
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Matthias Dobrinski / Thomas Urban: Johannes Paul II.
Eine Biographie zum 100. Geburtstag gehört schon fast zu den Selbstverständlichkeiten des Marketings. Doch die Lebensbeschreibung des Jahrhundertpapstes Johannes Paul II. setzt neue Akzente. Matthias Drobinski, Kirchenjournalist bei der „Süddeutschen Zeitung“, und sein Kollege Thomas Urban, der 34 Jahre für diese Zeitung aus Osteuropa berichtete, zeigen die Schwerpunkte im Untertitel an: „Der Papst, der aus dem Osten kam“. Die Autoren stützen sich dabei nicht nur auf die Auswertung der Literatur über den polnischen Papst, sondern nehmen auch die osteuropäischen Veröffentlichungen und die staatliche Überlieferung, etwa aus Geheimdienstquellen, auf.
15 Kapitel gehen den Lebensstationen Karol Wojtyłas entlang. Sie zeigen seinen Sinn für lebenslange Freundschaften wie zu jüdischen Mitschülern aus Wadowice oder Freundinnen und Freunden aus gemeinsamen Theateraufführungen oder Studierenden, mit denen er als Seelsorger in den Bergen unterwegs war. Wojtyłas Jugendzeit war geprägt vom Terror der deutschen Besatzung Polens. Sein Wirken als Priester und Bischof in seinem Heimatland vollzog sich unter ständiger Beobachtung durch die Staatssicherheit. Studien im Ausland erweiterten seinen intellektuellen Horizont. Die ethische Ausbildung im Sinn eines christlichen Personalismus und seine Erfahrungen in einem kommunistischen Land konnte er auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ sowie die Erklärung über die Religionsfreiheit einbringen.
Wojtyła gehört zu den maßgeblichen Ideengebern für die Enzyklika Pauls VI. „Humanae vitae“. Darauf aufbauend entwickelte er als Papst seine „Theologie des Leibes“, die kontrovers beurteilt wurde und wird. Drobinski und Urban ordnen diese Auseinandersetzungen einfühlsam ein, ebenso wie die Konflikte um die Befreiungstheologie und das Priestertum für Frauen. Wojtyła zeigte sich in diesen Punkten ebenso unnachgiebig wie im Streit um die Schwangerenkonfliktberatung und in der Durchsetzung einer konservativen Personalpolitik (Köln, Wien).
Die Autoren heben besonders das Engagement des Papstes für die Einheit Europas in nachkommunistischer Zeit, für den Frieden auch gegen die Supermacht USA, für die Ökumene (erfolgreich mit den protestantischen Kirchen durch die Erklärung zur Rechtfertigungslehre, erfolglos im Bemühen um einen Kontakt mit dem Moskauer Patriarchen) und den interreligiösen Dialog (Friedensgebete in Assisi) hervor. Der Wojtyła-Papst wurde von der Jugend auf den Weltjugendtagen begeistert gefeiert, in den westlichen Ländern und auch in seinem postkommunistischen Heimatland wurde ihm distanziert begegnet.
Die wohl schwierigste Hinterlassenschaft Johannes Pauls II. ist sein Zögern beim Vorgehen gegen die Missbrauchsfälle unter Priestern, Bischöfen und Ordensleuten, exemplarisch festgemacht am Gründer der Legionäre Christi. Drobinski und Urban haben weder eine hagiographische Lebensbeschreibung vorgelegt noch eine Skandalgeschichte. Mit viel Empathie haben sie sich der komplexen Persönlichkeit des 2011 Selig- und 2014 Heiliggesprochenen genähert, der in seinen letzten Lebensjahren durch seine fortschreitende Parkinson-Erkrankung ein beeindruckendes Zeugnis eines in Glauben und Sendungsbewusstsein zu Ende gehenden Wirkens gegeben hat.
Der Papst, der aus dem Osten kam
München: C.H. Beck Verlag. 2020
336 Seiten m. s-w Abb.
24,95 €
ISBN 978-3-406-74936-0
