Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Peter Brown: Der Preis des ewigen Lebens

Spannend kann er erzählen – und ist immer für Überraschungen gut: Der irische Historiker Peter Brown begibt sich auf eine Reise in die Jenseitsvorstellungen des Christentums zwischen dem dritten und siebten Jahrhundert. Seine These: Die Christen dieser Jahrhunderte hätten einander nicht verstanden, wenn sie über ihr künftiges Schicksal miteinander geredet hätten. Das hat mit Theologie, mehr noch mit kulturellen Gegebenheiten zu tun.

Bei Tertullian (um 200) waren die Seelen vor dem Jüngsten Gericht in einer Art Wartezustand. Die Märtyrer hingegen als christliche Elite kamen direkt in den Genuss der Anschauung Gottes. Die Zeitreise Browns endet im 7. Jahrhundert bei Julian von Toledo. Für ihn sieht das Jenseits eher wie ein „Stadtmarathon“ (32) aus. Manche erreichen ihr Ziel sehr schnell, andere brauchen länger, weil sie unterwegs den Weg verlieren, Gefahren begegnen und ein reinigendes Feuer zu bestehen hätten. Der Himmel ist an die Individualität der Menschen und ihr Leben auf Erden gebunden.

Diesen Weg durch die Jahrhunderte beschreitet Brown. Bilder wie der vom „Schatz im Himmel“ machten früh deutlich, dass Reichtum und Armut eine wichtige Rolle für das Jenseits spielen. Bei den Totenmählern waren die Toten gewissermaßen präsent. Mit der Zeit wuchs jedoch der Abstand zu ihnen wie der zwischen den armen und reichen Christen.

Die Manichäer des dritten Jahrhunderts stellten sich die Frage, ob die Rituale für die Toten überhaupt funktionierten, und sahen die Antwort in der Zugehörigkeit zur „richtigen“ Kirche; das aber warf die Frage auf, wer denn gerettet würde. Augustinus fand die Antwort, indem er die Menschen nicht nur in „valde boni“ und „valde mali“, sondern auch in solche dazwischen einteilte. Auf Fragen nach dieser Mittelschicht musste Augustinus in vielen Briefen und Predigten antworten. Das Jenseits war für ihn abhängig von der Lebensführung. „Von Gott aufgenommen worden zu sein“ entsprach einer Standeserhöhung bereits im Diesseits. Doch er beharrte auf der reinen Geistigkeit der Seele und lehnte jede „Verortung“ ab. Deshalb habe die Bestattung in der Nähe eines Heiligengrabes keine Bedeutung; entscheidend sei die „memoria“ in Gebet und Liturgie.

Augustinus wandte sich gegen den „Euergetismus“, frommes Almosengeben statt tätiger Nächstenliebe. Man müsse den irdischen Wohlstand in den Himmel transferieren und sich dort einen „Schatz“ sammeln. Gegen die Pelagianer beharrte Augustinus auf dem Erlassen der „Schuld“, selbst wenn seine Zeitgenossen darunter immer mehr die „Schulden“ verstanden, die berechenbar blieben und durch ein „reinigendes Feuer“ abgelöst werden könnten. Augustinus „erfand“ eine Zwischenexistenz der Seele zwischen Himmel und Hölle – später das „Fegfeuer“ genannt.

In Südgallien entstand Ende des 5. Jahrhunderts die Vorstellung, die Reichen könnten sich durch Spenden an die Kirche den Himmel erkaufen, wenn auch die Reise dorthin lang und gefährlich sei. Die Furcht vor dem Gericht musste deshalb groß sein. Sie wurde immer größer, zumal Visionen vom Jenseits dessen Qualen schilderten. Jenseitsreisen brachten den Himmel, mehr noch aber die Hölle, auf die Erde.

Das Jüngste Gericht aber befand sich, wie seit Gregor von Tours immer mehr Gemeingut wurde, nicht nur im Jenseits, sondern wurde schon hier auf Erden durch genau tarifierte Buße für exakt festgelegte Sünden vollzogen. Das ist der Beitrag der irischen Kirche.

Peter Brown schildert eine spannende Entwicklung der christlichen Theologie auf dem Hintergrund der Religionsgeschichte des Römischen Reiches und seiner Nachfolgeinstitutionen. Gerade die spezielle Frage nach dem Schicksal des Menschen nach dem Tod wurde nicht nur theoretisch abgehandelt, sondern fand einen Niederschlag in der Varianz, in der sich das Christentum in eine zunächst heidnische, dann immer stärker christlich geprägte Kultur einwurzelte. Der luzide Gedankengang wäre noch besser nachzuvollziehen, wenn die reichhaltigen Anmerkungen unter dem Text als Fußnote und nicht als Endnote stünden. Doch davor haben leider immer mehr Verlage Angst.

Das Christentum auf dem Weg ins Mittelalter
Aus dem Englischen von Tobias Gabel
Darmstadt: Philipp von Zabern Verlag. 2018
272 Seiten m. s-w Abb.
29,95 €
ISBN 978-3-8053-5150-8

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