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Michael Triegel: Malen ist eine Form der Selbsterkenntnis. Gespräche und Essays zur Kunst
Das Portrait von Papst Benedikt XVI. (2010) hat Michael Triegel zu einem bekannten Maler gemacht. Zugleich wurden kritische Fragen gestellt: Kann man heute noch malen wie die Alten Meister? Sind heute noch Motive aus Antike und Christentum relevant? Seine Antwort, ein doppeltes Ja, begründet der belesene und reflektierte Künstler in dem vorliegenden Buch. Darin hat der Herausgeber Matthias Bormuth, Professor für Vergleichende Ideengeschichte, verstreut veröffentlichte und einige noch unveröffentlichte Beiträge zusammengestellt. Gerahmt wird der Band durch zwei Aufsätze, in denen sich Bormuth aus biographischer (11-17) und kulturgeschichtlicher Perspektive (203-225) mit dem umfangreichen Werk Triegels befasst. Aufschlussreich sind die beiden ausführlichen Gespräche zwischen Herausgeber und Künstler (21-58, 59-78), die schon die Lektüre lohnen. Den Hauptteil bilden sechzehn zwischen 2004 und 2024 entstandene, gut lesbare Texte Triegels, in denen er sich zu etlichen Bildern äußert und einen Einblick in seine Bild- und Gedankenwelt gibt (81-200). Am Ende des Bandes sind dankenswerterweise die in den Texten angesprochenen Bilder abgedruckt – leider unpaginiert und ohne eine erkennbare Anordnung, was die Bildersuche erschwert.
Michael Triegel wird am 13.12.1968 in Erfurt geboren. Das Einzelkind, das gerne zeichnet, wächst mit Musik und Literatur auf, die ihm in der DDR einen geistigen Freiraum ermöglichen. Ein Besuch der „Gemäldegalerie Alte Meister“ in Dresden wird für den 14-Jährigen zur „Offenbarung“ (32). Fortan sind ihm Raphael und Dürer Leitbilder – und wecken sein Interesse an den veranschaulichten Inhalten. Nach dem Dienst in der NVA begibt sich Triegel 1990 auf Italienreise, wo ihn, den Ungläubigen, in der Barockkirche II Gesù das Gefühl ergreift, niederknien zu müssen – und wieder die Frage nach der Einheit von Form und Inhalt aufwirft. Weil er die Fertigkeiten für gegenständliche Malerei erwerben möchte, studiert er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Arno Rink und Ulrich Hachulla. Sein erstes nach eigenen Maßstäben geglücktes Gemälde trägt den Titel „Abendmahl“ (1974) und zeigt mit unverkennbarem Bezug auf Leonardo da Vincis berühmtes Wandgemälde (1494-97) an einem langen Tisch einen von seinen Jüngern verlassenen, zudem gesichtslosen Jesus.
Triegel, der sich seit seinem Abitur mit Friedrich Nietzsche befasst, vertritt längere Zeit auf dessen Linie eine Kunstreligion, von der er erst mit seiner Taufe 2014 abrückt. Kein herbeigewünschtes „Damaskus-Erlebnis“, vielmehr Exerzitien, Bibellektüre und Gespräche sind vorausgegangen. Der Getaufte spricht von einem „Wendepunkt“ (48), der keineswegs seine Fragen und Zweifel beseitigt habe. Mit Blick auf das Verhältnis von Form und Inhalt kommt er zu der Überzeugung, dass die – von ihm auf Gemälden Alter Meister so bewunderte – Form als „Mittel“ (100) zum Transport von Inhalten und Ideen dient. Dabei geht es um Inhalte, die den Künstler übersteigen: Es geht um die Verehrung Gottes. Und wenn heutige Gläubige vor einem von ihm gemalten Altar Gottesdienst feiern, gilt das Gebet keineswegs der künstlerischen Qualität der Darstellung, sondern dem darauf Dargestellten. Religiöse Kunst ist nicht für einen White Cube entstanden; sie erfüllt im Raum der Kirche eine Funktion – und ist gerade deshalb, so Triegels Überzeugung, lebendig geblieben.
