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Sebastian Ostritsch: Serpentinen. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung
Was sich der Philosoph Sebastian Ostritsch mit diesem Buch vorgenommen hat, ist nicht weniger als die Heilung des heute lahmenden Flügels der Vernunft, der zusammen mit dem Flügel des Glaubens nach der Enzyklika „Fides et ratio“ von Johannes Paul II. den Geist des Menschen zur Betrachtung der Wahrheit erhebt, die nichts anderes ist als Gott, in dem das absolute Wahre, Schöne und Gute in eins fällt. Eine zeitgeistige Theologie hat in Kapitulation vor dem naturalistischen Denken, dem Relativismus und der Kantianischen Erkenntnistheorie keinen Auftrieb mehr unter dem Flügel der Vernunft. Der rationale Weg zur aufsteigenden Erkenntnis der Existenz Gottes aus seinen Werken ist damit versperrt und in der Folge die Erkenntnis des Willens Gottes in der Schöpfungsordnung als Quelle der Moral.
Was will man aber ohne diesen zweiten Flügel der Vernunft begründet einwenden, wenn ein naiver Alltagsatheismus den Gott der Bibel für genauso absurd hält wie ein „Spaghettimonster“? Was will man etwa einwenden gegen Lehren wie den Pantheismus? Und warum sollte die Welt nicht das Werk eines bösen Demiurgen sein? Es gibt dann auch keinen Widerstand gegen einen Naturalismus, der alles aus physikochemischen Prozessen erklären will. Der Hinweis auf die biblische Offenbarung allein kann da nicht gegenhalten. Ostritsch zeigt im Schlussteil seines Buches, dass geoffenbarte theologische Lehren wie die der Trinität dann ihre Glaubwürdigkeit erhalten, wenn die Existenz des sich offenbarenden Gottes dem Verstand einleuchtet. Ist sie durch Vernunftgründe gesichert, wird man „die Botschaften des Glaubens nicht von vornherein als Absurditäten abtun können“. Ein Grundgedanke, der Thomas von Aquin bei der Abfassung seiner für die Argumentation gegenüber Ungläubigen verfassten „Summa contra gentiles“ geleitet hat, dass es nämlich notwendig sei, „auf die natürliche Vernunft zurückzugreifen, der alle beizustimmen gezwungen sind“.
Die Vernunftgründe, die von der christlichen Philosophie angeführt werden, sind in ihrer Gesamtheit genommen von unabweisbarer Überzeugungskraft, so etwa die geistige Natur des Bewusstseins, der gebieterische Anruf des Gewissens, die intelligible Ordnungshaftigkeit der Welt. Auch zeitgenössische Autoren haben Argumentationen vorgelegt, die Gründe für die Existenz Gottes entwickeln, etwa Robert Spaemann, basierend auf dem Futurum exactum, oder Engelbert Recktenwald mit einem „moralischen Gottesbeweis“ abgeleitet aus der Objektivität des Sittengesetzes. Ostritsch konzentriert sich auf die fünf Argumentationswege des Thomas von Aquin, die wohl die umfassendste rationale Begründung für die Existenz Gottes entwickeln. Er folgt dabei „den sich schlängelnden, steilen und daher nicht immer leicht zu gehenden Denkwegen“ von Thomas – daher der Titel „Serpentinen“ dieses Buches.
Kurz behandelt wird zunächst der sogenannte ontologische Gottesbeweis, vorsichtiger „ontologisches Argument“ genannt, das Kant in Übereinstimmung mit Thomas für nicht schlüssig hält. Es sei nicht möglich, aus dem Begriff eines Wesens, „über dem nichts Größeres gedacht werden kann“, dessen Existenz abzuleiten. Würde man aber Kant folgen, wären mit der Abweisung des ontologischen Arguments auch die fünf von Thomas entwickelten Argumentationswege hinfällig, da diese nach ihm auf dem ontologischen beruhen würden. Ostritsch zeigt, dass dem nicht so ist, weil Thomas vom sinnfällig Erfahrbaren ausgeht und nicht vom rein Begrifflichen.
Die fünf dafür gewählten Zugänge werden vom Autor mit ihren Argumentationsschritten erläutert: 1. Die Feststellung, dass es in der sinnfälligen Welt Veränderungen gibt, was auf ein erstes Wirkliches führt, „das zwar Veränderung bewirkt, selbst aber keiner Veränderung unterliegt“. 2. Die Feststellung, dass es eine „Ordnung der wirkenden Ursachen“ gibt, was auf eine Ursache führt, „die selbst nicht von der Wirkung eines anderen Dinges abhängt“. 3. Die Feststellung, dass alles in der sinnfälligen Welt vergänglich ist und Unvergängliches wie ein Engel seine Existenz nicht aus sich selbst hat, was auf etwas Unvergängliches führt, „von dem her alles andere – Unvergängliches wie Vergängliches – sein Dasein hat“. 4. Die Feststellung, dass es graduierbare Eigenschaften der Dinge gibt, die mehr oder weniger wahr, vollkommen oder seiend sind, was auf eine Ursache verweist, „die maximal vollkommen, maximal wahr und maximal seiend ist“. 5. Die Feststellung der zweckmäßigen Ordnung der Welt, die auf etwas vernünftig Erkennendes führt, „von dem alle Naturdinge auf ein Ziel hin geordnet werden“. Alle fünf Wege enden bei Gott bzw. Teilwirklichkeiten des göttlichen Wesens und Attributen Gottes, soweit sie sich erschließen lassen.
Sebastian Ostritsch führt verständlich, ohne fachsprachliches Kokettieren durch die „Serpentinen“ dieser Argumentationsgänge, klärt Denkschwierigkeiten mit Beispielen und diskutiert Gegenargumente. Ein wichtiges Buch, für jeden, der sich mit beiden Flügeln zur Betrachtung der Wahrheit erheben will.
Theologische Brocken
Berlin: Matthes & Seitz Verlag. 2025
220 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-7518-6514-2
