Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin Meiser: Das Evangelium nach Markus

Zu den unbestrittenen Vorteilen der Kommentarreihe „Neues Testament Deutsch" gehört der Verzicht auf Fußnoten, Begriffe und Zitate in den biblischen Originalsprachen, um einem breiteren Publikum den Zugang zu erleichtern und die Bände insgesamt lesbar zu halten. Den Autor eines solchen Kommentars stellt die Vorgabe vor die Herausforderung, Detailwissen und wissenschaftliche Diskussionen, aber auch abweichende Meinungen und originelle Auslegungen, die man sonst in die Fußnoten verlagern würde, entweder gänzlich zu streichen oder in noch verdaubarer Weise im Haupttext unterzubringen.

Der Saarbrücker Kollege Martin Meiser hat sich für Letzteres entschieden und sein geradezu enzyklopädisches Wissen über das frühe Christentum in kompakter Weise in die Kommentierung des frühesten Evangeliums eingebracht. Damit ist zugleich das Caveat für die Leserschaft benannt: Auch wenn der Kommentar mit seinen knapp 250 Seiten auf den ersten Blick kurz erscheint, braucht die Lektüre Zeit und erfordert die Mitarbeit des Lesers, um Information aus unterschiedlichsten Bereichen (hebräische, hellenistisch-jüdische, griechische und römische Kontexte) zu verarbeiten. In seine Kommentierung spielt Martin Meiser viel Detailwissen ein und oft sind es Nebensätze, die den Blick in ganze Welten eröffnen, wie der Hinweis auf die Pferderennbahn des Herodes in Jericho, der Werteverfall des römischen Denars, der Usus, Gräber bei Mehrfachnutzung nach der Regenzeit neu zu kalken, um ritueller Verunreinigung zu entgehen, die durchschnittliche Steuerlast von 40% oder die Existenz von wissenschaftlicher Medizinausbildung auf hohem Niveau in Ephesus und auf Kos. Die Fenster in die historischen, literarischen und sozialgeschichtlichen Kontexte, die auf diesem Wege geöffnet werden, machen Appetit drauf, mehr zu erfahren, und bieten einen sekundären Anreiz, dranzubleiben.

Von der Anlage her ist der Kommentar klassisch historisch-kritisch orientiert und versucht, neuere Trends in der Markusforschung wie narrative Analyse, Intertextualitätsforschung, Performance Criticism, Gedächtnistheorie, sozialgeschichtliche Exegese, jüdische und griechisch-römische Rezeptionskontexte sowie imperiumskritische Lektüre einzubeziehen. Als eigenen Akzent spielt Martin Meiser zusätzlich antike Christentumskritik mit ein. Dieses Programm ist anspruchsvoll und nicht alle Spuren werden gleichermaßen gut und ausführlich verfolgt. Die Stärke liegt auf den Details und den unterschiedlichen Rezeptionskontexten, Intertextualität und Sozialgeschichte – hier gelingt es Meiser über den Kommentar hinaus, frühchristliche Lebenswelten sichtbar zu machen. Narrative und insbesondere gedächtnistheoretische Passagen sind hingegen oft weniger stark.

Grundsätzlich fragt sich, ob der Versuch, historisch-kritische mit gedächtnistheoretischer Herangehensweise zu kombinieren, nicht scheitern muss – Gedächtnisprozesse auf Gehirnebene lassen sich nicht in Texten abbilden –, wenngleich die Hinzuziehung von Oralitätsforschung und Performance Criticism vor optimistischen literarkritischen Operationen auf vormarkinischen mündlichen Traditionsstufen bewahrt. Man braucht sie auch nicht unbedingt, um den Gesamtentwurf des Markusevangeliums zu verstehen.

Meiser verortet die Entstehung des Evangeliums mit einem neuen Trend der evangelischen Exegese überzeugend im syrischen Raum und schiebt damit einseitigen imperiumskritischen Deutungen als Antievangelium zum Aufstieg der Flavier einen Riegel vor. Das tut dem Kommentar sehr gut, da es unterschiedliche Verstehenshorizonte offenhält und die Leser zu aktiver Mitarbeit auffordert. Herausgekommen ist unterm Strich ein äußerst gelehrter Kommentar, der es als enzyklopädisches Referenzwerk locker mit den „Großen Reihen" aufnehmen kann und auch für die Vorbereitung für Markuslektüren in Pastoral und Religionsunterricht viel Material zum Weiterdenken und Weiterarbeiten anbietet. Martin Meiser hat frei nach Mt 13,52 aus seinem reichlich gefüllten Vorratsschatzkästlein Altes und Neues hervorgeholt und teilt es freigiebig. Dafür kann man ihm nur dankbar sein.

Das Neue Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag. 2024
274 Seiten
59,00€
ISBN 978-3-525-52221-9

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