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Max Brod: Der Meister
Neu ist Max Brods Roman „Der Meister“ nicht. 1952 erstmals erschienen, stammt er aus der Feder des einstmals bekannten Vertreters der Prager deutschsprachigen Literatur, der heute oft in Vergessenheit geraten ist oder allenfalls als Herausgeber der Werke Franz Kafkas erinnert wird. Dass er Eingang in die derzeit entstehende Ausgabe ausgewählter Werke Brods gefunden hat, eröffnet erfreulicherweise auch heute einem breiteren Leserkreis die Begegnung mit einer jüdischen Perspektive auf die zentrale Gestalt des Christentums.
Es ist ein Roman, der den biographischen Hintergrund seines Verfassers spüren lässt. Max Brod (1884-1968), 1939 nach Palästina emigriert, schreibt ihn – persönlich wie politisch-gesellschaftlich betroffen – unter dem Eindruck der Shoah und der Staatsgründung Israels. Aus dem eigenen religiösen Fragen dieser Zeit erwächst die Annäherung an „Jeschua“ als eine herausragende Gestalt des Judentums, in dessen Leben und Lehren sich die Probleme der Gegenwart spiegeln. Mit dem Land vertraut und historisch wie auch theologisch gut informiert, wagt Brod sich auf das schwierige Terrain eines Jesusromans und gibt dabei zu keinem Zeitpunkt die Freiheit des Dichters auf seine ganz eigene, „verdichtete“ Version auf.
So erfolgt die Annäherung an Jeschua wie auch an das zeitgenössische Judentum aus der Außenperspektive des philosophisch und literarisch gebildeten Griechen Meleagros. Dieser hat die römische Gewaltherrschaft selbst erfahren und muss dennoch im Dienst der Römer arbeiten. Im Lande Jeschuas wird er zu einem Wanderer zwischen heidnischer und jüdischer Welt. Immer stärker lässt er sich hineinziehen in den Sog der Faszination für den jüdischen Gottesglauben und Widerstand rund um den „Meister“, begeistert und befremdet zugleich. Dazu trägt vor allem Schoschana bei, die (frei erfundene) Ziehschwester und leidenschaftliche Anhängerin Jeschuas. Sie wird dem in sie verliebten Meleagros ebenso wie auch den Leser/innen zu einer Dolmetscherin ihres Bruders. Weitere Figuren kennt man aus den Evangelien – teils klassisch gezeichnet (so z.B. Maria von Magdala in der Identifizierung mit der Sünderin aus Lk 7 oder auch Kepha als derjenige, der in Jeschua klar den erwarteten Messias sieht), teils in eigentümlicher Verfremdung. Dies betrifft speziell Jason, den Freund des Meleagros von Jugend an, der sich erst spät als Judas Iskariot herausstellt – getrieben von apokalyptischen (Selbst-)Vernichtungsphantasien, in allen Farben schillernd und schließlich als Opfer römischer Propaganda endend.
Jeschua selbst tritt erst nach über hundert Seiten des Romans in Erscheinung. Oft stößt man auf vertraute Perikopen v.a. der synoptischen Evangelien, narrativ gut verwoben und in einen neuen Rahmen organisch eingefügt. Jesus, der in den damaligen jüdischen Kontext eingebettete Verkünder des Gottesreiches – diese Darstellung entspricht heutigem exegetischen Allgemeingut. Nichtsdestotrotz bleibt die Figur des Jeschua facettenreich und widersprüchlich bis zuletzt. Die große Frage, mit welchem Selbstanspruch er auftritt und wer er eigentlich ist, spiegelt sich in den diversen Deutungsmodellen der Handlungsfiguren: ein politischer Aufrührer, ein Philosoph wie Sokrates, ein außergewöhnlicher Charismatiker in einer Landschaft, die ohnehin „summt vor Wundern“ (249), anders als gewöhnliche Menschen oder gar ein göttliches Wesen? Ohne je die Grenzen zwischen Judentum und Christentum zu verwischen, legt der Autor die Antwort auf diese Frage in die Hände seiner Leser/innen.
Über alledem steht das Bild Jeschuas als eines bedingungslos Liebenden, dessen Überwindung aller gängigen Freund-Feind-Muster zur Inspiration für seine Umgebung und darüber hinaus wird. In diesem Sinne erklingt der abschließende Friedenswunsch des Verfassers in seinem Nachwort an alle Mitmenschen guten Willens – zu seiner wie auch zu unserer Zeit. Ein Jesusroman, ansprechend eingebettet in ein Vorwort von Schalom Ben-Chorin und ein Nachwort von Karl-Josef Kuschel, der auch heute noch mit Gewinn zu lesen ist!
Göttingen: Wallstein Verlag. 2015
574 Seiten
29,90 €
ISBN 978-3-8353-1341-5
