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Martin Kirves: Albrecht Dürers Selbstporträt im Pelzrock
Wer kennt es nicht: Albrecht Dürers auf das Jahr 1500 datierte „Selbstbildnis im Pelzrock“? Mit dem an der Schwelle zur Neuzeit entstandenen Ölgemälde – sicherlich eine „Ikone der Renaissance“ (Martin Kirves) – verbinden sich etliche Fragen.
Offensichtlich hat Dürer (1471-1528) von sich eine repräsentative Darstellung geschaffen: Er zeigt sich „im Pelzrock“ – in der Robe des Hohen Rates der Stadt Nürnberg, in den er aber erst 1509 gewählt wurde. Ist sein Selbstporträt dann nicht Ausdruck einer Anmaßung? Oder hat es der Maler zurückdatiert?
Würde es sich um kein „Selbstbildnis“ handeln, sähe man in dem Mann mit segnender rechter Hand aufgrund unseres Bildgedächtnisses Jesus Christus. Dürer stellt sich in der Pose Christi dar. Muss eine solche Selbstinszenierung nicht als Hybris kritisiert werden?
Das „Selbstbildnis im Pelzrock“ ist das letzte in einer Reihe beeindruckender gezeichneter oder gemalter autonomer Selbstporträts, in denen der Künstler sich mit der eigenen Identität auseinandersetzt. Warum gibt es kein weiteres, zumal Dürers Karriere wenig später Fahrt aufnahm?
Die Malerei ist von außerordentlicher Qualität: Haut, Haare und Fell sind von einer geradezu fotorealistischen Genauigkeit. Uns scheint kein gemaltes Abbild, sondern eine reale Person gegenüberzutreten. Deshalb fragt sich: Warum fand dieses „Selbstbildnis“ in zeitgenössischen Quellen keine Erwähnung? Warum hat Dürer so viel Mühe und Zeit für ein ohne Entlohnung angefertigtes Bild aufwendet? Es hing in seinem Haus, nach seinem Tod im Nürnberger Rathaus und gelangte 1905 nach München.
Im „Selbstbildnis“ hat sich der Künstler nicht in der üblichen Dreiviertelansicht dargestellt, sondern tritt in strenger Frontalität aus einem dunklen Nichts hervor. Mit unbewegtem Gesicht blickt der Porträtierte den Betrachter überaus eindringlich an. Bei denjenigen, die bereit sind, sich diesem Blick auszusetzen, evoziert es Fragen: Werde ich durch diesen Blick nicht selbst in den Blick genommen? Wer ist es, der mich da anschaut?
Nun hat das Fehlen zeitgenössischer Quellen zu vielerlei Interpretationen angeregt. In der vorliegenden Monografie trifft der Kunstgeschichtler Martin Kirves zwei Vorentscheidungen: Zum einem nimmt er Dürers Anspruch, „eine bildlich formulierte Antwort nach sich selbst geschaffen zu haben“ (19), ernst; zum anderen sieht er in dem suggestiven Blick den wesentlichen „Bildgehalt“ (11).
Auf der Höhe der Augen – und damit des menschlichen Geistes – ist auf schwarzem Hintergrund in goldener Schrift rechts die Zahl 1500 und darunter das Dürer-Monogramm AD zu sehen. Auf der linken Seite steht: „Albertus Durerus Noricum / ipsum me propriis sic effin / gebam coloribus aetatis / anno XXVIII.“ Der Verfasser überträgt „So schuf ich, Albrecht Dürer aus Nürnberg, mich selbst mit angemessenen Farben im Alter von 28 Jahren“ (48) und betont: Dürer verwendet nicht die Formulierung „fecit“ (hat gemacht), sondern schreibt „effin“ – und unterstreicht damit, dass er sich selbst geschaffen hat. Der Maler ist somit ein Schöpfer: Dürer war davon überzeugt, dass die Gabe der künstlerischen Schöpfung eine Gabe Gottes ist, mit der der Künstler an der göttlichen Schöpferkraft Anteil hat. Hinzu kommt: Der aus sich selbst heraus schöpferische Maler präsentiert sich als Jesus Christus, wobei er den Segensgestus aus Christusikonen übernommen hat (und bis auf die Augenfarbe dem damals als authentisch geltenden Lentulus-Brief folgt). Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Muss das „Selbstbildnis im Pelzrock“ nicht als ein bildgewordenes Renaissance-Manifest wahrgenommen werden, das den Menschen ins Zentrum stellt und das Göttliche in den Hintergrund rückt?
