Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin W. Ramb / Holger Zaborowski (Hg.): Freiheit und Menschenwürde

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ So heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948. Wir verdanken diese Erklärung der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Es ist heute selbstverständlich geworden, über Würde und Freiheit zu reden, und der Wert der Freiheit ist wohl schon immer bekannt gewesen. So spricht Don Quijote zu seinem Knappen: „Die Freiheit, Sancho, ist eine der köstlichsten Gaben, die der Himmel dem Menschen verliehen. (…) Für die Freiheit wie für die Ehre darf und muß man das Leben wagen.“

Der Kultursommer 2024 in Rheinland-Pfalz stand unter dem Motto „Freiheit und Menschenwürde“. Am gleichnamigen Begleitband der Herausgeber Martin W. Ramb und Holger Zaborowski beteiligten sich siebzehn Beitragende aus den Bereichen Philosophie, Theologie, Kunst, Literatur und Handwerk. In seinem Beitrag betont Eduard Zwierlein, dass „Würde“ und „Freiheit“ in die Klasse der fundamentalen Urworte fallen. Für ihn ist „unser Selbstverständnis als Wesen von Freiheit und Würde das Selbstverständliche, zu dem wir allmählich erwachen, wenn wir zu uns selbst kommen“. Wir bräuchten eine „Erziehung, die befreit, und eine Bildung, die sich selbst in Grenzen weise bestimmt.“

Obwohl Aristoteles den Begriff der Würde nicht gebraucht, kommt er bei seiner Beschreibung des vornehmen Menschen zum Tragen, so Kathi Beier. Nur die Tugendhaften würden ihrer Würde auch gerecht. Bei Aristoteles gelte das aber nur für den Mann. Dann nennt sie Pico della Mirandola, der 1485 während einer Rede Würde wesentlich als Selbstbestimmung sah. Und dies sei auch Kants Gedanke, so Beier. Das erweitert Alasdair MacIntyre: Auch dem Hilfsbedürftigen ginge die Würde nicht verloren.

Für Holger Zaborowski ist Menschenwürde etwas „Unverlierbares“. Durch würdeloses Verhalten gerate man zu sich selbst in einen Widerspruch. Das sei gemeint, wenn man sage, ein Mensch handle unmenschlich. So könne man keinem Menschen seine Würde rauben. Allen Differenzen zum Trotz gelte es, die Würde des anderen Menschen anzuerkennen. Würde sei immer und überall unantastbar. Diese Unantastbarkeit sei im Wesen der Menschenwürde selbst begründet. Neben der unbedingten Würde stehe die bedingte. Diese werde Menschen aufgrund bestimmter Eigenschaften oder bei Ämtern zugesprochen. Und da die Lebensweise des Menschen nicht naturhaft vorgegeben sei, öffne sich für den Menschen ein Freiheitsraum, zu dem er sich immer frei verhalten könne. Menschenwürde sei kein Ding und als Freiheitsphänomen zutiefst „unsachlich“. In der Kunst könne sich die Würde des Menschen in besonders eindrücklicher Weise zeigen, da der Mensch hier ganz frei sei.

Christoph Böhr schreibt, dass eine schlüssige und strenge Begründung dessen, was „Würde des Menschen“ heißen soll, unter Philosophen umstritten sei. Er fragt, wie hilfreich Begriffe seien, die „nur wenig mehr als Worthülsen sind“. Die Differenz, die sich zwischen Recht und Gesetz auftue, könne abgleiten in das „Recht“ des Stärkeren. Nach Kant ginge aber die Deutung des Begriffs ausnahmslos jeden Menschen an. Und weil der Mensch die Bestimmung zur vernünftigen Selbstbestimmung in sich trage, habe er Würde.

