Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Melanie Mühl: 15 sein

Melanie Mühl, Redakteurin der FAZ, geht in ihrem neuesten Projekt der Frage nach, ob sich die landläufig und von manchen Wissenschaftlern vertretene negative Meinung über die heutige Jugend – sie sei smartphonesüchtig, konsumbesessen, spaßorientiert, egozentrisch und ausschweifend – bestätigen lässt. Dafür legt sie mit „15 sein" ein Buch vor, in dem sie Begebenheiten, Meinungen und Sichtweisen von 13- bis 18-jährigen Jungen und Mädchen – Einzelpersonen, Cliquen und eine ganze Schulklasse – wiedergibt, die sie in zahlreichen Gesprächen gewonnen hat. Geredet wird über verschiedene aktuelle oder frühere Lebensbereiche wie Kinder- und Jugendzimmer, Internet und digitale Medien, Körper, Beziehungen, Schule u.a. Neben diesen Gesprächen, die im O-Ton den größten Raum einnehmen, stehen Studien, mit denen die Einschätzungen der Jugendlichen zu ihrer Situation belegt werden sollen, und kurze Exkurse zur eigenen Jugend der ca. 40-Jährigen Autorin, in welchen sie manche Unterschiede und viele Gemeinsamkeiten schildert.

Melanie Mühl hat das Vertrauen ihrer Gesprächspartner gewonnen und fühlt sich ihnen verpflichtet. Aus diesem Grund kommentiert sie deren Aussagen nicht, sondern referiert sie lediglich, bekräftigt sie mit den Studien und ergänzt manchmal. Manche kritische Themen von Bedeutung werden in den Gesprächen nur marginal angesprochen, z.B. das Thema Mobbing, das vonseiten der Schüler nur mit einem einzigen banalen, nicht einmal digitalen Beispiel erläutert wird. Das ist umso weniger nachvollziehbar, als die Polizei in ihren Aufklärungskampagnen oder etwa der Medienbeauftragte für die Schulen in Hessen von einer nicht unbeträchtlichen Zahl an Cybermobbing-Fällen sprechen, die aufzeigen, dass dies heutzutage ein wirkliches Problem ist, mit dem viele Heranwachsende sehr wohl konfrontiert sind.

Es stellt sich zudem die Frage, ob die befragten Jugendlichen einen Durchschnitt der insgesamt inhomogenen Gruppe zeichnen können, denn die meisten der hier zitierten jungen Menschen sind Gymnasiasten, die älter als 15 sind und die Pubertät schon hinter sich haben. Deren Welt- und Selbstsicht ist natürlich reflektierter – und sie zeichnen ein positives Bild ihrer Generation. Den Praktiken und Phänomenen, gegen die sie sich aussprechen und die sie an anderen Jugendlichen kritisieren – wie etwa exzessiver, unkritischer Internetkonsum, übertriebene oder heikle Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken, Spielsucht, extremer Körperkult bis hin zu Magersucht, Shoppingsucht, Drogenkonsum, Mobbing und Pornokonsum – scheinen sich eben jene nicht entziehen zu können.

Unstrittig ist die Meinung der Autorin, dass es nicht angebracht ist, die heutige Jugend mit eingangs zitierten Eigenschaften kollektiv abzustempeln, denn sie ist ja ein Spiegelbild der Erwachsenenwelt und mit ihr muss sich die ganze Gesellschaft den heutigen Herausforderungen, v.a. im Bereich der digitalen Welt, stellen. Den jungen Menschen ist Respekt dafür zu zollen, dass sie so viel von sich erzählen, und Melanie Mühl, dass ihr dieses Projekt gelungen ist. Interessant, manchmal amüsant, zuweilen etwas langatmig führt das Buch in die Welt der Zielgruppe ein. Lesen sollte dieses Buch, wer sich ungefiltert und nicht in wissenschaftlicher Sicht für die Denk- und Handlungsweisen, Geheimnisse, Sprache und Ausdrücke aus der Sicht der Jugendlichen interessiert und sie besser verstehen möchte.

 

München: Hanser Verlag. 2016

221 Seiten

18,90 €

ISBN 978-3-446-25068-0

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