Aber: Das Bild des 27-Jährigen verquickt Selbstporträt und Christusgestalt – wobei Kirves davon überzeugt ist, dass dem Künstler das Gemälde von 1500 ebenso wie die früheren als ein „Mittel zur Selbsterkenntnis“ (57) diente. Worin liegt die Besonderheit des „Selbstbildnisses im Pelzrock“? Bei der Beantwortung der Frage ist ein faszinierendes, leicht zu übersehendes Detail von Bedeutung: In der Iris des rechten Auges spiegelt sich ein Kreuz vor hellem Licht! Handelt es sich bloß um eine Spiegelung des Raumes, in dem sich die Person Albrecht Dürer/Jesus Christus befindet? Der Verfasser legt eine symbolische Leseart nahe: „Dürer sieht durch das Kreuz hindurch ins Licht“ (62) – auf Jesus Christus. Dann freilich ist dieses Selbstporträt ein „Bekenntnisbild“ (68): Es ist bildgewordener Ausdruck für Dürers religiöse Erkenntnis, „Christus in sich selbst zu entfalten“, um „dadurch ganz er selbst zu werden“ (68). Christus in sich selbst zu entfalten ist eine unabschließbare Lebensaufgabe: Sie wird auf dem „Selbstbildnis im Pelzrock“ auf eine Weise anschaulich, dass es keines weiteren Selbstporträts bedurfte; es verblieb im eigenen Haus, um seinen Erschaffer daran zu erinnern.
Dürer blickt, so die bisherige Interpretation, auf Jesus Christus. Wenn nun ein Betrachter in die Augen Dürers blickt, dann schaut ihm durch dessen Blick Jesus Christus an. Darin mag der tiefere Grund für die Suggestivität des Blicks liegen, der bei uns Betrachtern den Eindruck hervorruft, durchschaut (9) – und letztlich angenommen (80f) – zu werden. In diesem doppelten Blick erkennt der Verfasser den eigentlichen Bildgehalt.
In das „Selbstbildnis“ lässt sich ein Kreuz einzeichnen: Auf der Höhe der Augen und durch die Schrift hindurch lässt sich eine waagerechte Linie, vom Haarwirbel über die Nase durch den Mund zur segnenden Hand eine senkrechte Linie ziehen (69). In Albrecht Dürer erkennen wir Jesus Christus und in Jesus Christus erkennen wir Albrecht Dürer. In der Welt das Sakrale, das Sakrale in der Welt zu erkennen ist neu – weshalb Kirves im „Selbstporträt im Pelzrock“ eine „Ikone der Renaissance“ (83) erkennt.
Der ausgezeichnet bebilderte Band ermöglicht es, die aufschlussreichen Bildbetrachtungen nachzuvollziehen und dem Gedankengang zu folgen. Die eingängige Aufmachung und der günstige Preis legen nahe, dass sich die Monografie in erster Linie nicht an Kunsthistoriker, sondern an ein interessiertes Publikum wendet. Deshalb hätte sich der Rezensent an einigen Stellen einfachere Formulierungen gewünscht und eine nähere Begründung für den Rückgriff auf den Theologen Nikolaus Kues. Dieses Buch mag im Kreis von Dürer-Spezialisten kontrovers diskutiert werden, für den kunstgeschichtlichen und theologischen Laien indes gibt es viel zu entdecken und zu bedenken.
Eine gemalte Bildphilosophie
Petersberg: Michael Imhof Verlag. 2025
96 Seiten m. farb. Abb.
12,50 €
ISBN 978-3-7319-1570-6
