Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin Ramb / Holger Zaborowski: Politik und Religion

Der dritte Band zu den Koordinaten Europas mit dem Titel „Politik und Religion“ enthält 24 Beiträge. Aufgrund dieser Fülle beschränke ich mich auf vier davon.

„Um der Freiheit willen“ lautet der Titel des Mitherausgebers Zaborowski. Darin untersucht der Autor das Verhältnis von Religion und Politik in krisenhaften Zeiten. Am Beispiel Donald Trumps zeigt er, wie Religion sehr gut helfen kann, politische Macht zu rechtfertigen. Und die Vermischung von Religion und Politik etwa in Russland und dem Iran habe für die ganze Welt Konsequenzen. Zaborowski stellt weiter die Frage, welchen Beitrag die Religion in Zeiten der Krise leisten könne. Auf der einen Seite könnten religiöse Kräfte die Krise verschärfen oder hervorbringen, wie an der Skepsis gegenüber der Freiheit des Menschen und dem liberalen Rechtsstaat zu sehen sei. Umgekehrt komme die Kritik aber auch aus religiösen Kreisen, wenn Grundüberzeugungen des freiheitlichen Rechtsstaates infrage gestellt würden. Als Beispiel nennt der Autor die religiös begründete Kritik des Papstes an Trump. Für Zaborowski müsse das Verhältnis zwischen Religion und Politik nicht neu austariert werden. Mit dem liberalen, demokratischen Rechtsstaat liege ein gutes Modell vor. Da dieser sich aber als äußerst gefährdet zeige, sei es notwendig, dass Bürgerinnen und Bürger sich für ihn aktiv einsetzten und man besonders wachsam sei und Kritik übe, wenn er konkret gefährdet sei. Der liberale Staat bleibe auf Schulen der Hoffnung und der Zuversicht angewiesen, wie sie sich im christlichen Glauben eröffnen würden. Die Religion könne aber nur in einer Distanz zur Politik ihrer Aufgabe gerecht werden ebenso wie Politik die Distanz zur Religion wahren müsse, um so der Freiheit und Würde des Menschen zu dienen.

An dieser Stelle muss der Beitrag des Kölner Politikwissenschaftlers und Staatsrechtlers Andreas Püttmann erwähnt werden: „Von der Demokratie zur Ochlokratie“ lautet sein provokanter Titel. Das hat es in sich: Gleichgültigkeit, Naivität, Opportunismus, Schönbeterei und Verantwortungsscheu seien die menschlichen Schwächen, welche eine Gesellschaft überraschend schnell in ein totalitäres Regime verwandeln könnten. Wie zuvor Zaborowski nennt Püttmann das „Böckenförde-Diktum“, nach welchem der freiheitlich-demokratische Verfassungsstaat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Reideologisierung und Erosion der Demokratiezufriedenheit führten zu einem Aufblühen des Rechtspopulismus: Während die AfD-Klientel noch 2015 zu 81 % zufrieden mit den Verhältnissen war, sei sie jetzt, zehn Jahre später, nur noch zu 14 % zufrieden. Püttmann sieht hier die Entfesselung einer ungeheuren sozialpsychologischen Dynamik. Zudem fehle es der „technischen Intelligenz“ oft am gesellschaftlich-politischen Zusammenhangwissen. Sein Artikel dient als Warnung: Nach der Lektüre muss man sich fragen, was man zu tun hat.

Da kommt ein Optimismus des Willens gerade recht. Mit Christine Lieberknecht kommt eine Zeitzeugin zu Wort. Die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen spricht vom „Wunder der Freiheit“, wenn sie sich an die 1989er Revolution in der DDR erinnert. Sie führt weiter aus, dass und wie „der Glaube politisch Berge versetzt habe“. Für die evangelische Theologin und Politikerin bleibt es das Verdienst der kirchlichen Friedensarbeit über das ganze Jahrzehnt der 1980er Jahre hinweg, dass die Revolutionen von Plauen und Leipzig friedlich verlaufen sind. Mit allem hätten sie gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten – so zitiert sie einen Alten aus dem SED-Politbüro. Lieberknechts Beitrag macht Mut. Ebenso wie zuvor Zaborowski erinnert sie ausführlich an die heilende Wirkung des Glaubens.

Der Mitherausgeber Martin W. Ramb sieht den Religionsunterricht als Bildungsauftrag. Unverzichtbar ist für ihn der Religionsunterricht in einer pluralistischen Demokratie. Ramb stellt 13 Thesen auf, welche er in kurzen Artikeln durch Argumente belegt. So sieht er den Religionsunterricht als Beitrag zur politischen Bildung und als Bestandteil einer ganzheitlichen Bildung. Kenntnisse in Religion seien politisch notwendig und geistlich unverzichtbar. Islamischer Religionsunterricht ist für ihn Voraussetzung für eine religionsfreundliche und dialogfähige Schule.

In kleinen Häppchen genossen ist dieser Sammelband ein Kleinod. In Zeiten der Krisen kann der Leser gestärkt werden für künftiges Tun. Und getröstet. Das ist sehr viel!

Koordinaten Europas Band 3
Göttingen: Wallstein Verlag. 2026
407 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-8353-5907-9

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