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Petrus Lombardus: Sententiae in quatuor libris distinctae / Vier Bücher der Sentenzen
„Aus dem Wunsch heraus, etwas von dem Wenigen und Armseligen, über das wir verfügen, gemeinsam mit der armen Witwe in den Opferkasten des Herrn zu werfen, haben wir es unternommen, steile Höhen zu erklimmen und ein über unsere Kräfte gehendes Werk auszuführen.“ (65) So beginnt der Prolog des Petrus, der aufgrund seiner Herkunft aus der Gegend von Novara als der Lombarde erinnert werden sollte. Sein zunächst nur für kurze Zeit geplanter Studienaufenthalt in Frankreich führte ihn zunächst nach Reims, wo er mit Unterstützung des Bernhard von Clairvaux studierte, und dann nach Paris, genauerhin an die Abtei von Sankt Viktor, wo er um 1113-1136 seine Studien fortsetzte. Er sollte nur noch besuchsweise nach Italien zurückkehren. Bald schon wurde er Lehrer an der Kathedralschule von Notre Dame in Paris, wo er schließlich 1159 zum Bischof gewählt wurde, allerdings auch schon im Folgejahr verstarb. Seine Hauptwerke, der Psalmenkommentar, der Kommentar zu den paulinischen Briefen, vor allem aber seine vier Sentenzenbücher entstanden in dieser Zeit. Letztere wohl in zwei Redaktionsstufen 1155-1157 und 1157-1158. Nach „De sacramentis christianae fidei“ des Hugo von Sankt Viktor und der „Summa sententiarum“, die Petrus Lombardus beide kannte und nutzte,war dieses Werk das erste größere Werk, das die Theologie systematisch und umfassend darzustellen versuchte, d.h. nicht entlang der Kommentierung eines biblischen Textes, sondern ausgehend von einem systematischen Grundgerüst der Darstellung des christlichen Glaubens.
Seine enorme Wirkung entfaltete es erst in den kommenden Jahrhunderten, als zuerst Alexander von Hales 1223-1227 dieses Werk als Grundlage seines Unterrichts an der Pariser Fakultät nutzte und kommentierte. Die Kommentierung des Sentenzenwerkes war in den kommenden vier Jahrhunderten die maßgebliche Form des Unterrichts in der Theologie. Erst im sechzehnten Jahrhundert trat dann die „Summa theologiae“ des Thomas von Aquin, der 1252-1256 seinen eigenen Sentenzenkommentar verfasst hatte, an dessen Stelle.
Darauf, dass das Sentenzenwerk in den kommenden Jahrhunderten bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein von Fachleuten systematisch unterschätzt wurde, bis insbesondere Marcia Colish und Philipp Rosemann hier andere Akzente setzten, ist sicher auch der mangelnden Erschließung durch neusprachliche Übersetzungen geschuldet gewesen. Eine englische Übersetzung stammt aus den Jahren 2007-2010 und eine französische, die den Vorzug aufweist, die Parallelen zum Werk Hugos von Sankt Viktor auszuweisen, aus den Jahren 2012-2015. Stephan Ernst kommt das Verdienst zu, Abhilfe geschaffen zu haben und im Verlag Herder in einem Sonderband der Fontes Christiani in zwei schön ausgestatteten Bänden nunmehr eine deutsche Übersetzung vorgelegt zu haben, die unter dem Anspruch steht, vorrangig den lateinischen Text, der der kritischen Ausgabe (Grottaferrata 1971-1981) folgt, Geltung zu verschaffen. Auch wenn die Zitation üblicherweise den Distinktionen folgt, wäre die Referenzierung der Seitenzahlen der kritischen Ausgabe eine willkommene Orientierungshilfe für den Nutzer, wie Register zu den Schriftstellen und Zitaten. Dass die Zitate nicht am lateinischen, sondern nur am deutschen Text ausgewiesen werden, ist ebenso hinderlich wie das Seitenlayout, das den in der Regel kompakteren lateinischen Text nicht der jeweiligen deutschen Übertragung direkt gegenüberstellt. Hinderlich für die Benutzung ist, dass die Capitula-Liste, die ihrerseits selbst Teil des Werkes ist, zugleich als Inhaltsverzeichnis dient, das sich damit aber recht unpraktikabel auf den Seiten 68-151 des ersten Teilbandes findet und lediglich die Seitenzahlen für die Distinktionen ausweist. Aber dies sind sicher Desiderate, die die Leistung dieser Ausgabe insgesamt kaum zu schmälern geeignet sind.
Zu wünschen ist dieser Ausgabe nun eine breite Rezeption, die zum einen natürlich der überragenden theologiegeschichtlichen Bedeutung dieses Textes angemessen ist, zum anderen seinem Gehalt: Diese sei illustriert an den Überlegungen des Lombarden zur methodischen Ausrichtung der theologischen Argumentation an der Vernunft, die zu bedenken hat, dass „durch die von einander abweichenden Willensausrichtungen … auch die Wahrnehmung der Menschen voneinander ab(weicht)“, mit der Konsequenz, dass „obwohl alles Gesagte hinsichtlich der Wahrheit einwandfrei ist“, der unterschiedliche Wille die einen dazu führt, „die Worte der Weisheit den Dingen anzupassen, die sie erträumt haben“, während die anderen ihren Willen der Vernunft unterwerfen und so zum rechten Verständnis gelangen (65). Die notwendige Orientierung bieten für Lombardus die Kirchenväter, allen voran der Heilige Augustinus, deren Lehrmeinungen er zusammengestellt habe, um dem Leser zu bieten, was er suche.
Dabei hilft der systematische Aufbau des Werkes. Der erste Teil „De mysterio Trinitatis“ behandelt die Gotteslehre, im zweiten Teil „De rerum creatione“ wird die Schöpfungslehre entfaltet, im dritten Teil „De incarnatione Verbi“i die Christologie und die Soteriologie und schließlich im vierten „De doctrina signorum“ die Sakramentenlehre einschließlich der Eschatologie. Ein Programm, an dem noch Luther seine theologische Ausbildung vollendete und das in seiner Systematik bis heute die wesentlichen Fragen der Glaubenslehre aufwirft, auch wenn die Antworten sich im Laufe der Zeit weiter entfaltet haben. Mit Augustinus wünscht sich Lombardus „fromme Leser“ und „freimütige Kritiker“ seines Werkes (67). Die wünscht der Rezensent der vorliegenden Edition.
Einleitung, Übersetzung und Kommentar von Stephan Ernst
Fontes Christiani Sonderband
Freiburg: Herder Verlag. 2025
Zwei Bände, 1960 Seiten
158,00 €
ISBN 978-3-451-32943-2
