Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Mouhanad Khorchide: Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle

Seit einigen Jahren ist in Deutschland die Diskussion um den so genannten „importierten Antisemitismus“ entbrannt, der in bestimmten politischen Kreisen auch gerne mit „dem Islam“ ursächlich in Verbindung gebracht wird. In diesem Kontext nimmt Mouhanad Khorchide das schwierige Thema „Judentum und Islam“ in seiner historischen wie aktuellen Spannbreite auf. Dabei bemüht sich das Buch durchgängig um eine für Nicht-Fachleute verständliche Sprache, so dass sich sowohl das für die Lektüre notwendige fachliche Vorwissen als auch der kritische Apparat der Anmerkungen in Grenzen halten.

Aus Sicht eines islamischen Theologen beschreibt Khorchide die historischen Beziehungen zum Judentum an Beispielen theologischer Nähe und geübter Toleranz bis hin zu Beispielen religiöser Ablehnung und gesellschaftlicher Diffamierung. Im Anschluss stellt er zwei gegensätzliche Thesen in ihren wichtigsten Vertretern vor. Position 1: „Es gibt keinen genuin muslimischen, sondern nur einen (von den europäischen Kolonialmächten übernommenen und anschließend) islamisierten Antisemitismus“ (48-52); und Position 2: „Es gibt einen spezifischen muslimischen Antisemitismus“ (53-56). Beide Positionen werden in ihren Chancen und Risiken untersucht (56-62), was eine erfreulich unaufgeregte Herangehensweise an dieses schwierige Thema ergibt.

Khorchide gibt an, selber „Position 2“ zu bevorzugen, und zeigt zum Nachweis auf, wie sich in der islamischen Geschichte eine Großerzählung (master story) über Jüdinnen und Juden etabliert hat, die bis heute antisemitische Auswirkungen hat. Und er beschreibt einen Mechanismus der Verdrängung, der sich über „Position 1“ dafür entschulden will. Dabei sei vielen Musliminnen und Muslimen die Fülle der positiven wie der negativen Bezüge islamischer Traditionstexte zu Jüdinnen und Juden kaum bekannt. Vielmehr würden aus dem Kontext gerissene Einzelverse zur „Reproduktion einer Großerzählung“ (81-82) verwendet, die z.B. Muhammad als einen Verfolger der Juden zeige, sobald er in Medina die politischen Möglichkeiten dazu hatte. Durch dieses in der medialen Öffentlichkeit dankbar aufgegriffene cherry-picking ‚negativer‘ Verse blieben die zahlreichen positiven Bezüge islamischer Traditionstexte zu Jüdinnen und Juden weitgehend unterbewertet.

Khorchide hingegen kontextualisiert die ‚positiven‘ und die ‚negativen‘ Traditionstexte und setzt sie zueinander ins Verhältnis. Ausgehend von dieser Forschungslage, will er das cherry-picking und die Überbewertung der ‚negativen‘ Texttraditionen delegitimieren und somit die Großerzählung „irritieren“. In einem zweiten Schritt entwickelt er ein alternatives master narrative, das die theologische Quelle des Islam im Judentum nicht verleugnet, sondern neu entdeckt: „Ohne Judentum kein Islam“!

Khorchides Gegenerzählung hebt hervor, dass Muhammad bereits in der frühen Phase in Mekka Moses als sein prophetisches role model entdeckte. Obwohl in der frühen und mittleren mekkanischen Zeit keine Auseinandersetzung mit Jüdinnen und Juden im größeren Maßstab erfolgte, sieht Khorchide eine enge theologische Anbindung: „Das Judentum gilt als Grundlage für die Verkündigung Mohammeds im siebten Jahrhundert“ (134). Zudem seien „zentrale Elemente islamischer Praxis – von rituellen Reinheitsgeboten über Fastenvorschriften bis zur Gebetsrichtung – in enger Anlehnung an jüdische Gebräuche entstanden“ (135): „Es waren die jüdischen Traditionsbestände, die es Mohammed ermöglichten, seine Verkündigung nicht als religiöse Innovation, sondern als Erinnerung an bereits Geoffenbartes zu inszenieren.“ (135).

In diesem Punkt sieht Khorchide auch einen Unterschied zum Judentumsbezug des Christentums. Das Christentum hat das Judentum als historische Wurzel (vgl. das Ölbaumgleichnis in Röm 11) betrachtet und entwickelte aus ihm sein eigenes Profil – in einer jahrhundertelangen Ausdifferenzierung parallel zum rabbinischen Judentum. Der Islam hingegen stamme historisch nicht aus dieser Wurzel, aber Khorchide begreift das Judentum „als existenzielle Voraussetzung für den Islam, von zentraler Bedeutung“. Jüdisches Leben wird in diesem Sinne „nicht nur respektiert, sondern als identitätsstiftend für muslimische Existenz anerkannt“ (136).

Zur Kritik: Khorchide liefert einen Gegenentwurf zu Abdel-Hakim Ourghis Buch „Die Juden im Koran. Ein Zerrbild mit fatalen Folgen“ (Claudius-Verlag 2023, 264 S.). Ourghi vertritt folgende These: „Judenhass und Antijudaismus waren in der Geschichte des Islam eine distinkte Macht. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich zu einem jeweils zeitbedingten Antisemitismus, der mechanisch ideologische Hassmuster hervorbrachte“ (2023, 226). Daher fordert er eine schonungslose wissenschaftliche Aufklärung, welche diese ‚geschichtliche Wahrheit‘ ans Licht bringen müsse, um innerhalb der muslimischen Community eine Katharsis herbeizuführen. Auch wenn sich Khorchides direkte Auseinandersetzung mit Abdel-Hakim Ourghi im besprochenen Buch auf die Seiten 81 bis 96 beschränkt, so ist die gegenseitige Kritik fundamental. Khorchide wirft Ourghi vor, die zahlreichen positiven Bezüge islamischer Traditionstexte zu Jüdinnen und Juden unterzubewerten und damit bewusst die Reproduktion der oben genannten Großerzählung in Kauf zu nehmen. Ourghi hingegen wirft Khorchide eine „kosmetische Beschönigung der muslimischen Geschichte“ (2023, 52-53) vor.

