Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Peter Tewes: Gehirn und Vernunft. Zur Differenz von Neurowissenschaften und Pädagogik

Bei dem vorliegenden Werk stellen sich drei Fragen: Welche Motivation gab es für den Autor, seine Gedankengänge, die auf vier bis fünf Seiten Platz gefunden hätten, in Buchform zu veröffentlichen? Was hat den renommierten Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Ladenthin dazu veranlasst, ein Geleitwort beizusteuern? Können ein Verlag oder ein Autor ernst genommen werden, wenn sie eine 90-seitige Schrift, deren Niveau sich auf dem einer Bachelor-Arbeit bewegt, für knapp 60 Euro anbieten?

Mit dem Titel „Gehirn und Vernunft – Zur Differenz von Neurowissenschaften und Pädagogik“ hätte der Autor Peter Tewes einen wichtigen Beitrag zu einer Debatte liefern können, die von zahlreichen Missverständnissen geprägt ist. Diese lassen sich, darin ist Tewes zuzustimmen, am Begriff des „Gehirngemäßen“ festmachen. Ebenfalls richtig ist, dass dieser einen rein formalen Charakter aufweist, so dass aus der von den einschlägigen Gehirnforschern und Neurobiologen (Singer, Roth, Spitzer u.v.a.m.) erhobenen Forderung nach gehirngerechtem Unterricht nur schwerlich eine konkrete „Neurodidaktik“ abgeleitet werden kann. In der Tat lassen sich aus den durch die entsprechenden bildgebenden Verfahren erzeugten Aktivitätsmustern in Gehirnen in der Regel nur solche Handlungsempfehlungen rechtfertigen, die sich schon in den letzten Jahrhunderten als gute Praxis, insbesondere mit Bezug auf den „gesunden Menschenverstand“, bewährt haben: Dass nach angestrengtem Lernen ein Waldspaziergang dem mehrstündigen Fernsehkonsum vorgezogen werden sollte, ist eine Intuition, deren zuverlässige Bestätigung auch ohne Hirnforschung erfolgt.

Anders verhält es sich mit den Einlassungen des Freiburger Psychiaters und Psychotherapeuten Prof. Joachim Bauer. Durchaus zutreffend ist die Einstufung von dessen Befunden und Interpretationen als „psychologische Theorien“ und Tewes‘ Kritik, dass die Absicht, „per Unterricht gezielt direkten Einfluss auf die Neurotransmitterausschüttungen im Gehirn vorzunehmen“, den Bereich der Pädagogik überschreitet. Dem kann jedoch entgegengehalten werden, dass unabhängig von der Frage, „ob die Pädagogik ein eigenes Proprium besitzt“, es der Pädagogik sowohl als Geisteswissenschaft als auch als praktisch orientierte Hilfe zur Unterrichtsgestaltung zweifelsfrei zugutekommt, wenn sie sich der Erkenntnisse der Psychologie bedient. Der Rezensent hat in seiner mehr als zwanzigjährigen Unterrichtspraxis den Austausch mit Schulpsychologen als durchweg bereichernd erlebt.

Berechtigt ist der Vorwurf des Autors an Spitzer und andere, dass ein Satz wie „Das Gehirn will lernen“ einen Anthropomorphismus darstelle. Unterricht zielt nicht auf Gehirne bzw. auf zu konditionierende Objekte, vielmehr auf subjekthaft zu verstehende Menschen. Daher handelt es sich bei den sogenannten PISA-Studien der OECD, auch hier ist dem Autor zuzustimmen, um Untersuchungen, die einem sehr verkürzten und nicht humanistisch geprägten Bildungsverständnis entspringen.

Trotz der skizzierten positiven Ansätze gelingt es Tewes nicht, einen kohärenten Theorie- oder Praxisbeitrag zu leisten. Der Rezensent hegt den Verdacht, dass zwei universitäre Seminararbeiten früherer Jahre (eine über die Natur- und Kulturgemäßheit bei Friedrich Adolph Diesterweg, eine weitere über die Kantische Freiheitsantinomie) mit oberflächlichen Betrachtungen zum Bildungsverständnis von Neurodidaktikern und dem „Proprium der Pädagogik“ verbunden wurden, ohne dass allerdings ein ausgeschärftes Fazit formuliert werden konnte. Angesichts des extrem hohen Preises des Buches ist es ärgerlich, dass auf ein Lektorat verzichtet worden zu sein scheint. Die zahlreichen Tippfehler, an einer Stelle drei in einem Satz, und gravierende sprachliche Unzulänglichkeiten sind ein kaum zu entschuldigendes Ärgernis.

Hamburg: Verlag Dr. Kovac. 2025
94 Seiten
59,80
ISBN 978-3-339-13822-4

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