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Martin M. Lintner: Jenseits der Verbote. Katholische Sexualmoral im Umbruch
Hochmut kommt vor dem Fall. So mag man die Geschichte der katholischen Sexualmoral zusammenfassen! Das Lehramt und seine Exekutoren, die über Epochen hinweg alles zu diktieren suchten, die jeden noch so komplexen oder intimen Fall einer rechtlichen Entscheidung zuführten, werden nun auf weiten Feldern mit Nichtbeachtung bedacht, mit Empörung oder mit Ironie. Das ist angesichts der Lebensferne und der Skandale nachvollziehbar, zugleich aber auch ein Verlust. Denn die Materie, um die es geht, ist zutiefst in die – biologische wie kulturelle – DNA des Menschen eingeschrieben und die Gestaltung von Liebe, Partnerschaft und Sexualität ist eine so wunderbare wie anspruchsvolle, auch heikle Aufgabe. Und hier haben die biblischen und kirchlichen Traditionen durchaus Wertvolles zu bieten. Nur muss dies klug und behutsam aus der Fülle des Obsessiven und der Zeitgebundenheit gehoben werden.
Dieser Aufgabe nimmt sich eine neue Generation der Moraltheologen an. Martin M. Lintner, 1972 geboren, Ordensmann und seit 2009 Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie in Brixen, gehört gewiss dazu. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein umfassendes wissenschaftliches Werk über die „Christliche Beziehungsethik“. Nun liegt ein kleinerer Band vor, der die gut lesbare Essenz dieser Überlegungen bietet. Das beginnt mit dem Leitwort „Verlorenes Vertrauen wiedergewinnen“, geht über in Kapitel, die zentrale Aussagen der Bibel wie des Lehramtes zu Sexualität und Ehe rekapitulieren, und endet mit gegenwärtigen Akzentsetzungen zur Würde der Person sowie mit Fragen zum Ertrag der kontroversen „Genderstudien“. Einige Kernpunkte seien hier erwähnt.
Es ist nicht übertrieben, etliche Passagen des Alten Testamentes unter die Rubrik „Sex & Crime“ einzuordnen, was Lintner mit dem Satz kommentiert: „Unabhängig davon, ob hier historische Begebenheiten überliefert werden, lassen die Perikopen die prekäre soziale Stellung der Frau in den damaligen nomadischen und halbnomadischen patriarchalen Kulturen erahnen.“ Auf diese prekäre Situation stieß natürlich auch Jesus, dessen Begegnungen mit „Sünderinnen“ einen der nachhaltigsten Stränge der Evangelien bilden. Geht man davon aus, dass viele der „Sünderinnen“ zuvor aus der Ehe „entlassen“ wurden – was häufig in einem sozialen Desaster mündete –, so verwundert es nicht, dass Jesus nicht nur den Ehebruch vehement verurteilte, sondern sich auch gegen die Ehescheidung bzw. die „Entlassung“ aus der Ehe aussprach. Diese habe etwas mit „Herzenshärte“ (Mt 19,8) zu tun, während Gottes Schöpfungswille, in den die Ehepartner hineingestellt sind, auf Teilhabe und Treue ausgerichtet sei („und sie werden ein Fleisch sein“, Gen 2,24).
Wie dies angesichts der komplexen Lebenswirklichkeiten konkret zu buchstabieren ist, darüber sprechen bereits die paulinischen und deuteropaulinischen Briefe – und das nicht unbedingt unisono. Davon zeugt dann die windungsreiche Geschichte des Eherechtes und der Moraltheologie. Sie spiegelt beides: den Willen, das Erbe des Herrn zu bewahren, wie die Verstiegenheiten und den Kontrollzwang des Lehramtes. „Warum die Kirche seit ihren Ursprüngen die Ehe schützt“, so ist ein Kapitel überschrieben, das die kirchliche Ehetradition in ihrer Ausgespanntheit zwischen Sakrament, antikem römischen Recht und Zeitgeist bedenkt. In manchem war die Kirche Avantgarde. Im Blick auf die Praxis des Frühmittelalters schreibt Lintner: „Es gab damals noch kein ausgeprägtes zivilrechtliches Eherecht und Eheabschlüsse wurden noch nicht staatlich registriert. Also sah sich die Kirche in der Pflicht, hier in erster Person Verantwortung zu übernehmen, um die … missbräuchlichen Gepflogenheiten zu verhindern, und zwar in erster Linie zum Schutz von Frauen und Kindern.“
Blickt man auf die Fülle der historischen wie systematischen Erblasten der kirchlichen Ehelehre, so lässt sich in den Aussagen der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ von 1965 tatsächlich ein „Paradigmenwechsel“ sehen. Das betrifft u. a. die „Überwindung einer verrechtlichten zugunsten einer personalen Sicht der Ehe“ und „eine positive Deutung der Sexualität“. Mit solchen Pflöcken freilich, die die Konzilsväter (und die wenigen -mütter) setzten, war für die große Öffentlichkeit nicht allzu viel gewonnen. Zu sehr überschatteten die Aussagen der Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968 mit ihrer Ablehnung der sogenannten „künstlichen Empfängnisverhütung“ den positiven Ertrag der Konzilsaussagen, was ebenfalls für die darauf folgenden – gewiss bedenkenswerten – Lehrschreiben wie die Enzyklika „Familiaris consortio“ von Johannes Paul II. gilt. In Bezug auf „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus (2016) stellt Lintner fest: „Er würdigt die Schönheit der Sexualität vorbehaltlos, verschließt aber nicht die Augen davor, dass sich die Sexualität – auch innerhalb der Ehe – zu einer Quelle des Leidens und der Manipulation sowie zu einem Mittel von Macht und Gewalt verwandeln kann.“
Von dieser Spannung aus darf man Lintners abschließendes Kapitel unter der Überschrift „Jenseits der Verbote, oder: Am Ende zählt allein die Liebe“ lesen und meditieren. Das klingt gefällig, ist aber am Ende keine Binse, denn das vielschichtige Phänomen der Liebe, das Körper und Wille, Psyche und Geist umfasst, lässt sich im wahren Leben nicht leicht reimen und selten auf den gesetzlichen Punkt bringen. Der Liebende ist verwundbar, ja, zugleich darf man sich ihn als einen glücklichen Menschen vorstellen. Die kirchliche Sexualmoralmoral und die Lehre von Partnerschaft und Ehe müssen, wollen sie ernst genommen werden, diese Vielschichtigkeit wohlwollend in den Blick nehmen und mit dem „wachsenden“ Menschen rechnen. „Zwar gibt es keine Liebe auf Probe“, resümiert Lintner, „aber Liebe muss – oft auch auf spielerische Weise – erlernt und eingeübt werden. Manche Wege werden sich nicht bewähren, andere werden sich retrospektiv als falsch erweisen. Immer jedoch geht es darum, dass Liebe Wachstum und Reifung braucht.“ Davon ist, so darf man hinzufügen, im Alltag der kirchlichen, auch schulischen Verkündigung redlich zu sprechen.
Freiburg: Herder Verlag. 2025
143 Seiten
16,00 €
ISBN 978-3-451-03465-7
