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Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Verzichts. Kleine Philosophie der Selbstbeschränkung
In Zeiten gesellschaftlicher Debatten über Klimawandel, Artensterben und Rohstoffmangel sind Bücher über Askese und Selbstbeschränkung im Trend und notwendig. Hierzu passt auch die von Otfried Hilfe formulierte „Kleine Philosophie der Selbstbeschränkung“, die er unter dem Titel „Die hohe Kunst des Verzichts“ veröffentlicht hat.
Mit der Rede von der „hohen Kunst“ deutet der Autor an, dass er den Begriff des Verzichts von seinem negativen, moralisierenden Image befreien möchte. Höffe beschreibt verschiedene Verzichtsmuster, die aufzeigen, dass das Verzichtenkönnen eine anthropologische Grundfähigkeit des Menschen ist, die einen großen Teil seiner kulturellen Leistung erklärt. Besonders eindrücklich gelingt ihm dies mit dem Hinweis auf die Verzichte, die Menschen in Rechtsstaaten in Kauf nehmen, um ihre eigene Freiheit zu erhalten. Denn nur wer z.B. selbst bereit ist, auf das Ausleben seiner spontanen Rachegefühle und Hassausbrüche zu verzichten, kann in einem auf diese Weise deutlich gewaltreduzierten Rechtsstaat von vielen Freiheiten Gebrauch machen. Auch zeigt er auf, dass rechtliche Vertragsbeziehungen in vielerlei Hinsicht von Verzichten geprägt sind, ohne dass dieser Kontext im Allgemeinen mit dem Thema „Verzicht“ in Verbindung gebracht würde.
Höffe widmet sich dann in seinem Essay weiteren Arten des Verzichts mit dem Ziel einer möglichst umfassenden Behandlung seines Themenfeldes. In den Blick kommen dabei Verzichte, die das Menschsein ermöglichen. Hier werden die Kardinaltugenden der Besonnenheit, der Tapferkeit, der Geistigkeit und der Klugheit behandelt. Mit diesen zentralen Tugenden sind immer Selbstbeschränkungen verbunden, die das unüberlegte, spontane Handeln durch ein ethisch reflektiertes Handeln ablösen sollen. Auch hier gelingt es Höffe, Selbstbeschränkungen aufzuzeigen, wo man sie gewöhnlich nicht suchen würde, wie z.B. in der Praxis der Toleranz, bei der Berufsarbeit, in Architektur und Städtebau und vielen anderen Bereichen des alltäglichen Lebens.
Im folgenden Themenfeld, der Selbstbeschränkung als Mittel zur Steigerung des Menschseins, wie beispielsweise durch Askese, Fasten, selbst auferlegte Armut, Demut und Keuschheit, begibt sich der Autor in das Feld der im allgemeinen Bewusstsein am engsten mit dem Verzichtsbegriff assoziierten Praktiken. Es kommen Platon, Aristoteles und vor allem die Stoa ins Gespräch.
Bei der Behandlung der beiden folgenden Verzichtsmuster „Aktuelle Krisen bewältigen“ und „Den Planeten retten“, d.h. der für ZeitgenossInnen besonders spannenden Frage, wie wir durch Selbstbeschränkung die multiplen Krisen der Gegenwart bewältigen können, gerät der Philosoph erkennbar an die Grenzen seiner Wissenschaft. Hier werden die Betrachtungen sehr holzschnittartig und den angerissenen Fragen, wie Finanzkrise, Migration, Energiekrise, nicht gerecht. Entsprechend gering fällt der Ertrag für die Lesenden aus. Sobald der Philosoph sich auf diese ihm fremden komplexen Felder begibt, wird die Lektüre zum Teil auch ärgerlich. Beispielsweise beim Thema Bevölkerungsexplosion (168 f). Neben diesem bereits schon fragwürdigen Begriff spricht Höffe mehrfach von Bedrohung und wagt schließlich die Aussage, dass „die betreffenden Länder auf die eine oder andere Weise auf ihre Bevölkerungsexplosion verzichten müssen“. Zwar wird dieses in sich schon fragwürdige Bild (Wer zündet die Explosion? Wie ist ein Verzicht auf die Explosion vorzustellen?) in den folgenden Sätzen mit dem Hinweis auf ein „vermintes“ Diskussionsfeld schnell wieder ausgeblendet, um den Gedankengang damit abzuschließen, dass der Westen (müsste es nicht heißen „der Norden“?) sich keine Allgemeinschuld an diesem Thema zumuten müsse, sondern dass die betreffenden Staaten ihre Mitschuld nicht abstreiten könnten. Warum China mit seinen Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums quasi „entschuldet“ wird, hätte dann doch einer tieferen ethischen Begründung bedurft.
Aber dies ist im Format eines Essays natürlich kaum möglich. So bleibt der Text ein interessantes Kompendium unterschiedlicher Verzichtsmuster. Was dieser Sammlung jedoch fehlt, ist die Auseinandersetzung mit einer grundsätzlichen Kritik des Verzichts, wie sie schon vor zweieinhalbtausend Jahren im 58. Kapitel des Jesajabuchs formuliert wurde: Fasten und Selbstbeschränkung ist zuallererst der Suche nach Gerechtigkeit unterzuordnen. Auch wenn, wie Höffe überzeugend darlegt, dem Verzicht anthropologischer Rang einzuräumen ist und er in seiner Bedeutung erheblich aufzuwerten ist, letztlich gewinnt er diese Bedeutung nur durch seinen Beitrag zu gerechten Verhältnissen für alle Lebewesen auf diesem Planeten.
München: C. H. Beck Verlag. 2023
192 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-406-80746-6
