Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin Mosebach: Die Richtige. Roman

Zu den besonderen Lesevergnügen gehört es, bekannte Schauplätze auf eine Weise beschrieben zu finden, die uns aus dem eigenen Fundus Erinnerungen heraufzaubern und in dieser Mischung anfangen, poetisch zu glänzen. Auch eigentlich fremde Charaktere so überzeugend vorgestellt zu bekommen, dass sie dem Leser wie alte Bekannte zuzwinkern, bevölkert ganz neu unseren Horizont und schafft neue Kontakte ganz eigener Art.

So wurde ich bei der Lektüre von Martin Mosebachs letztem Meisterwerk: „Die Richtige“ nach Venedig entführt, und, fast wie im richtigen Leben, konnte ich bei einer großen Treibjagd in nordhessischen Wäldern dabei sein. Es gab eine Passage, die mir den Geschmack eines lange abgelagerten edelfirnen Rheingauer Rieslings auf die Zunge zauberte. Der Autor versteht sich auf die Kunst, die Personen des Romans bei dem, was sie bei sich denken oder in erlebter Rede von sich geben, so präzise heraufzubeschwören, dass sie fast wie von selbst eine Regung des Wiedererkennens auslösen. Manchmal geht das nicht ohne schwer erklärliche Paradoxa ab. In einer Sprache, die durch Treffsicherheit und poetische Schönheit glänzt, kann Mosebach ein hässliches und abstoßend verwahrlostes Gelände beschreiben, das sich am zersiedelten Stadtrand, eingewachsen von verwildertem Grün, erstreckt. Über dem, was uns in der Realität anwidert, liegt ein Schleier verzaubernder Erzählkunst.

Es ist ein Roman, in dem gelegentlich die philosophische Frage nach der Wirklichkeit und ihren Spiegelungen aufblitzt. Louis Creutz, der Maler, will nicht wiedergeben, was zu sehen ist. Mit seinem Pinsel will er die Wirklichkeit überhaupt erst erzeugen. Damit er das kann, braucht er allerdings ein Modell. Daher arbeitet er bei seinem Kampf mit der Mimesis zunächst ganz klassisch mit Pinsel und Palette auf Leinwand in einem Atelier und – wie in alten Zeiten – mit einem nackten weiblichen Modell. Das ist sein Standardsujet, das er in eine Wolke prätentiöser Suada einhüllt. Er macht Bilder und rahmt sie rhetorisch ein. Das ist sein Geschäftsmodell, mit dem er im Milieu von Sammlern, Künstlern und Galeristen Erfolg hat. An großen Worten spart der Schwadroneur nicht. Wenn er nicht Maler geworden wäre, heißt es an einer Stelle, wäre er Schriftsteller geworden. Das wirft die Frage auf, wie groß der Abstand zwischen dieser Romanfigur und ihrem Erfinder ist, denn das sprachliche Niveau des Malers reicht gelegentlich an die Höhe des Autors heran. Der Leser kommt ins Grübeln. Ist dieser Protagonist so etwas wie das Alter Ego des Martin Mosebach? Dagegen spricht sein höchst gemischter Charakter. Sympathisch ist er nicht. Und er ist nicht der Einzige, der über eine überdurchschnittliche Sprachmacht verfügt. Ob er oder sein Modell Astrid – oft heißt sie nur „die Frau“ – die Hauptfigur des Romans ist, bleibt in der Schwebe, immerhin ist sie „Die Richtige“ des Titels. So ziemlich das ganze Personal kämpft mit einer Ausnahme darum, zu den Hauptpersonen gezählt zu werden. Die Ausnahme ist Dietrich, der einzige wirklich gutherzige Mensch, bescheiden und dennoch wirtschaftlich erfolgreich. Nur einmal wird er vom Maler bewundert, als er auf der Jagd den Keiler, den er soeben erlegt hatte, waidgerecht aufbricht: „Das Innere des Körpers war nichts als ein vollgestopfter Sack voll feuchtglänzender Organe in den verschiedensten Farben, weißliches Gedärm in Fülle, der graue Magensack, die braune Leber, das Herz in seiner rundlichen Plastik sofort erkennbar, dem menschlichen verwandt ...“ Nur wer so etwas einmal miterlebt hat, kann es auf diese Weise schildern.

Mehr und mehr konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf das entstehende Aktbildnis der Frau. Es wird nicht fertig, denn vorher kommt es zu einer dramatischen Wendung, die in einer grauenhaften Szene mündet, in der die Schwangere, dem Tod nahe, eine Fehlgeburt durchleidet. Die Intimität des Ateliers, war – Kunststück – nicht ohne Folgen geblieben. Der Leser muss mitleiden, denn er wird in die Binnenperspektive der Armen mitgenommen. Auch hier ziehen die Sprache und die Intensität der Erzählung uns wie so oft in die Mitte des Geschehens. Damit ist dann auch die Frage beantwortet, ob der Autor, der alles so schildern kann, als habe er es selbst erlebt, uns autobiografisch beglaubigte Szenen vielleicht in leichter Verfremdung vorsetzt. Dies kann er natürlich nicht selbst erlebt haben. Umso mehr ist die Qualität seiner Fiktion zu preisen. So schrecklich die Sache für die Frau ausgeht, so kurios ist sie für den Maler. Nachdem sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf das entstehende Aktbildnis der Frau konzentriert hatte und Louis Creutz das Bild in stundenlangen Sitzungen seiner Vollendung minutiös und mit altmeisterlicher Sorgfalt entgegengepinselt hatte, war es zum entscheidenden Bruch gekommen. Doch ohne Modell konnte das Bild nicht den Gipfelpunkt seiner Bestimmung erreichen. Wutentbrannt bearbeitet der Maler mit wilden breiten Pinselschlägen die Leinwand und beschmiert pastos seine Feinmalerei, um sie zu vernichten.

So wie Mosebach aus diesem destruktiven Akt des Künstlers unter Beteiligung des ganzen Personals der Kunst- und Künstlerszene, bestehend aus beflissenen Kunsthistorikern, Kritikern, Galeristen und Kuratoren, für Louis Creutz den internationalen Durchbruch zu Ruhm und Geld herauserzählt, gelingt ihm eine glänzende Satire auf die Mechanismen des Kunstmarkts.

Zu den schönsten Passagen des Buches zählen die brillanten Einschübe, in denen etwas erzählt wird, was auf den ersten Blick mit dem Plot der Geschichte keine kraftschlüssige Verbindung zu haben scheint. Den Ausklang bildet die Beschreibung eines Taubenschwarms: „Für eine Weile waren sie Einzelwesen, bis die Schwarmseele sich in ihnen regte, sie sich wie auf ein den Menschen unhörbares Signal gemeinsam in die Luft erhoben und nach kurzem gemeinsamen Kreisen einer höheren Regenrinne zustrebten, auf der sie sich in gleichmäßigen Abständen als Perlenschnur niederließen ... Dann fand die Schar zu ihrer schönsten Form, dem Zusammenfliegen in großen Kreisen. Die Tauben lehnten sich in die Kurven, indem sie immer wieder das Flattern kurz unterbrachen, um den Schwung zu bewegungslosem Segeln zu nutzen. Dieses Fliegen im Schwarm, kaum mit Jagd und Nahrungssuche verbunden, war es nicht eher ein Ausdruck reiner Freude am Zusammensein?“

Was für ein trefflicher Schlusskommentar zu dem, was die Einzelwesen des Romans mit ihrer Schwarmseele gerade erlebt haben.

München: dtv Verlagsgesellschaft. 2025
346 Seiten
26,00 €
ISBN: 978-3-423-28455-4

Zurück