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Philipp Hübl: Moralspektakel. Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht

Seit der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2024 hat sich die Welt an eine neue Tonart gewöhnen müssen: Öffentliche Äußerungen des Präsidenten und seiner Putztruppe sind an Grobianismus und Schamlosigkeit kaum zu überbieten. Der höfliche Kammerton im diplomatischen Verkehr ist vulgärer Umgangssprache gewichen. Man fragt sich immer wieder, warum dieses aggressive Dominanzverhalten beim Großteil der amerikanischen Wählerschaft immer noch anzukommen scheint.

Philipp Hübl gibt mit seinem Begriff des „Moralspektakels“ eine mögliche Begründung für diese Faszination an die Hand. Obwohl er zunächst die eher linke woke Cancel-Culture eines wirkmächtigen intellektuellen Milieus im Blick hatte, erfasst seine Begriffsprägung auch die neue Politik des republikanischen Lagers: „Ein Moralspektakel liegt dann vor, wenn es in der moralischen Auseinandersetzung nicht um die Sache, sondern vorrangig um Selbstdarstellung geht, (…) wenn moralische Begriffe nicht eingesetzt werden, um Probleme des Zusammenlebens zu lösen, echte Missstände zu beseitigen und für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern in erster Linie für zwei andere soziale Funktionen: als Symbole für Status und Gruppenzugehörigkeit oder als Waffen, um Macht und Einfluss auszuüben oder sich gegen Angriffe und Druck von anderen zu verteidigen.“ (11)

In diesem Moralspektakel sieht Hübl den problematischen Kern einer woken Cancel-Culture. Es hat mit Moral im Sinne einer normativen Ethik nichts zu tun, sondern spiegelt sie nur vor. Die Kantische Frage „Was soll ich tun?“ sei demnach durch die Frage „Wie soll ich darüber reden?“ ersetzt.

Im ersten Teil seines Buches zeigt er an Fallbeispielen, wie eine direkte oder digitale Jagd auf Personen, die einem hypersensibilisierten Betroffenheitskult der tonangebenden Gruppe nicht entsprechen oder die Forschungen betreiben, die sich diesem Diktat nicht unterwerfen, nachweislich schon viele Biografien beschädigt hat. Er führt aus, wie die „Jagenden“ mit jedem neuen Fall ihren eigenen reinen „hochmoralischen“ Status befestigen und als unsichtbares Kapital etwa bei Bewerbungen und Stellenbesetzungen zum eigenen Vorteil handfest einsetzen. Unter anderem führt Hübl aus, wie bestimmte Begriffserweiterungen, z.B. die des Begriffs „Trauma“ als Alleskleber für ganz alltägliche Frustrationserfahrungen, fungieren und moralisch kapitalisiert werden. Auch die Beschreibungsangst vieler Politiker, der Öffentlichkeit unangenehme Wahrheiten zuzumuten oder profilierte Meinungen zu vertreten, führt dazu, mit euphemistischen Worthülsen zu operieren, um nicht in den Malstrom einer polarisierten emotional aufgeladenen Debattenkultur zu geraten. „Im digitalen Zeitalter ist Moral die Währung der Stunde.“ (139) Dabei führt eine woke Dauerbeschallung, wie man sprechen, heizen, sich kleiden, lieben, essen oder womit man sich fortbewegen soll, gerade nicht zu gesellschaftlichen Verbesserungen. Im Gegenteil: Der sprachliche Code des tonangebenden Milieus wirkt kontraproduktiv und löst auch bei Gutwilligen, die nicht zur „Blase“ gehören, aber deswegen weder rassistisch noch rechtsradikal sind, Widerstand und Rückzugsverhalten aus. Bei Hübls heißt das zutreffend „Empörungserschöpfung.“

Der Wahlerfolg Trumps und anderer Politiker dieser Couleur hinge – folgt man Hübls Analyse – womöglich auch damit zusammen, dass er diesen untergründigen Überdruss eines Großteiles der amerikanischen Bevölkerung kanalisiert. Deswegen veranstaltet er seinerseits ein Moralspektakel – nur andersherum. Das Motto „Make America Great Again“ erzeugt Sündenböcke und begründet die Einstampfung bewährter demokratischer Institutionen, welche farbige, behinderte oder sozial benachteiligte Menschen vor Diskriminierung schützen sollten. Denn sie schadeten angeblich Amerika und das sei diesem Sinne zutiefst unmoralisch. Trumps absurde Behauptung, eingewanderte Haitianer äßen die Haustiere ihrer Nachbarn, die rachsüchtige Einschüchterung und Verunglimpfung kritischer Stimmen sowie die Schikane renommierter Universitäten müssen als Instrumente dieses Spektakels eingeordnet werden. Das Moralspektakel ist seine Waffe. Es dient vor allem dem Statusgewinn und der Selbsterhöhung eines Präsidenten, der glaubt oder vorspiegelt, von der Vorsehung zu Großem auserwählt zu sein. Nebenbei kann er auch zum persönlichen Vorteil wirtschaftliches Kapital daraus schlagen. Innen- und außenpolitische Probleme werden so allerdings nicht gelöst, sondern disruptiv verschärft.

Auf den letzten Seiten appelliert Hübl ganz klassisch an die Autonomie des handelnden Subjekts und formuliert acht Vorschläge, wie man die „dunklen Seiten des Statuskampfes, den digitalen Gruppenzwang und den schnellen Kick moralischer Effekthascherei“ (265), die den Kern des Moralspektakels ausmachen, abwehren könnte, z.B. durch faktenbasierte Diskurse anstelle von Fake-News, durch vernunftgeleitete Selbstreflexion statt durch emotionales Freund-Feind-Denken. Vieles ist davon nicht neu, aber nach wie vor sehr bedenkenswert.

Vor Trumps Wiederwahl entstanden, gewinnt Philipp Hübls Buch unerwartete Aktualität.

München: Siedler Verlag. 2024
336 Seiten
26,00 Euro
ISBN 978-3-8275-0156-1

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