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Peter Wick: Jona
Eine Leiderfahrung von Büchern, die etwas zur Gegenwart sagen möchten, besteht darin, dass sie bereits im Erscheinen von den Zeitereignissen eingeholt und überrollt werden können. Peter Wick konnte beim Abfassen seines Buches noch nicht absehen, welche Flüchtlingsströme im Verlauf der nächsten Zeit nach Europa und speziell Deutschland aufbrechen würden. Allerdings haben sich schon vorher immer wieder genug Flüchtlingsdramen auf demselben Meer ereignet, auf dem ein Jona einmal über Bord musste. Hier stellt es einen glücklichen Schachzug des Autors dar, dass er es von vornherein vermeidet, irgendeinen Bezug zu gegenwärtigen politischen Ereignissen herzustellen, und das Buch Jona ausschließlich als einen biblischen Text behandelt, auch wenn einen das eine oder andere Mal beim Lesen das Gefühl beschleicht, er hätte es mit der Askese nicht so übertreiben müssen. Wer sich selbständig nach solchen Bezügen auf den Weg machen möchte, wird, was den biblischen Hintergrund betrifft, mit diesem Buch ein gutes Hilfsmittel haben, um etwa im Religionsunterricht die tröstliche Botschaft zu vermitteln, wie Gott gerade an der Seite derer steht, die aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder „über Bord“ müssen.
Der Aufweis der vielen innerbiblischen Bezüge macht den größten Wert des Werkes aus, dessen Autor bewusst auf historisch-kritische Analyse verzichtet und dafür auf andere Autoren verweisen kann. Er selber sieht sich in der Auslegungstradition des rabbinischen Judentums. Wie sehr der Autor inhaltlichen Fragestellungen vor formalen den Vorzug gibt, wird schon äußerlich daran erkennbar, dass er im Text zwar nicht auf Überschriften mit stichpunktartigen Hinweisen auf den Inhalt des Folgenden, sehr wohl aber auf jegliche Zählung von Kapiteln verzichtet. Den Hauptteil des Buches bildet eine Vers-für-Vers-Auslegung, die sehr genau in einer wortgetreuen Übersetzung auf den Grundtext und die verschiedenen Bedeutungsschattierungen einzelner hebräischer Ausdrücke eingeht. Dabei ergeben sich viele interessante Beobachtungen.
Auf eine nähere Analyse des Gesamtaufbaus sowie größerer literarischer Strukturen, mit denen bestimmte Ereignisse in Szene gesetzt werden, verzichtet der Autor weitgehend. Nur auf die Wiederholung wichtiger Worte und einzelne Rückbezüge wird sehr sorgfältig eingegangen. Von ihm hergestellte wertvolle biblische Bezüge sind das biblische Vorbild der Jona-Erzählung, nämlich der Prophet Jona innerhalb der Königsbücher, der als Heilsprophet in unheilvoller Zeit auftritt, Parallelen zum 139. Psalm, Entsprechungen zu Stellen in anderen Prophetenbüchern und Personen des AT (Hiob, Elia) sowie Stellen und Personen im NT (Petrus, Jesus).
Aktuelle Auslegungsvorschläge beschränken sich ausschließlich auf den persönlichen lebensgeschichtlichen Raum oder pastorale Fragestellungen, wobei nicht immer der Gefahr von Gemeinplätzen erfolgreich aus dem Weg gegangen wird. Nach der Lektüre dieses Buches wird man die Frage stellen, ob nicht statt nur der erzählten Zeit auch die Erzählzeit, d.h. die Zeit, aus deren Perspektive heraus erzählt wird, wahrscheinlich eine nachexilische Diasporasituation, genauso unbefangen hätte betrachtet und nach derselben Methode behandelt werden können. Doch zu einem kreativen Umgang ermutigt ja der Autor selber am Schluss.
Bei allem handelt es sich um ein gut lesbares, angenehm aufgemachtes Buch, das in einem so kleinen Format gehalten ist, dass es bequem in jede Tasche passt und so als Wegbegleiter, um noch eben schnell nach Anregungen zu suchen, bestens geeignet und in dieser Hinsicht uneingeschränkt empfehlenswert ist.
Bielefeld: Luther Verlag. 2015
142 Seiten
12,95 €
ISBN 978-3-7858-0684-5
