Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Rolf Schieder: Hegels Gott. Eine Provokation

Der evangelische Theologe Rolf Schieder war von 2002 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2018 Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als Leiter des „Program on Religion and Politics“ und als Herausgeber der „Berliner Reden zur Religionspolitik“ beschäftigt er sich seit über 25 Jahren auf prominente Weise mit der Frage nach der gesellschaftlichen Rolle von Religion in den säkularen und demokratischen Gesellschaften der Gegenwart. Vor diesem Hintergrund erscheint es nur auf den ersten Blick überraschend, wenn Schieder mit einem Buch über die spekulative Philosophie Hegels in Erscheinung tritt. Denn er verortet seine Auseinandersetzung mit Hegel im Kontext gegenwärtiger gesellschaftlicher und religionspolitischer Debatten. Schieder wirft dem gegenwärtigen theologischen wie philosophischen Diskurs Gottesvergessenheit vor. Die Provokation Hegels besteht in seinen Augen darin, genau diesen Vorwurf einprägsam artikuliert und zum Zentrum seines philosophischen Denkens erhoben zu haben.

Eine Theologie, die Gott nicht mehr erkennen, sondern nur noch bekennen will, die nur noch im reinen Glauben und nicht auch im Wissen einen Zugang zu Gott sieht, ist Hegel zufolge genauso leer und bedeutungslos wie eine methodisch agnostische Philosophie, die ohne einen Begriff von Gott auskommen möchte, der einstmals der höchste Gedanke aller metaphysischen und spekulativen Vernunft gewesen ist. In dieser Intuition Hegels liegt die ungeheure Provokation, die sein Denken für die Philosophie und Theologie der Gegenwart darstellt. Die von Schieder mit Hegel beklagte theologische wie philosophische Gottesvergessenheit hat nicht nur für die akademische Praxis tiefgreifende Auswirkungen, sondern auch für die kulturelle und gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Gegenwart. „Die von Hegel beklagte Gottesentsagung ist gesellschaftliche Selbstverständlichkeit geworden. Von Gott öffentlich zu sprechen, wird als peinlich empfunden.“ (335)

Schieder ist zutiefst davon überzeugt, dass Hegels Philosophie einen Beitrag „zur Überwindung der gegenwärtigen Ratlosigkeit der intellektuellen Eliten der westlichen Welt“ (25) leisten kann. Dabei sieht er durchaus die häufig monierten Schwächen in der philosophischen Argumentation Hegels – etwa sein Lob der Monarchie (319), der fragwürdige Eurozentrismus seiner Geschichtsphilosophie (320) und nicht zuletzt sein „von einer protestantischen Überheblichkeit“ (319) geprägtes „Urteil über den Katholizismus“ (ebd.). Dennoch deutet er Hegels Philosophie als eine Provokation, die auch für die theologischen, philosophischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Gegenwart eine starke, wichtige und produktive Herausforderung darstellt.

Die begrifflichen Konturen dieser philosophischen Provokation Hegels und ihre aktuelle Bedeutung herausgearbeitet zu haben, ist das große Verdienst der Studie von Rolf Schieder. Diese Schrift stellt zugleich ein überaus nützliches und griffiges Lehrbuch zur Philosophie Hegels dar. Sie will ausdrücklich „keinen Beitrag zur historischen Hegel-Forschung leisten“ (25). Die vorliegende Darstellung der Philosophie Hegels ist daher frei von einem überbordenden Apparat an Fußnoten und verheddert sich nicht im Gestrüpp einer spezialistischen Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur. Sie bleibt jedoch stets auf der Höhe des Fachdiskurses und ist dabei klar aufgebaut, gut lesbar und leicht zugänglich. In zehn Kapiteln wird, ausgehend von den frühen Schriften des jungen Theologen Hegel über seine Hauptschriften wie die „Phänomenologie des Geistes“, die „Wissenschaft der Logik“ und die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ bis zu den einflussreichen Vorlesungen seiner späten Berliner Zeit über Recht, Geschichte, Kunst und Religion der Gang seines Denkens eindrücklich rekonstruiert. Gerahmt wird diese Rekonstruktion durch eine Einleitung, die die leitenden Interessen und den methodischen Aufbau des Buches darlegt, sowie ein Schlusskapitel, in dem die bleibende produktive Provokation der Philosophie Hegels noch einmal prägnant zusammengefasst wird.

Allen, die an einer kompakten Einführung in Hegels Philosophie interessiert sind, die um den Gottesgedanken kreist, und allen, die genauer erfahren wollen, worin der immer noch aktuelle Beitrag der spekulativen Philosophie des 18. Jahrhunderts zu theologischen, gesellschaftlichen und religionspolitischen Debatten der Gegenwart besteht, sei dieses Buch nachdrücklich empfohlen.

Basel: Schwabe Verlag. 2025
338 Seiten
29,00 €
ISBN 978-3-7965-5245-8

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