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Peter Frankopan: Zwischen Erde und Himmel. Klima – eine Menschheitsgeschichte
Der Oxforder Historiker Peter Frankopan widmete sich über 9 Jahre hinweg der Herkulesaufgabe, eine Globalgeschichte des Zusammenhangs zwischen Klima und Menschheitsentwicklung zu verfassen. Da das Buch bereits im Einband auf die Verbindung von Umweltveränderungen und der Entstehung von Religionen hinweist, verspricht es auch für religionsgeschichtlich Interessierte eine bereichernde Lektüre. Diese Erwartungshaltung wird nicht enttäuscht. Das Werk fordert die Kirchen und Religionen dazu heraus, ihre eigenen historisch gewachsenen Einstellungen und Glaubensüberzeugungen zur belebten wie unbelebten Natur vor dem Hintergrund eines der drängendsten Probleme der Gegenwart, die menschengemachte Klimakatastrophe, neu zu reflektieren.
In 24 Kapiteln spannt Frankopan einen reichen und facettenreich zwischen den Disziplinen wechselnden Bogen über Zeitalter und Weltgegenden aus. Jedem einzelnen Kapitel stellt er Zitate voran, die hinreichend imstande sind, das Panorama und die Weltanschauung ganzer Epochen einzufangen. So lässt er bezeichnenderweise das erste Kapitel mit Gen 1,1 „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ beginnen. Die Fülle an hervorragend recherchierten Einzelinformationen innerhalb der chronologisch fortschreitenden Kapitel ist schier überwältigend. Jedoch gelingt es dem Autor durch einen interessanten und bisweilen fesselnden Schreibstil, die Leserinnen und Leser geschickt wie ein Reiseführer durch Vegetationen, Stürme, Vulkanausbrüche, Trockenheiten, Zivilisationen sowie die damit immer schon verbundenen menschlichen Hoffnungen und Ängste zu navigieren. Auch wenn sich dadurch vereinzelte Redundanzen sowie abrupte Zeit- und Ortssprünge ergeben, ist dies dem Lesevergnügen nicht abträglich.
Eine besondere Achtsamkeit entwickelt Frankopan für die literarischen Zeugnisse der Menschheitsgeschichte, beginnend mit Urmythen (z. B. Sintfluterzählungen) und heiligen Texten – darunter auch biblische Schriften – über Thomas Jeffersons „Wettertagebuch“ bis hin zu Mary Shelleys düsterer Gewitterstimmung und der Herrschaft des Menschen über die Natur in „Frankenstein“.
Den engen Zusammenhang von klimatischen Entwicklungen und der Entstehung religiöser Rituale sowie religiösen Weltdeutungsmustern, die in den zahlreichen bisherigen Rezensionen vernachlässigt werden, beleuchtet Frankopan durchgängig mit einer nachvollziehbaren Abnahme ab der Epoche der Aufklärung. Dabei kommt er zu interessanten und bedenkenswerten Thesen. So entdeckt er in heiligen Schriften ab 2000 v. Chr. dauernde „Warnungen, man müsse Wälder, Tiere und Wasser achten“ (175), was vermuten lasse, dass diesen regelmäßig Schaden zugefügt wurde. Des Raubbaus an der Natur sei man sich schon in der Antike bewusst gewesen. Überraschend ist darüber hinaus auch der Zusammenhang zwischen der Häufung von Wasserwundern in Heiligenviten des 6. Jahrhunderts und einer ausgesprochen feuchten Witterungsperiode, als sich das Römische Reich in Folge von militärischen und wirtschaftlichen Rückschlägen, aber auch von Seuchen und weiteren Naturanomalien im Niedergang befand. Denkwürdig ist ferner seine Feststellung, „je schlechter die Witterung, umso eher wurden Minderheiten Ziel von Angriffen“ (418), im Spiegel der mittelalterlichen Judenpogrome, Ketzerverfolgungen und der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen. Diese gewichtigen Thesen werden locker verbunden mit unterhaltenden Anekdoten wie der einer päpstlichen „Exkommunikation“ von Heuschrecken, die Italien Ende des 16. Jahrhunderts schwarmhaft überzogen hatten und zu einer regionalen Hungersnot führten.
Überbewirtschaftung und Ressourcenausbeute habe es in der Menschheitsgeschichte immer schon gegeben. Fatal sei jedoch erst die Ausbeutungsgeschichte menschlicher und natürlicher Ressourcen seit der Frühen Neuzeit infolge der Conquista, der zunehmenden und auch religiös begründeten Herrschaftsansprüche über die Natur sowie die nun forcierte Ausdifferenzierung und Hierarchisierung der Menschen in Rassen gewesen. Die europäische Vorherrschaft wurde nicht selten als göttliche Fügung und Ordnung gedeutet.
Alles in allem ist die erzählerische Form der Geschichtsvermittlung die größte Stärke des Buches. Nicht immer gelingt jedoch beim globalgeschichtlichen Anspruch die Abwendung der Gefahr, sich auf Seitenwegen zu verirren, die den Fokus auf das Klima etwas vermissen lassen. Auch die Perspektive auf die Religion geht spätestens ab der Moderne verloren. Das Buch endet mit der pessimistischen Zukunftsperspektive des „Verlorenen Paradieses“ (825). Hier wäre es Aufgabe von Kirchen und Gläubigen, die Hoffnungsperspektive einer sich auch positiv entwickelnden Menschheit, die ebenfalls im Buch eine Rolle spielt, weiterzudenken. Dazu gehört historisch etwa die Idee der kirchlichen Armenhilfe in klimatisch bedingten Notzeiten (537), die Geschichte christlicher Randgruppen der Antike und des Mittelalters, die Materielles ablehnten und in asketischer Selbstdisziplin lebten (215), oder diejenige der Quaker, die sich im 18. Jahrhundert der zeitgenössischen Ausbeutung von Mensch und Natur durch christlichen Impetus bewusst verweigerten (508).
In Zeiten, in denen sich Christinnen und Christen anfragen lassen müssen, welchen Beitrag sie zum nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung leisten, bietet das Buch einen unbedingt lesenswerten Perspektivwechsel zur Menschheitsgeschichte unter klimahistorischen Prämissen.
Aus dem Englischen von Henning Thies und Jürgen Neubauer
Berlin: Rowohlt Verlag. 2023
1023 Seiten m. Abb.
44,00 €
ISBN 978-3-7371-0098-4
