihr Ertrag im Stunden-Buch zur Sprache, und entsprechend dann das epochale Spätwerk mit den „Duineser Elegien“ und Sonetten samt dem oft unterschätzten lyrischen Dialog mit Erika Mitterer. Die imponierenden Übersetzungsleistungen (u.a. Augustinus und Michelangelo) werden im Kontext gewürdigt samt dem erstaunlichen Letztwerk der französischen Gedichte. Diese werkorientierten Würdigungen bleiben eingeordnet in das Geflecht vielfältiger persönlicher Bezüge und politischer Konstellationen in und um den Ersten Weltkrieg, in den eingezogen zu werden Rilke mit aller Raffinesse zu vermeiden wusste. Ein genaues Personenregister hilft zur Orientierung im Einzelnen.
In theologischer und religionspädagogischer Perspektive ist dieser Rilke – in der katholischen „Mutterreligion“ groß geworden – nicht zuletzt deshalb inspirierend, weil er als Musterbeispiel für jenen modernen Menschen verstanden werden kann, der nach dem Tode Gottes sich seinen Glauben neu er-finden muss, nachkirchlich und auch nachchristlich, in abgründiger Einsamkeit aus sich heraus: der Dichter als Mönch, als Priester, als Seher und vor allem als Stifter mit besonderer Sendung!
Was für biblischen und kirchlichen Gottesglauben selbstverständliche Mitte war und ist, ist diesem Dichter unerschwinglich geworden: die Gegenüber-Struktur wirklicher Gottesbegegnung, gar auf gleicher Augenhöhe und in freigebender Wechselseitigkeit. Förmlich um des Überlebens willen schafft dieser Dichter eine mythopoetische Gegenwelt und gibt der neuzeitlichen Grundfrage nach dem Verhältnis von Religion und Ästhetik besonderes Format. Mag das Etikett „Ersatzreligion“ auch klischeehaft bleiben, hier liegen zweifellos Gründe für die ungeheure sinnvermittelnde und (ver)tröstende Wirkung des unverwechselbaren Rilke-Sounds seit dem frühen Besteller „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets“. Mit Recht schließt Koch seine große Biografie mit dem Nachruf Musils, Rilke habe „das deutsche Gedicht zum ersten Mal vollkommen gemacht.“
München: C.H. Beck Verlag. 2025
560 Seiten m. s-w Abb.
34,00 €
ISBN 978-3406-82183-7