Diese Kritik trifft das neue Buch von Khorchide m.E. nicht, dessen Stärke auch in einer Reihe von kurzen und verständlichen Kapiteln zu fünf konfrontativen „Erzählungen“ im Rahmen der o.g. master story liegt, die der Autor kritisch dekonstruiert und delegitimiert. Hier bezieht er klare Stellung zum taḥrīf-Vorwurf einer angeblichen „Verfälschung der Tora“ im Judentum („Erzählung 3“, 97-107). Lobenswert ist, dass er den Peinlichkeitsmomenten nicht ausweicht und in „Erzählung 4“ den koranischen Vergleich von Juden mit „Affen und Schweinen“ aufnimmt (108-121). Sehr klar verurteilt er die diffamierende Verallgemeinerung dieser Verse im Rahmen der o.g. Großerzählung. Die Aussage sei im Koran keine Aussage über „die Juden“ im Allgemeinen, sondern über eine definierte jüdische Gegnergruppe und in einem spezifischen Konflikt getroffen worden, bleibt dabei aber natürlich trotzdem problematisch. Hermeneutisch ist es hilfreich, dass Khorchide den Kontext solcher Tiervergleiche in der spätantiken (auch jüdischen) Literatur aufzeigt.

An die Grenzen stößt Khorchides Methode dort, wo er auf den Konflikt Muhammads mit jüdischen Stämmen in Medina und ihre anschließende Vertreibung eingeht. Hier steht besonders infrage, ob dabei mit Wissen oder gar auf Befehl von Muhammad systematisch jüdische Zivilisten exekutiert worden seien („Erzählung 5“, 121-131). Dieses Detail ist aus dem Koran nicht ablesbar, findet sich aber ab dem 8./9. Jh. in islamischen Auslegungen und in den frühen Lebensbeschreibungen des Propheten (Sīra). Mit einem großen Teil der (westlichen) Fachwissenschaft stellt Khorchide die Sīra als geschichtliche Quelle in Frage. Damit ist aber weder ein Gegenbeweis erbracht noch das Problem vom Tisch, wieso schon in der frühen Abassidenzeit solches vom Propheten erzählt wurde. Ein weiteres Problem: Die Sīra führt als Beleg etliche Hadithe (Aussprüche Muhammads) an. Für einen sunnitischen Theologen ist es schon bemerkenswert, wie offen Khorchide die maßgeblichen Hadith-Sammlungen von Ahmad ibn Hanbal und al-Bukhari (beide 9. Jh.) – und hier vor allem die über den frühen Gewährsmann Abu Huraira geführte Überlieferungskette (131) – als geschichtliche Quelle in Frage stellt. Dem werden nicht alle muslimischen Forscherinnen und Forscher folgen wollen.

Und Abraham?! Er tritt bei Khorchide gegenüber Moses, der als zentrale Figur die Prophetologie und die Theologie Muhammads theologisch indossiert, erst einmal zurück. Für Khorchide spielt Abraham erst in den medinensischen Suren eine größere Rolle, als der Bezug zum Judentum um die Suche nach einem gemeinsamen role model für Juden, Christen und Muslime erweitert wird. In diesem Kontext wird Abraham „zur überkonfessionellen Identifikationsfigur des wahren Monotheismus erhoben“ (163).

Wie üblich wirken Khorchides Methodik und Vorgehensweise für christliche Lesende sehr eingängig. Haben nicht auch die christlichen Theologien ihre eigene Wurzel des Judentums über sehr lange Zeit verleugnet? Versuchen sie heute nicht ebenfalls, die problematischen Formulierungen des Neuen Testaments zu Jüdinnen und Juden – etwa in der Johannes-Passion oder im Hebräerbrief – zu kontextualisieren und ins richtige Verhältnis zum Jude-Sein Jesu, seiner Apostel (und des Paulus) zu setzen? Delegitimieren sie dabei nicht ebenfalls den Missbrauch dieser Textstellen für eine systematische antijüdische Polemik in der christlichen Patristik ab dem 3. Jh.? Bezweifeln sie dabei nicht ebenfalls weite Teile ihrer Überlieferung als historische Quellen? Und sind sie heute nicht auch um eine Gegenerzählung bemüht, die den „nie gekündigten Bund“ Gottes mit dem Judentum als bleibende Wurzel des christlichen Glaubens versteht? Für christliche Lesende des Buches schwimmen solche Fragen im Sublayer immer mit, und daran schließt sich die unbeantwortete Frage an, ob das Eingängige auch wirklich Vergleichbares ist. Vielleicht wäre dies eine Anregung für eine weitere Kooperation von Khorchide mit Klaus von Stosch in Ergänzung zu ihrem gemeinsamen Buch „Der andere Prophet: Jesus im Koran“ (Herder-Verlag 2018).

Fazit: Khorchides Buch ist eine angenehm unaufgeregte, aber sehr kenntnisreiche und engagierte Darstellung der äußerst komplexen interreligiösen Situation zwischen Judentum und Islam, die in einem berührenden persönlichen Statement zu Ende des Buches auf die Entwicklungen in Israel und Palästina seit dem 7.10.23 eingeht. Meine Empfehlung: Nicht nur kaufen, sondern auch lesen!

Freiburg: Herder Verlag. 2025
221 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-451-03606-2

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