Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin Kaufhold: Die abendländische Christenheit im Mittelalter

Auf der Suche nach historischen Einführungs- oder Überblickswerken zu einer bestimmten kirchengeschichtlichen Epoche stößt man noch allzu häufig auf Bücher, die altbekannte Themen mit nur wenigen neuen Einsichten präsentieren. Dazu gehören im Hinblick auf das Mittelalter vor allem die sogenannte Germanenmission, das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht, Entwicklungen in der Ordensgeschichte, Kreuzzüge und Verfolgung von „Häretikern“ sowie das Verhältnis zu Judentum und Islam. Mit einer gewissen Geschlechtersensibilität wird normalerweise auch die Frauenmystik beleuchtet. Umso mehr überrascht das neue Buch „Die abendländische Christenheit im Mittelalter“ von Martin Kaufhold, das sich in vielerlei Hinsicht wohltuend von der Masse vergleichbarer Darstellungen abhebt. Es erhebt den Anspruch, den wandlungsreichen, nah an den Menschen orientierten – und damit nicht allein auf die Mächtigen und christlichen Eliten bezogenen – Prozess der Christianisierung Europas nachzuzeichnen. Damit wagt der Autor einen erfrischend „anderen Blick“ (13). Der Mittelalterhistoriker lenkt die Aufmerksamkeit weg von dem einseitigen und auch verzerrten „Bild der mittelalterlichen Christenheit […] [von] einer strengen hierarchischen Ordnung mit dem Papst an der Spitze“ (13) und öffnet sie für die Vielfalt fremder „Möglichkeiten und […] Milieus unterschiedlicher Ausprägungen christlichen Lebens“ (26).

In drei Teilen, die der klassischen Gliederung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter folgen, werden neben den üblichen Schwerpunkten auch Aspekte wie die bäuerliche Welt des Frühmittelalters, die Leserschichten der Heiligen Schrift im Hochmittelalter, der von Dämonen, Geistern und Magie geprägte religiöse Alltag sowie insbesondere die Aufbrüche von Laien – Männern wie Frauen – thematisiert. Der Aufbau der Unterkapitel der drei Hauptteile ist jedoch weder linear noch streng chronologisch, sondern orientiert sich an thematischen Blöcken, die zwar in sich geschlossen wirken, zugleich aber Vor- und Rückgriffe sowie Seitenblicke in verwandte Felder erlauben. Dadurch entsteht ein Leseerlebnis, das Brüche und Kontinuitäten gleichermaßen nachvollziehbar macht und die Ursachen für Entwicklungen und Reformen deutlich werden lässt. Es gibt kein Kapitel, in dem nicht Bezüge zu vorangegangenen Abschnitten hergestellt würden. Zahlreiche Abbildungen vertiefen das Verständnis und eröffnen Einblicke in die fremdartige Welt des Mittelalters. Diese Andersartigkeit verbindet der Autor immer wieder mit dem heutigen Verständnishorizont, etwa wenn er den hagiographisch überlieferten Wettstreit des Hl. Patrick mit einem Druiden mit den magischen Duellen in den Harry-Potter-Romanen vergleicht (49). Durch solche Analogien gewinnen die Leserinnen und Leser einen deutlich lebendigeren Zugang zur Gedankenwelt des frühen Mittelalters, als es bloße Sachberichte ermöglichen würden. Die zahlreichen in kursiver Schrift eingefügten Quellenzitate, die geschickt in die Darstellung eingeflochten sind, vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von der mittelalterlichen Welt. Wo immer möglich, wird zudem versucht, die weibliche Perspektive einzubeziehen.

Darüber hinaus wagt Kaufhold zahlreiche Perspektivwechsel: So rückt er von der gängigen These des mittelalterlichen Klerikalismus ab und zeigt eindrucksvoll, dass zwar Päpste wie Gregor VII. das sittliche Leben der meist verheirateten oder im Konkubinat lebenden Priester kritisierten und zu reformieren suchten, dabei aber aus der Ferne nur begrenzten Einfluss hatten. Stattdessen habe ein Mentalitätswandel im Hochmittelalter dazu geführt, dass sich die Kirche von einer elitären Institution zu einer Volkskirche entwickelte. Christliche Laien mit neu erwachtem Sündenbewusstsein und stärkerer Hinwendung zum leidenden Christus erhoben zunehmend höhere sittliche Ansprüche an Priester, die sie als verkommen empfanden, und leiteten so „das Jahrtausend des Klerus in der lateinischen Kirche ein“ (163). Kaufhold kommt daher zu der diskussionswürdigen These: „Die Bewegung der Gläubigen veränderte die Christenheit tiefgehender als das rigorose Reformpapsttum.“ (165)

Dass manche Facetten der mittelalterlichen Christentumsgeschichte zu kurz kommen oder gar unerwähnt bleiben – etwa die Glaubenswelt von Frauen außerhalb des Klosters oder in der Spannung zwischen Kloster und Welt –, ist zwar bedauerlich, angesichts von über tausend Jahren Vielfalt aber kaum vermeidbar.

Trotz des Anspruchs eines neuen Blicks stehen auch in diesem Werk die klassischen Themen der mittelalterlichen Kirchengeschichte im Vordergrund. Das überrascht nicht, da die alltägliche Welt der „unsichtbaren“ Bevölkerung – Frauen, Bauern, niedere soziale Schichten – aufgrund der spärlichen Quellenlage nur ansatzweise erschlossen werden kann. Kaufholds Verdienst besteht jedoch darin, wenigstens rational nachvollziehbare Annahmen zu formulieren und zugleich offen für Revisionen zu bleiben. Geschichtsschreibung darf niemals in Stein gemeißelt sein – nur so kann sie in unserem Denken lebendig bleiben. Damit leistet Kaufhold einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur, regt durch Perspektivwechsel zum Nachdenken an und ist zweifellos absolut lesenswert.

Freiburg: Herder Verlag. 2025
431 Seiten m. farb. Abb.
38,00 €
ISBN 978-3-451-02977-6

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