Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Ottmar Fuchs: Momente einer Mystik der Schwebe

Der emeritierte Tübinger Pastoraltheologe Ottmar Fuchs gehört sicher zu den profiliertesten Vertretern seiner Zunft. Wer sich von diesem Altmeister pastoraltheologischer Reflexion ein abgeklärtes, nach jahrzehntelangem Lehren und Forschen gereiftes Werk erwartet, wird sich wundern. Anstelle von denkerischer Systematik gibt es „Momente“, anstelle von reflexiver Theologie gibt es „Mystik“, anstelle von Sicherheit im Glauben gibt es „Schwebe“. Dabei geht Fuchs ganz in der Manier seines Faches vor, er analysiert die „Welt von heute“, die – so der Untertitel –allerdings ein „Leben in Zeiten des Ungewissen“ darstellt.

Gezwungenermaßen hat das Buch eine Reihenfolge von sieben Kapiteln, die sich immer wieder aufeinander beziehen und so ein „schönes Durcheinander“ (13) bilden. Zu den denkerischen Perlen, die immer wieder aufgefädelt werden, bietet der Autor bereits im ersten Kapitel „Hinführungen“ den Philosophen Giordano Bruno auf, für den das Universum keinerlei fixen Bezugspunkt mehr kennt, sowie die mystische Erfahrung, die den gewöhnlichen Alltag unterbricht, doch deren tiefes Geheimnis nicht greifbar ist, sondern in der Schwebe bleibt.

Erst vier Kapitel später geht es um „Theologische Einsichten“. Dazwischen liegen die Kapitel „Entrückungen“, „Poetische Eskapaden“, „Unterbrechungen“, „Gratuitäten“. Das Spektrum an erfahrenen und erlesenen Phänomenen, das Fuchs ausbreitet, ist beeindruckend und illustriert leichtfüßig die Grundidee der Schwebe. Schwebende Altäre, musikalische Klangwelten, Segelfliegen, Weingedichte des sufischen Mystikers Hafi, der Roman „Einübung ins Schweben“, Verweise auf Dichterinnen wie Hilde Domin und Christa Wolf, auf Teresa von Avila und natürlich die biblische Praxis Jesu, Erfahrungen von Liebe und Nachdenken über den Tod und vieles mehr sind hier zu finden.

Nach diesen Kapiteln mit einem breiten Spektrum an Beispielen der Schwebe verwundert es nicht, dass Fuchs zu Beginn des theologischen Kapitels fordert: „Analog zu Giordano Brunos Entdeckung, dass es im Universum nichts Fixes gibt, ist auch das Gottesverhältnis auf das Niveau dieser Erkenntnis zu heben.“ (125) Dazu gehört, dass christliche Tradition wie kirchliche Institution selbst in die Schwebe geraten und Sicherheit nur im Wagnis gewonnen werden kann.

Zu dem protestantischen „Entweder-oder“ wie zu dem katholischen „Sowohl-als auch“, gibt es ein Drittes, das „In-der-Schwebe-Halten“ entgegengesetzter Pole der Realität. Weil es Fuchs letztlich um die existenzielle Tiefendimension der Schwebe geht, ist das abschließende Kapitel mit „Spiritualität“ überschrieben. Dazu gehört, dass Gott immer größer ist als der Mensch und alle menschliche Erfahrungswirklichkeit Sinntranszendenz eröffnet, gleichwie dieses jeweils lebensmäßig ausgeht; dies betrifft selbst den Tod, die sicherste Gewissheit des menschlichen Lebens.

Fuchs ist ein berührend-nachdenkliches Buch gelungen, das Biografisches mit Intellektuellem sprachlich spielerisch verbindet und zahlreiche kurze Anknüpfungspunkte zum eigenen Weiterdenken anbietet. Aus der religiösen Sicherheit kommend, diese facettenreich aufgreifend und mit anderen kulturellen Realitäten wie Wissenschaft und Kunst verbindend, bietet er eine Mystik der Schwebe in der Fragilität vielfältigster Momente. Sicherlich keine Lektüre für dogmatische Sicherheitsfanatiker.

Leben in Zeiten des Ungewissen
Ostfildern: Matthias Grünewald. 2023
176 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-7867-3336-2

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