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Peter Zimmerling (Hg.): Ökumenische Spiritualität
Während im römisch-katholischen Bereich „Spiritualität“ längst vertrauter Gegenstand wissenschaftlicher und praktisch-anleitender Bemühung ist (vgl. das mehrbändige „Handbuch der Spiritualität“ von Kees Waajman), nähert sich evangelische Theologie erst seit kürzerer Zeit diesem Begriff, der (verloren gegangen oder bewusst vernachlässigt) wieder zu ihren prägenden Schlagwörtern gerechnet werden will. Wurde sie zuvor noch als geradezu un-evangelisch (weil im diametralen Widerspruch zur Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade als „articulus stantis et cadentis ecclesiae“) diskreditiert, scheint Spiritualität nunmehr als ureigenes protestantisches Moment im Sinne eines „heilsamen Risses“ (Chr. Möller) nicht nur attraktiv zu sein, sondern (etwa für die Praktische Theologie) immer mehr zu einem diskursleitenden Moment zu werden. Davon zeugen entsprechende Publikationen wie z. B. Corinna Dahlgrüns Lehrbuch (2018), die beiden Bände von Christian Möller (2003, 2006) oder das ambitionierte, in Fülle und Verarbeitung seinesgleichen suchende, von Peter Zimmerling edierte „Handbuch Evangelische Spiritualität“ (2017-2020). Im Sinne einer auch konfessionsverbindenden „praxis pietatis“ oder wenigstens deren Basis ist es (nicht nur für den Rezensenten) längst mehr als geboten, die gegenstandstheoretische und handlungsanleitende Grundlegung von Spiritualität in einen ökumenisch geweiteten Blick zu nehmen. Genau dieser Aufgabe hat sich ein u.a. von der Universität Leipzig organisiertes Online-Symposion Ende März 2022 gestellt, deren Tagungsband (auch von Peter Zimmerling herausgegeben) nunmehr vorliegt.
Dass dessen Titel „Ökumenische Spiritualität“ tatsächlich hält, was er verspricht, macht der Veröffentlichung durchaus Ehre: Neben evangelischen, katholischen und orthodoxen Beiträgerinnen und Beiträgern kommen auch methodistische und andere freikirchliche Stimmen zu Wort. Dabei bemühen „alle Autorinnen und Autoren sich darum […], in ihren Überlegungen mit den Perspektiven der anderen Konfessionen ins Gespräch zu kommen und nach möglichen ökumenischen Übereinstimmungen zu fragen, ohne dabei den eigenen konfessionellen Hintergrund und Standpunkt zu verleugnen“ (14). Dies macht den Band als einen (ersten) Einstieg in die Betrachtung von Spiritualität sub specie oecumenica durchaus wertvoll. Ebenso scheint mir die Einteilung des durchzumusternden Gegenstandes in Beiträge zur Theologie, zur Didaktik und Methodik und (was diesen Band auch positiv auszeichnet) zu einer zunehmend digitalen Betrachtung von Spiritualität vom Ansatz her sehr gelungen – sind die ersten beiden Kapitel für einen solchen Überblicksband erwartbar, wird mit den Überlegungen zur Digitalität jener „praxis pietatis“ ein neues, gleichwohl (auch für die Zukunft von Kirche) mehr als dringliches Terrain vermessen. So kann etwa Tobias Faix im Beitrag über „Exerzitien 4.0“ festhalten: „Die alten dogmatisch festgelegten und geschichtlich linear aufgebauten theologischen Verständigungsmuster greifen in den digitalen Zwischenräumen nicht mehr. [Wir] […] erleben eine forcierte Subjektivierung von Spiritualität“. (237) Von diesem Terrain vermochte bereits die (coronabedingt) online durchgeführte Tagung (etwa durch Morgen- und Abendgebete als digital erlebte spirituelle Lebens-Zeit) ein beredtes Zeugnis zu geben.
Die verschiedenen Beiträge machen in allen Unterschieden ihres Aufbaus und gelegentlich ihrer Qualität zweierlei deutlich: Zum einen ist Spiritualität nicht nur ein immer mehr konfessionsverbindendes, sondern insgesamt auch zukunftsrelevantes Thema (vgl. etwa den Beitrag von Heinrich Christian Rust zu einer „Ökologischen Spiritualität“, 101-117). Zum andern will und muss jede „praxis pietatis“ in aller notwendigen Rückbindung an gelebtes Leben ein Fremdkörper bzw. ein „heilsamer Riss“ im Alltag bleiben. Dazu muss – und auch das ist den Beiträgen zu entnehmen – sauber zwischen „Spiritualität“ und „Frömmigkeit“ unterschieden werden sowie beides von deren Zerrform, einer letztlich gedankenlosen Absolvierung frommer Übungen, denen alle zustimmen können, weil sie nicht weh tun. Dem steht Spiritualität als theologisches und somit als theoretisch und praktisch zu durchdringendes Sujet gegenüber.
Der Tagungsband mag vielleicht nicht im engeren Sinne als „Handbuch“ firmieren – dazu verbleiben manche der einzelnen Beiträge (ursprünglich ja Vorträge eines Symposions) noch sehr im ersten Annähern an die jeweiligen Themen. Dennoch ist er eine erste und überaus hilfreiche Informationsquelle zum gegenwärtigen Stand der Dinge. Und als solcher hat er seinen Platz neben jenen oft mehrbändigen Darstellungen zur Spiritualität. Zudem bietet es tatsächlich in einer noch nicht erreichten Weise das, was der Titel verheißt: einen Blick auf „Ökumenische Spiritualität“. Schon von daher ist dieses Buch viel mehr als einer der zahlreichen, oft schnell vergessenen Tagungsbände.
Theologie – Lehren und Lernen – Digitalität
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag. 2024
286 Seiten
85,00 €
ISBN 978-3-525-50095-8
Patrick Fries, Baden-Baden