Marko Martin kritisiert die Wirklichkeitswahrnehmung und das Freiheitsverständnis des Westens. Der Westen sei naiv, er erwache immer nur dann, wenn es zu spät sei. Er nennt Beispiele russischer Gewalttätigkeit, wenn er Namen wie Grosny, Georgien, Aleppo, den Nawalny-Prozess und die Ermordung Anna Politowskajas nennt, und zitiert Karl Schlögel, der meinte, der großrussische imperiale Charakter werde weiterhin „geflissentlich ignoriert“. Martin nennt den kolonialistisch-verächtlichen Blick auf Osteuropa und warnt, die Freiheit nicht gegen den Frieden auszuspielen. Für ihn ginge es um eine Herausforderung, „die wir uns groß genug nicht vorstellen und der wir uns nur um den Preis der Freiheit entziehen können“.

„Freiheit als Herausforderung“ bezeichnet Andrea Stoll in ihrer Grenzauer Predigt den Fall der Mauer. Frei zu denken, frei zu handeln sei ein uralter Menschheitstraum. Die außergewöhnliche Resilienz des Menschen etwa bei Bonhoeffer wurzele in einem lebendigen Glauben an eine höhere Macht. Inhaftierten sei gemeinsam, dass sie sich eine innere Freiheit bewahrt hätten, an die keine äußere Gewalt heranreiche. Es gebe die Bereitschaft, das Leben über den Tod zu denken. Sowohl die kapitalistisch aktuelle Botschaft als auch die vergangene sozialistische zeigten „gehörig Schlagseite“. Die Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen bedrohe den demokratischen Grundkonsens des Landes.

Dazu passt der Aufsatz von Thomas Brose. 1989 habe man in der DDR in einer unhaltbaren Realität gelebt. In einer christlichen Gemeinde in Ostberlin leitete er 1986 den Philosophiekreis und arbeitete bis 2004 dort hauptamtlich. Christliche Studentengemeinden boten Wertorientierung und stellten Ressourcen zur Verfügung, „die in Ostdeutschland schließlich den Transformationsprozess zu einer offenen, partizipativen Gesellschaft ermöglichten“. Am Beispiel seiner Stasi-Akte macht er deutlich, was in ihm vorging. Er zitiert die parteioffizielle Sichtweise (SED) von „Pazifismus“: Dieser gehe, wie es abwertend heißt, „von extrem unwissenschaftlichen Vorstellungen eines Friedens um jeden Preis aus.

Robert Müller titelt seinen Beitrag „Gemeinsam geteilte Wirklichkeit“. Zwei seiner Bilder stellt er voran: einmal Putin mit dem gekreuzten Z auf der Stirn und zum anderen einen sichtlich gealterten Selenskyi. Das Z stehe nicht für Russland, es stehe für Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung nach außen und für Totalitarismus nach innen. Selenskyi sei in Fetzen – aber er hielte stand. Der Krieg ist für Müller im Wesentlichen ein mediales Phänomen, er finde Kommentare von jeder und jedem, ob qualifiziert oder nicht. Die Gesinnungsräume seien hermetisch, immer größere Teile der Gesellschaft drifteten auf unterschiedlichen „Wirklichkeitsschollen“ immer weiter auseinander. Die zunehmende Blasenbildung nennt er als den Hauptgrund für die Fragmentierung der Wirklichkeit. Es gebe eine „Informationsvermassung“. Man könne das kritische Denken nicht mehr aufrecht erhalten angesichts der Komplexität der Zusammenhänge. Skeptizismus kippe in Nihilismus oder in Fundamentalismus. Müller erinnert an Nietzsche, der über den Tod Gottes sagte, dass es lange Zeit brauchen werde, bis dieses „ungeheure Ereignis“ in all seinen Implikationen zu den Menschen durchgedrungen sei. So sieht Müller die Gefahr für die Freiheit, die europäische Gesellschaften für selbstverständlich halten.

Der Abt des Benediktinerklosters Ottobeuren Johannes Schaber stellt uns „Freiheit und Bindung“ und „Freiheit in Bindung“ vor. Das benediktinische Lebensmodell, nämlich die Suche nach Gott unter Regel und Abt, diene der Einübung in die menschliche Freiheit. Zuvor bettet er das Mönchtum allgemein in den historischen Kontext. Dem Begründer Benedikt von Nursia ging es um ein Leben in der Nachfolge Jesu. Deutlich macht Abt Johannes Schaber den biblisch-theologischen und den neuzeitlichen Freiheitsbegriff. Er stellt sich die Frage, warum Menschen heute ihre Not hätten mit auf Dauer angelegten Bindungen. Als Grund sieht er das Wegbrechen des metaphysischen Ordnungsrahmens und die neuzeitliche Wende zum Subjekt. Das Leben in Gemeinschaft betrachte Benedikt „als Schule der menschlichen Reifung, um frei zu werden für Gott, sich selbst und den Nächsten“.

