Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin Luther: Die 95 Thesen

Lateinisch/Deutsch
Mit Quellen zum Ablassstreit, herausgegeben von Johannes Schilling



In der Bücherflut zum Reformationsjubiläum fehlte bislang etwas Wesentliches: eine leicht zugängliche Ausgabe zentraler Texte rund um Luthers Ablassthesen – einschließlich der Thesen selbst. Zwar herrscht an wissenschaftlich fundierten Lutherausgaben kein Mangel, angefangen von der Weimarer Ausgabe bis hin zur neuesten zweisprachigen Studienausgabe stehen die Texte in bester Qualität zur Verfügung. Doch wohin greift, wer sich weder mit wissenschaftlichen Apparaten belasten noch auf die schnell verfügbaren Texte aus dem Internet zurückgreifen möchte, deren Zuverlässigkeit niemand garantiert?

Der emeritierte Kieler Kirchenhistoriker Johannes Schilling gibt darauf mit dem vorliegenden Bändchen eine überzeugende Antwort. In Reclam-typischer Kürze versammelt es grundlegende Texte für das Verständnis des Ablassstreits: Luthers Thesen und sein Begleitbrief an Erzbischof Albrecht von Mainz vom 31. Oktober 1517 im lateinischen Original mit moderner deutscher Übersetzung; den Sermon von Ablass und Gnade (1518) in einer Übertragung in modernes Deutsch; Auszüge aus Luthers „Resolutiones“, mit denen er die Ablassthesen erläuterte, präzisierte und weiterführte (1518); Auszüge aus der ausführlichen Reaktion Johannes Tetzels, der von Albrecht mit der Ablasswerbung beauftragt worden war, auf Luthers Thesen (1518); schließlich der persönliche Rückblick des späten Luther in „Wider Hans Worst“ (1541). Die letzten drei Texte werden ausnahmslos in moderner deutscher Übertragung geboten.

Die Lektüre der Texte zeigt nicht nur, was Luther und ein prominenter Gegner über den Ablass dachten, sondern auch die unterschiedlichen kommunikativen und argumentativen Strategien, mit denen sie ihre Leser zu überzeugen suchten. Unter diesem Aspekt ist es besonders interessant, die Schrift Tetzels mit den Texten Luthers zu vergleichen; letzterer wurde nicht umsonst von Thomas Kaufmann als „print native“ bezeichnet.

Die Texte sind sorgfältig erstellt und folgen entweder neuesten wissenschaftlichen Ausgaben, die zum Teil vom Herausgeber selbst erstellt wurden, oder den Erstdrucken. Darüber legt Schilling in den editorischen Angaben am Ende des Bandes ausführlich Rechenschaft ab. Wie in den Reclam-Heften üblich, erläutert der Herausgeber am Ende des Bandes Entstehungsgeschichte und Charakter der edierten Texte. Dabei wird zwar kein Thesenanschlag propagiert, jedoch lässt Schilling seine Leser zwischen den Zeilen und auch im Literaturverzeichnis wissen, dass er die Historizität des Thesenanschlags nicht bestreiten möchte. Andererseits fehlt nicht der Hinweis auf Luthers briefliche Äußerung, die rasche Verbreitung der Thesen sei ihm nicht recht, da die Materie zu komplex für eine öffentliche Debatte sei. Darüber hinaus bietet Schilling einen historischen Erzählfaden, der die Texte miteinander verbindet, aber auch profunde und gut lesbare Erläuterungen zu Entstehung und Charakter des Ablasses im Spätmittelalter und einen Ausblick auf die Rolle des „Thesenanschlags“ für die Reformationsjubiläen seit 1617.

Der schmale Textband ist für alle, die nicht auf eine gewichtige wissenschaftliche Ausgabe angewiesen sind, wertvoll und nützlich. Durch die Publikation in einem Verlag, der für solide Ausgaben wichtiger Texte zu einem günstigen Preis bekannt ist, werden – so kann man hoffen – die Hemmschwellen abgebaut, sich mit Originaltexten der frühen Reformation zu beschäftigen. Tatsächlich sind die einzelnen Texte knapp und werden in sehr leserfreundlicher Form geboten. Für Religions- und Geschichtslehrer, die kirchliche Bildungsarbeit, die universitäre Lehre und für alle Interessierten kann das Büchlein daher nur wärmstens empfohlen werden.

Stuttgart: Reclam Verlag. 2016
112 Seiten
6,00 €
ISBN: 978-3-15-019329-7

 

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