Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Maya C. Klinger: Wie ein Foto unser Leben rettete. Die wahre Geschichte der Familie Mandil

Maya Klinger erzählt in ruhiger und sensibler Weise, ohne in unangemessene Sentimentalität zu verfallen, aus der Ich-Perspektive des fünfjährigen Gavra Mandil die Geschichte seiner Familie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Es handelt sich um die Darstellung der realen Erlebnisse der Familie Mandil, die nach dem Einmarsch der Deutschen in Jugoslawien zur Flucht aufgrund drohender Deportation gezwungen ist. Dabei gelingt es Maya Klinger in kindgerechter, Empathie schaffender Sprache, die Ängste und Sorgen Gavras spürbar werden zu lassen, der nicht versteht, warum Judesein lebensgefährlich geworden ist und er mit seiner Familie die Heimat verlassen muss. Die Schrecken des Krieges werden nicht detailreich geschildert, jedoch ist eindeutig nachzuvollziehen, dass die Angst vor den deutschen Soldaten und den sich häufenden Bombenangriffen allgegenwärtig ist.

Eine besondere Szene, die dem Buch seinen Titel gab und in der sich in verblüffender Weise entschieden hat, dass die Familie nicht verhaftet wird, was zur Folge gehabt hätte, dass Gavra seine „Geschichte vielleicht nicht [hätte] erzählen können“ (45), vermag jungen Leserinnen und Lesern einen sehr guten Eindruck vermitteln, mit welcher Akribie und Aggression die Deutschen nach Juden suchten, um sie zu kennzeichnen „mit dem gelben Stern“ (17), in „Arbeitslager [zu] schicken“ (20) und zu töten: „Leider haben sehr viele Juden, auch Juden aus Jugoslawien wie wir, den Krieg nicht überlebt.“ (45): Nachdem Gavras Vater bereits in Belgrad Zwangsarbeit leisten musste, kann er mithilfe von Freunden gefälschte Pässe und Zugfahrkarten für die Ausreise Richtung Süden besorgen. Als die Familie bereits im Zug sitzt und darauf hofft, bald den Fängen der Deutschen entronnen zu sein, wird der Zug nach kurzer Fahrt gestoppt. Alle Personen müssen die Pässe abgeben, Soldaten durchstreifen den Zug und schließlich wird Familie Mandil aufgefordert auszusteigen. Die aufkommende Panik der Eltern und Gavras können die Leserinnen und Leser förmlich spüren. Der deutsche Offizier meint, anhand der in den Pässen verzeichneten Namen erkannt zu haben, dass die Familie jüdisch ist. Der Vater verneint dies. Gavra und seine dreijährige Schwester Beba verhalten sich ganz ruhig ob der Lüge des Vaters, da sie verstehen, dass es gerade um ihr Leben geht. Der Vater, Fotograf von Beruf, holt geistesgegenwärtig ein Foto aus der Brieftasche, das seine fein gekleideten Kinder neben einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zeigt. „Der deutsche Offizier betrachtete das Foto und dachte sich bestimmt, dass wir wohl keine Juden sein könnten, wenn wir Weihnachten feierten.“ (40) Schließlich überzeugt das Foto den Offizier und er lässt die Familie ziehen.

Auf ihrem weiteren gefährlichen Fluchtweg muss die Familie viele Entbehrungen sowie leid- und angstvolle Zeiten erleben. In Albanien werden sie von Familie Veseli auf deren abgelegenem Hof versteckt. Selbst dorthin kommen die Deutschen und immer wieder müssen die Mandils um ihr Leben bangen. Auch diejenigen, die sie verstecken, sowie die Dorfbewohner, die sie decken, schweben in Lebensgefahr. Glücklicherweise überleben Familie Mandil und all ihre Helferinnen und Helfer. Nach Ende des Krieges bleiben die entstandenen Freundschaften bestehen, die von tiefem Dank und gegenseitigem Respekt geprägt sind.

Was Menschlichkeit bedeutet und wie die Familie Unterstützung erfahren hat, wird in diesem Kinderbuch, das das wenig beachtete Thema der Rettung von Juden in Albanien in berührender Weise behandelt, eindrucksvoll dargeboten. Es zeigt nachdrücklich, wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft den Menschen entgegengebracht wurden, die es nötig hatten, ohne dass Herkunft, Religion oder Besitzstand irgendeine Rolle gespielt hätten. Die Fotos, die neben den sehr gelungenen Illustrationen von Isabel Kreitz den Text bereichern, hat die Familie Mandil der Autorin zur Verfügung gestellt. Sie schaffen einen konkreten Bezug zu den realen Personen, von denen erzählt wird. Das Nachwort gibt einen interessanten Einblick in die Familiengeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Einsatz des Kinderbuches im Unterricht ist äußerst empfehlenswert. Es bietet viele Gesprächsanlässe, nimmt durch die Ich-Perspektive des jungen Gavra die Kinder sogleich in das Geschehen mit hinein, zeigt für junge und ungeübte Leserinnen und Leser in kindgerechter Weise die bedrohlichen Seiten des Krieges, betont jedoch immer wieder, dass es viele Menschen gibt, die die Not anderer zu lindern vermögen und somit Menschlichkeit erfahrbar werden lassen.

Mit Illustrationen von Isabel Kreitz
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
Berlin: Insel Verlag. 2025
125 Seiten m s-w Abb.
15,00 €
ISBN 978-3-458-64493-4

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