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Sabine Pemsel-Maier / Mirjam Schambeck (Hg.): Keine Angst vor Inhalten!
Der Titel klingt nach „Material-Kerygmatik“. Aber diese Assoziation ist falsch. Die beiden Autorinnen wollen kein religionspädagogisches Roll-back in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, sondern eine Neujustierung des Faches und vor allem des Religionsunterrichts. Die Religionspädagogik der vergangenen Jahrzehnte – so die These des Buches – habe ein beindruckendes Wissen über die Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler, ihr Selbstverständnis und ihre religiösen Einstellungen erhoben, aber darüber die didaktischen Fragen nach den theologischen Inhalten und ihrer Aneignung vernachlässigt. Wie Sabine Pemsel-Maier im Eröffnungskapitel zeigt, steht die Religionspädagogik gegenwärtig in der Gefahr, zur „Lebensweltwissenschaft“ zu werden, die die Inhalte des christlichen Glaubens der Dogmatik und Fundamentaltheologie überlässt. Eine solche friedlich-schiedliche Trennung aber wird dem Religionsunterricht nicht gerecht. Religionsdidaktische Fragen gehören nun einmal zum Kerngeschäft der Religionspädagogik.
Doch wie müssen die Inhalte des christlichen Glaubens didaktisch modelliert werden, damit Schülerinnen und Schüler sie sich aneignen können? Diese Frage versucht Mirjam Schambeck durch eine Relecture der Korrelationsdidaktik zu beantworten. Sie entfaltet konzise die theologischen Grundlagen bei Paul Tillich und Edward Schillebeeckx und zeigt dann auf, dass der Korrelationsgedanke nicht selten einseitig in der didaktischen Theoriebildung rezipiert wurde. Tradition und gegenwärtige Situation wurden oft so unvermittelt in Beziehung zueinander gesetzt, dass der christliche Glaube nur bestätigte, was lebensweltlich plausibel war. Gegen diese Karikatur der Korrelationsdidaktik beharrt Schambeck zum einen auf dem Eigensinn des christlichen Glaubens, der auch lebensweltliche Plausibilitäten in Frage stellen und aufbrechen kann. Zum anderen will sie die Korrelationsdidaktik aus einem existentialistischen Erwartungshorizont herauslösen. Ziel des Religionsunterrichts ist es, Schülerinnen und Schülern die Bedeutung und Relevanz des christlichen Glaubens verständlich zu machen. Sich in diesem Sinne religiöse Inhalte anzueignen, bedeutet aber noch nicht, religiös zu sein oder zu glauben. Der Religionsunterricht kann bestenfalls, wie es schon im Würzburger Synodenbeschluss von 1975 heißt, „Glauben ermöglichen“. Religiöse Bildung zielt nicht auf Glauben, sondern auf Verstehen. Um die Korrelationsdidaktik auch für die Planung von Unterricht fruchtbar zu machen, entwickelt Schambeck schließlich eine Kriteriologie, die freilich vieles enthält, was in den Studienseminaren der zweiten Ausbildungsphase schon seit geraumer Zeit gelehrt und praktiziert wird.
Wie anspruchsvoll die so verstandene Korrelationsdidaktik sein kann, zeigen die Beiträge zu den „harten“ Themen des Religionsunterrichts, die das Buch zu einer spannenden Lektüre machen. Was Rudolf Englert zur Gottesfrage als Herausforderung an das Denken, Ulrich Kropac zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion, Mirjam Schambeck zur chalcedonensischen Christologie, Konstantin Lindner zur Präexistenz Christi oder Oliver Reis zu Sakramenten schreiben, ist keine leichte Kost, aber theologisch und didaktisch nahrhaft. Den Autoren gelingt es, auch sperrige Aussagen der Tradition kenntnisreich und differenziert in Bezug zum Wirklichkeits- und Selbstverständnis von Jugendlichen zu setzen. Dabei zeichnen sich deutlich die Konturen eines anspruchsvollen Religionsunterrichts ab, der die Schülerinnen und Schüler intellektuell herausfordert.
Das Buch dürfte bald auf den Lektürelisten der Studienseminare erscheinen. Doch auch Kolleginnen und Kollegen mit langjähriger Unterrichtserfahrung werden neue Einsichten entdecken, die ihren Unterricht bereichern können.
Freiburg: Herder Verlag. 2015
392 Seiten m. Abb.
29,00 €
ISBN 978-3-451-32972-2