Im Gespräch mit Holger Zaborowski erläutert Gesine Schwan ihre Vorstellung von Freiheit, Bildung und Menschenwürde. Für sie ist Freiheit eine Praxis von Menschen, die entsprechend ihrer individuellen Gewissensentscheidung zusammenarbeiten können in der Gestaltung des eigenen Lebens. Da Freiheit einen selbstreflektierten Umgang mit den eigenen Schwächen verlange, könne Bildung Freiheit stärken. Denn wir bräuchten starke Persönlichkeiten. Man bilde ja für ein Leben in der Gesellschaft. Bildung könne nicht ge- oder verkauft werden wie eine Ware. Schwan kritisiert die neoliberale Politik, die Bildung nicht wirklich unterstützt. Bildung habe wie andere Gemeinwohlinteressen keine Lobby. Dies führe zu weniger reflektierten Persönlichkeiten, was wiederum den Staat schwäche. Für die Praxis der Freiheit sei dies schädlich; die Bildungskrise sei auch eine Krise der Freiheit. – Würde versteht Schwan als eine „Ausstattung“ durch Gott, den Schöpfer. Freiheit und Selbstbestimmung werden respektiert. Auch ohne Bezug auf Gott verstanden, gründe die Würde in der Freiheit und der Selbstbestimmung. Würde beziehe sich nicht nur auf Materielles, vor allem müsse man über die eigenen Lebensbedingungen mitbestimmen können. – Eine menschliche Flüchtlingspolitik sei möglich, scheitere aber an Gleichgültigkeit und mangelnder Fantasie. Man klagt über Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine und lasse die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Die EU habe in Afrika an Reputation verloren.

Thomas Schuhmacher untersucht in seinem Aufsatz „Obrigkeitshörigkeit oder Widerstand“ Röm 13,1-7: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ Er geht auf den historischen Kontext ein, beschreibt die Situation der Christen unter Kaiser Claudius und Nero und nennt zum Schluss die Position des Paulus zum Thema Fluch und Schadenszauber. Schuhmacher meint im Fazit, „Paulus ziele darauf ab, eine neue christliche Kultur einzuüben“.

In ihrem Beitrag „Es gibt nun keine Nächte mehr ohne Licht“ stellt uns Ursula Schumacher gnadentheologische Zugänge zu Zeugnissen aus dem Widerstand der NS-Zeit vor. So betrachtet sie die Schnittmenge von religiöser Erfahrung bei den unterschiedlichen Wegen zum Martyrium. Das Martyrium sei die äußerste Form von Gnadenleben, Berufungsannahme und Christusnachfolge. Bewegend zu lesen ist es, wie Alfred Delp im Warten auf den Tod sich noch der „Eitelkeit und Selbstsicherheit, Anmaßung und (…) Lüge“ bezichtigt. Und Sophie Scholl hadert damit, zu sehr vom Ehrgeiz geleitet zu sein. Schumacher zitiert Delp, als es um die Bestimmung des Begriffs „Freiheit“ geht: Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott.“

Christina Idika untersucht die Verbindung von Freiheit und moderner Sklaverei in Europa. Sie sieht eher eine Krise der europäischen Werte als eine Flüchtlingskrise. Die Freiheitsbegriffe bei Hobbes und Kant seien nicht umfassend genug. Und die Migrationspolitik verschärfe noch die Bedingungen für die Ausbeutung von Migranten. Das Erstarken des Extremismus hinge mit dem starken Zustrom von Migranten zusammen und verschärfe die Identitätskrise. Die nach dem Ende des Kalten Krieges versprochene Freiheit sei gescheitert.