Triegel will keinen Bruch mit der malerischen Tradition – weder im Inhalt noch in der Form, die er mit seiner altmeisterlichen Malerei fortführt. Im Mythos mit seinen archetypischen Figuren wie Orpheus, Sisyphus, Ariadne oder Medea sowie im Christentum mit der Person Jesus manifestiert sich die Conditio humana in der Spannung zwischen radikaler Endlichkeit und Hoffnung auf Erlösung. In Werken der Renaissance und des Manierismus sucht und entdeckt der Maler Überraschendes: So sind beispielsweise die Bilder Caravaggios mit ihren Uneindeutigkeiten in einer Zeit großer Verunsicherung entstanden und kommen uns nahe, weil wir darin unsere heutigen Unsicherheiten wie in einem Spiegel aufspüren können. – Triegel nutzt das überlieferte Formenvokabular und verknüpft es mit modernen Fragestellungen: Er betreibt eine Ars combinatoria, die Altes und Neues auf eine Weise kombiniert, dass der Blick des Betrachters irritiert wird – und damit genau das leistet, was moderne Kunst befördern will.
Schränkt malerische Akkuratesse nicht die künstlerische Freiheit ein? Nein, denn, so Triegel, wie ein Musiker sein Instrument oder ein Dichter die Sprache muss ein Maler sein Handwerk beherrschen; dazu muss er es erlernen und beständig üben. Dann erst verfügt er über die Freiheit, eine Idee auf die Leinwand zu bringen (71) – und muss nicht lange überlegen, wie etwa eine Nase zu malen ist (49). – Schränken nicht kirchliche Aufträge die künstlerische Freiheit ein? Selbstverständlich sind im Fall eines Altars der Standort und das Thema vorgegeben; doch übernimmt Triegel nach eigenen Aussagen nur dann einen Auftrag, wenn er ihn sich zu eigen machen (188) und zu eigenen Bildlösungen finden (55) kann. Er nimmt sich die Freiheit, sich „bewusst in den Dienst“ (187) der Kirche zu stellen.
Mit Blick auf das allgegenwärtige Leid wurde Triegel die Schönheit seiner Bilder vorgehalten. Dem hält er entgegen, dass sich nicht nur Schreckliches, sondern auch Schönes in unserer Welt findet und deshalb nicht aus der Kunst verbannt werden sollte. Darüber hinaus liege in der Schönheit ein „utopisches Moment“, nämlich „die Ahnung einer besseren Welt, die uns anzieht“ (62). So lassen sich auf einem Bild der Passion Jesu, die ja ein Symbol für Leid und Tod schlechthin ist, Hinweise auf die noch ausstehende Auferstehung finden.
Bilder malt Triegel zunächst für sich selbst. In ihnen bannt er seine Ängste und Sehnsüchte (weshalb ihnen „etwas Apotropäisches“ (23) eigen ist), in ihnen spiegeln sich sein Glaube und sein Zweifel. Triegels Bilder sind Objektivationen seiner ganz eigenen Welt-Anschauung und das „Malen ist eine Form der Selbsterkenntnis“ (45). Zugleich sind die Bilder ein „Schutzschild“ (23), eine ästhetisch gestaltete Maske, hinter der sich die Persönlichkeit des Malers verbirgt. Er hofft auf Betrachter, die sich von der „schönen Oberfläche“ angezogen fühlen und genauer hinsehen, um sich darin wiederzuerkennen und mit den Eindrücken Anderer ins Gespräch zu kommen. Sein Ratschlag „vertrauen Sie Ihrem eigenen Blick und misstrauen Sie dem Schein schöner Oberfläche“ (109) kann, weil Triegels Bilder keineswegs eindeutig sind, zu ganz unterschiedlichen Interpretationen führen. Triegels Bilder erfreuen das Auge und geben zu denken – wobei allerdings kultur- und kunstgeschichtliche Kenntnis vorausgesetzt sind.
Triegel hat auch Grafiken geschaffen. Auf dem Cover des Buches ist die Schablithografie „Selbst“ (2022) abgebildet. Es zeigt auf schwarzem Hintergrund nur den Kopf des Künstlers, dessen Augen den Betrachter eindringlich anblicken. Die Grafik referiert auf Dürers berühmtes „Selbstbildnis mit Pelzrock“ (1500), auf dem sich der Maler in Christuspose präsentiert. Dieser offensichtliche Bezug auf Dürer zeugt zum einen von Triegels künstlerischem Selbstbewusstsein und zum anderen zeigt es einen Künstler, der als Fragender den (Blick-)Kontakt zu den Betrachtern –zu uns ebenso fragenden und suchenden Zeitgenossen – sucht. Dieses Buch stimmt darauf ein.
Herausgegeben von Matthias Bormuth
Göttingen: Wallstein Verlag. 2025
231 Seiten und s-w sowie farb. Abb.
32,00 €
ISBN 978-3-8353-5746-4
