Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin Schleske: Herztöne

„Der Ton der Musik ist nicht wie der Ton des Wortes dem Schweigen entgegengesetzt, er ist dem Schweigen parallel. (…) Musik ist Schweigen, das, träumend, anfängt zu tönen.“ Mit diesen Worten von Max Picard ließe sich auch die Intonation des vorliegenden Buches beschreiben. Nach Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens (2010) und Klangbilder. Werkstattgedanken (2011), nähert sich Martin Schleske, Geigenbauer und diplomierter Physikingenieur, mit Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens (2016) erneut den wechselvollen Rhythmen von Handwerk und geistlicher Lebenskunst. In acht Kapiteln, die wie symphonische Sätze abwechslungsreich und spielerisch ein Motiv aufgreifen und variieren, nimmt Schleske den Leser bei der Hand und führt ihn in sein Atelier, das ihm Arbeits-, Klang- und Gebetsraum gleichermaßen ist: „Meine Arbeit an der Werkbank und im Labor ist Gebet.“ (91. Etwa 20 Instrumente, Geigen, Violoncelli und Bratschen fertigt er hier pro Jahr – stets auf der Suche nach dem „heilsamen Klang“ und der Spur Gottes in allen Dingen und Begegnungen: „Das Schönste am Geigenbau ist nicht der Bau selbst, sondern das Gefühl, den Klang eines Menschen zu spüren. Die Stimme dieser Geige wird der Gesang einer Seele sein.“ (76) Jedes Instrument ist für ihn eine individuelle Klangskulptur, die schrittweise und unter dem Blick der Gnade entsteht. Von den Hochlagen der Bergwälder, in denen er nach dem richtigen Holz sucht, bis zum Auspolieren des letzten Lackanstrichs überlässt er sich und den Werdegang eines Instrumentes der Divise: Barmherzigkeit mit dem Gegebenen und Ehrfurcht vor dem Gebotenen. Während eine Konstruktion ein unerbittlicher Plan sei, den das Material erfüllen müsse, stehe bei einem Schöpfungsakt die Frage im Raum, welche Möglichkeiten dem gegebenen Holz verheißen sind. Ein Grundsatz, nach dem er seine Geigen baut, und ein Leitmotiv, das für ihn erfülltes Menschsein beschreibt: Vertrauen haben in das, was wachsen will.

Mit großem Einfühlungsvermögen und in eigener Formensprache erzählt der Verfasser, wie sich mechanische Arbeitsschritte mit der spirituellen Dimension des beseelten Schaffensprozesses verbinden und wie ihm Werkzeuge und Handgriffe zu Metaphern des Glaubens werden: „Als Geigenbauer weiß ich: Jedes Holz hat seinen Faserverlauf, seine Geschichte, seine Eigenheiten und Verletzungen. Das muss ich spüren, um das Holz zum Klingen zu bringen. (…) [Barmherzigkeit] ist die eigentliche Schöpfungskraft, die alles heiligt, was sie berührt: unsere krummen Fasern, unsern Drehwuchs, das Reaktionsholz, das sich um schwierige Umstände gebildet hat, die Abhölzigkeit – all das, was nicht perfekt ist. Ich weiß als Geigenbauer ein Lied davon zu singen.“ (31)

Schleske versteht sein Handwerk, seine Texte und Holzschnitte als Übungen eines hörendes Herzens, als Tastversuche eines gläubigen Menschen: „Du hörst nur das, was du beherzigst. Etwas zu ,beherzigen‘, ist vielleicht das schönste Wort für ,glauben‘. Denn es bedeutet, du gibst den Dingen, die du erkannt hast, in deinem Herzen und in deinem Handeln einen Raum. (…) Hören ist nicht Nachdenken, sondern innige Begegnung.“ (266) Seine Gedanken kommen nicht lautstark daher. Sie haben nichts Demonstratives, auch wenn sie stark affirmativ formuliert sind. Musik und Religion, Arbeit und Gebet, Hl. Schrift, jüdische und christliche Tradition erfährt er als Resonanzraum der Gegenwart Gottes, dem er sich zuneigt und in dem er sich beheimatet und geborgen weiß: „Es gibt einen Klang, der einen süchtig macht, weil er so stimmig ist. (…) Wie der Klang der Geige, so ist auch der Klang des Lebens. (…) Wie der Dialog zwischen Bogen und Saite, so ist auch das Wechselspiel mit Gott. (…) Wir werden von Gott gespielt und dieser Welt geschenkt. Es ist wie die Musik, die sich dem Instrument schenkt, obgleich es doch das Instrument ist, das sie spielt.“ (321-323)

Herztöne ist ein ruhiges, kontemplatives Buch. Die Kunst des Instrumentenbaus tritt zunehmend in den Hintergrund; spirituelle Meditationen und Wegweisungen dominieren. Angereichert wird der Band durch ausdrucksstarke schwarz-weiße Fotos, die von der Sinnlichkeit des Handwerks zeugen und zum lauschenden Betrachten einladen. „Der Musiker und sein Instrument sind nicht gleich, aber im gemeinsamen Klang werden sie eins“ (325). Schleske lauscht und ahnt, dass in den feinen Nuancen, in der „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber) das Herz Gottes schlägt. Er wird still, legt das Ohr daran – und hört es pochen.

 

Asslar: adeo Verlag. 2016

249 Seiten

22,99 €

ISBN 978-3-86334-076-6

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