Der Maler Ferdinand Friess will „sichtbar machen, was ihn beunruhigt“. Im Gespräch mit Thomas Menges und Martin Ramb werden drei Bilder von ihm vorgestellt. Diese sollte man sich möglichst in Farbe anschauen, es gibt TV-Beiträge zu ihm, da erhält man einen Eindruck. Die kleinen schwarz-weißen Fotos seiner Bilder lassen eine Wirkung höchstens erahnen. Friess hofft auf mehr Nachdenken und weniger Gleichgültigkeit. Mit dem Bild „Teddy 1942 – Das Gleis in Auschwitz“ gelingt ihm das sicher. Kraft für seine Malerei erhalte er aus seiner christlichen Prägung.

Die holzgeschnitzten Königsfiguren des Diakons und Tischlers Ralf Knoblauch wurden bereits an verschiedenen Orten ausgestellt. So waren sie auch in der Ukraine, im Oman, in Dubai und in Rom. Im Gespräch mit Ute Lonny-Platzbecker und Martin W. Ramb erklärt er, wie es zu diesen Figuren kam. Im Urlaub habe er ein Stück Treibholz gefunden und darin schon einen König gesehen. In drei Wochen sei der erste König fertig gewesen. Er habe bei seiner Arbeit bemerkt, dass die Leute neugierig wurden, und festgestellt, dass man über eine solche Figur in gute und tiefe Gespräche über das Thema Würde kommen könne. Seine Könige wachsen aus einem großen Sockel heraus und fordern keine Macht. Im Gegenteil: Die größten Potenziale liegen für Knoblauch in der Ohnmacht verborgen, er nennt Gandhi und Thunberg. Die täglich einstündige Arbeit an den Figuren ist für ihn Meditation und Gebet. Knoblauch benutzt sie auch seelsorgerlich. Auf die Frage, ob wir in einer besonders würdelosen Zeit lebten, meint er, wir seien sehr schnell dabei, andere zu entwürdigen.

In ihrem Text „Diskriminierung im Namen der Religion“ widmet sich Julia Knop, Professorin für Dogmatik, dem Verhalten der römisch-katholischen Kirche zu den Frauen. Schon lange werde die Diskriminierung der Frauen in der Kirche beklagt. Kirchenvertreter wiesen diesen Vorwurf zurück. Im gleichen Atemzug verteidigen sie die offenkundige Ungleichbehandlung von Frauen und queeren Menschen. Knop nennt den Anspruch auf Gleichbehandlung basierend auf der gleichen Würde aller Menschen. Aus gleicher Würde werden gleiche Rechte abgeleitet. Ich frage mich nach der Lektüre ihres Aufsatzes: Ja, was denn nun? „Es gibt keine Moral ohne Gerechtigkeit“, so hat es Albert Schweitzer einmal formuliert. Und ich frage mich weiter: Warum bemüht man sich in der katholischen Kirche so wenig um Gerechtigkeit?

Die Lyrikerin und Linguistin , Beauftragte der Katholischen Kirche Ulrike Lynn für die europäische Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 meint, unsere eigenen Selbstbilder seien durch das hohe Maß an medialen Einflüssen und Reizen oft stark geprägt von konsumgerichteten und gesellschaftlich vorgegebenen Mustern. Dadurch sei unsere innere Freiheit bedroht. Europa ist aber in ihren Augen der Versuch, auf eine freie und offene Gesellschaft hinzuarbeiten. Die Idee einer europäischen Einheit habe Vorbildcharakter, an deren Umsetzung wir politisch als auch künstlerisch aktiv beteiligt sein sollten.

„Was ist herrlicher als das Gold? Das Licht! Und was ist erquicklicher als Licht? Das Gespräch!“ Diese Worte von Goethe kamen mir in den Sinn nach der Beendigung der Lektüre dieses „erquicklichen“ Sammelbands. Einen jeden Beitrag kann ich als Gespräch verstehen, als Forderung, „zu mir zu kommen“ und achtsamer, auch in Gedanken, mit den besprochenen Werten umzugehen.

Koordinaten Europas Band 2
Göttingen: Wallstein Verlag. 2024
273 Seiten m. s-w Abb.
22,00 €
ISBN 978-3-8353-5696-2

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