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Ruben Zimmermann: Warum weniger gut sein kann. Eine Ethik des Verzichts
Der Begriff Askese verfügt über eine lange philosophische Geschichte. Abstinenz von Genüssen empfahlen stoische Denker wie Seneca inmitten der Dekadenz der römischen Kaiserzeit. Ruben Zimmermann greift in seinem knappen Buch über eine zeitgemäße Ethik des Verzichts auf philosophische Klassiker zurück. Die Besinnung auf Aristoteles zeigt der Leserschaft an, dass Menschen seit jeher sich zügellosen Leidenschaften ergaben, ausschweifend lebten oder einfach im Handeln unausgeglichen waren. Zu der von Aristoteles empfohlenen, vernunftbestimmten „Mesotes“, die das richtige Maß bezeichnet, rät auf gewisse Weise auch der Philosoph Zimmermann, veranschaulicht mit zahlreichen, oft etwas künstlich wirkenden Beispielen, die alltagstauglich gemeint sind. Der Gang der Argumentation wird aber durch die illustrativ gemeinten Verweise bisweilen beeinträchtigt. So springt er von der komplexen Sphäre der Sexualmoral über Impressionen aus dem Bereich der Ernährungsstile hin zum Nutzen des Car-Sharings für das Leben, um dann auf derselben Seite noch die Gabe von Antibiotika und Chemotherapien anzusprechen. In der Fülle der Beispiele verliert sich der Überblick.
Erheblich solider, anregender und nachvollziehbarer wirken die von Zimmermann angestellten Exkurse zu klassischen Philosophen. Wenn Gedanken aus der römischen Antike aufgegriffen werden, begegnen Leserinnen und Leser nicht nur dem rhetorischen Überschwang, der für die Schriften und Briefe Senecas charakteristisch ist, sondern plausiblen Schlussfolgerungen und Deutungen: „Verzicht muss also eingeübt werden und kann auch nur über einen befristeten Zeitraum umgesetzt werden. Dabei trifft ein Lerneffekt ein: Was vorher normal war, erscheint nach der weiterreichenden Karenz als viel.“ Wer verzichtet, erkennt also rückblickend die Maßlosigkeit und revidiert möglicherweise die der vorab bestehenden Lebenspraxis zugrunde gelegten Maßstäbe.
Ruben Zimmermann widmet sich den ökologischen Signaturen der Zeit und stellt die „Wachstumswirtschaft“ in Frage. Ratsam erscheint ein Konsumverzicht, religiöse Dimension der Askese treten indessen in den Hintergrund. Stattdessen wirken die Ausführungen eher wie eine politische Agenda, der es an gebotener Differenzierung sowie an kritischen Reflexionen mangelt: „Alle Fachleute (wie auch der Deutsche Ethikrat) sind sich allerdings darin einig: Ohne Reduktion vom Überfluss, ohne wesentliche Veränderungen aktueller westlicher Konsumpraktiken lässt sich ein gutes, gelingendes Leben für möglichst alle Menschen (und auch nichtmenschliche Lebewesen) nicht erreichen.“ Es bleibt aber zu erwägen, ob eine ethische Schrift nicht zuerst auf die Vernunft des Individuums setzen sollte, statt die Expertise von prominenten Akteuren – wozu etwa der Deutsche Ethikrat zählt – als Autoritätsargument und damit als maßgeblich zu bestimmen. Zwar verweist der Autor nachdrücklich auf die Notwendigkeit des „freiwilligen Verzichts“ und gesteht zu, dass der Verzicht „weder durch nationales Recht noch durch moralisches Gesetz auferlegt werden“ kann. Die Reflexion über Verzicht ist eine Aufgabe des Individuums, die in den Bereich der subjektiven Verantwortung fällt, doch es kann niemand gezwungen werden, über Verzicht nachzudenken.
In eher angedeuteten als ausgeführten anthropologischen Beobachtungen wird der Mensch als „Verzichtswesen“ bezeichnet. Das „Zusammenleben mit anderen Menschen“ sei einzig „durch Verzicht möglich“. Auf die Idee aber, dass eine gelingende Lebenspartnerschaft die Abkehr von „Selbstverwirklichungswünschen“ sekundär erscheinen lässt und in der Gemeinschaft der Liebe untereinander sowie vielleicht in der gegründeten Familie ein neuer, sinnstiftender Horizont aufscheint, der jegliche Wünsche des Ich überschreitet, kommt der Autor nicht. Vielleicht ist der Mensch ja zuerst und wesentlich Beziehungswesen, also nicht „Verzichtswesen“. Die Rationalität des Verzichts, etwa mit Blick auf ökologische Krisen oder auf – christlich gesprochen – die Bewahrung der Schöpfung, ist unbestreitbar, die von Ruben Zimmermann vorgelegte Ethik des Verzichts indessen erfasst nur einige wenige Dimensionen des menschlichen Handelns.
Was bedeutet das alles?
Ditzingen: Reclam Verlag. 2025
120 Seiten
7,00 €
ISBN 978-3-15-014661-3
