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Martin Ebner: Mitreden, mitentscheiden, mitgestalten
Mit dem Büchlein „Mitreden, mitentscheiden, mitgestalten. Wie sich frühchristliche Gemeinden organisierten und was wir daraus lernen können“ führt der emeritierte Bonner Neutestamentler die argumentative Linie fort, die er in „Braucht die Katholische Kirche Priester? Eine Vergewisserung aus dem Neuen Testament“ (2022) begonnen hat: Hier geht es stärker um die Frage von Gemeindeorganisation und Gemeindeleitung, doch das zentrale Thema ist auch dieses Mal die Frage, ob es das Amt braucht und wie sich die Katholische Kirche durch Rekurs auf die Praxis früher Jesusnachfolger, die sich in neutestamentlichen Texten spiegelt, verändern und weiterentwickeln könnte.
In vier Kapiteln geht Ebner unterschiedliche Facetten frühchristlicher Sozialisations- und Organisationsformen ab: „Das Panorama frühchristlicher Gemeindeordnungen“ (11-38) stellt unterschiedliche Modelle und die Zuordnung von Amt und Charisma vor, wobei Erstere aus der Organisation und Verwaltung der antiken Städte abgeleitet werden. Synagogengemeinden, die in der Organisationsform als antike Vereine ebenfalls Pate gestanden haben könnten, kommen dabei etwas zu kurz und die Pastoralbriefe als Gegenmodell zu den Paulinen etwas zu schlecht weg. Schon im ersten Kapitel wird klar, wohin die Argumentation steuert: auf die Linie des Synodalen Wegs und zu einem Plädoyer für Gemeindemodelle, die an den Gemeinden paulinischen Typs orientiert sind.
Das macht die Argumentation im Buch unnötig eng und lenkt die Lektüre ebenso wie die Impulsfragen, die sich jeweils am Ende der zwölf Unterkapitel der Kapitel „Modelle der Gemeindeleitung“ (39-54), „Konflikte und Korrekturen“ (55-92) und „Der alte (und neue) Platz der Frauen“ (93-115) finden. Das abschließende fünfte Kapitel „Von frühchristlichen Gemeinden lernen: das Kirchenboot umbauen“ (116-131) bringt klar auf den Punkt, dass es dem Autor um einen Umbau kirchlicher und gemeindlicher Strukturen geht: „Für die Entfaltung des Evangeliums braucht es geeignete organisatorische Formen, die den Mehrwert des Christlichen zur Geltung kommen und erfahren lassen. Jesuanisch gesprochen heißt das: Strukturen aufbauen, in denen Gottesherrschaft anfanghaft erlebt und verwirklicht werden kann.“ (119) Braucht es zur Evangelisierung eher Strukturen oder eher vom Evangelium begeisterte Menschen? Hier zeigt sich eine der Diskussionslinien, die die Kirche insgesamt und ihre vermeintlich „progressiven“ und „konservativen“ Lager umtreiben – und die insgesamt vielleicht eher schadet als nützt.
An Ebners Darstellung gibt es Vieles zu loben, angefangen von der klaren thematischen Auswahl und Darstellung des Materials, sodass es auch für Nichtexperten in Gemeinden (ebenso wie Oberstufenkurse und Erstsemester, v.a. theologische Quereinsteiger in neuen Studiengangformaten, die eine gut lesbare Einführung in diese Thematik sehr begrüßen dürften – allerdings ohne die etwas zu arg steuernden Impulsfragen) verständlich ist, über die lebendigen Einblicke in frühchristliches Leben in römischen Kontexten bis zu den historischen und theologischen Verbindungslinien zwischen den Paulusbriefen, dem lukanischen Doppelwerk und den Pastoralbriefen.
Dennoch bleiben auch kritische Rückfragen. So etwa, ob sich wirklich allein auf Basis von neutestamentlichen Texten Entwicklungen aus über 1800 Jahren Kirchengeschichte „korrigieren“ lassen, ohne das Reichskirchensystem, die Reformation oder das 19. Jahrhundert – kurz: die Tradition – mitzudenken? Lassen sich die small-scale-solutions, die für die paulinischen Gemeinden mit 15 bis 50 Gläubigen funktionieren, wirklich zur large-scale-solutions machen und auf die Weltkirche übertragen? Ist die Orientierung an gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten, wie sie Ebner im Fall der Pastoralbriefe gleichzeitig als erfolgreich für die Verbreitung des Evangeliums im Römischen Reich anerkennt, inhaltlich und strukturell als hierarchisches Paterfamilias-Modell als Anbiederung an die Gesellschaft ablehnt, wirklich ein Modell für heutige Struktur- und Organisationsfragen? Stellt sich nicht genau das gleiche Problem wieder, wenn Kirche mit Blick auf heutige gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten reformiert werden soll? Genau diese Diskussion ist zu führen und dazu leistet das Buch einen wichtigen Beitrag.
Dabei lohnt es, genauer hinzuschauen und historisch noch stärker zu kontextualisieren und zu differenzieren, um Kurzschlüsse und Anachronismen zu vermeiden. Dazu zwei Beispiele: Die Frage, warum das Gemeindemodell der Pastoralbriefe als „Gottes geordnetes Hauswesen“ propagiert wurde, wäre auch auf dem Hintergrund des Vereinsverbots unter Trajan zu beleuchten, das den Christen womöglich wenig andere Wahl ließ und vielleicht weniger mit Machtinteresse als mit Überlebenswillen zu tun hat. Auch bei der Frage nach der Haartracht in 1 Kor 11,2-16 wäre vielleicht noch stärker aus dem Kontext und dem Ausbruch aus vorgegebenen sozialen Rollen und Skripten zu argumentieren. Die Übersetzung der langhaarigen Männer als „Schwule“ und der kurzhaarigen Frauen als „Lesben“ (98-99) wird weder den Korinthern noch heutigen Diskursen gerecht. Ohne gleich Queering zu bemühen, ließe sich theologisch auch an ein Überschreiten von traditionellen sozialen Rollen im Sinne von Gal 3,27f. denken – mit einer prophetischen Neudefinition angesichts der Parusienaherwartung.
Es bleibt noch viel zu besprechen. Ebners Buch gibt dafür gute Impulse, an denen sich kritisch weiterzudenken lohnt.
Wie sich frühchristliche Gemeinden organisierten und was wir daraus lernen können
Innsbruck / Wien: Tyrolia-Verlag. 2025
152 Seiten
15,00€
ISBN 978-3-7022-4259-6
