
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Simone Weil: Die Illias, oder das Gedicht von der Gewalt
Wie gut, dass dieser große Text zu Krieg und Frieden, präzise übersetzt und hervorragend kommentiert, ins Gegenwartsgespräch eingebracht wird – stehen doch seit dem Beginn des Putin-Krieges und dem Ende der politischen Nachkriegsarchitektur brennend jene Fragen im Raum, die vor hundert Jahren mit dem beginnenden Siegeszug des Nationalsozialismus und des Stalinismus aufbrachen. Wer wollte nicht unbedingt den Frieden, aber wie mit Aggression und Krieg, ja mit Angriff und Vernichtungswillen einer Seite umgehen? Gilt doch die realistische Diagnose des Thukydides, immerhin vor bald 2500 Jahren formuliert: „Durch eine Notwendigkeit der Natur übt jedes, ganz gleich welches Wesen, soweit es kann, all die Macht aus, über die es verfügt.“
Simone Weil, die linke Aktivistin und messerscharfe Denkerin, schlägt sich zeitlebens mit diesen Fragen herum, grundsätzlich und in genauer Zeitgenossenschaft. Sie gehörte schon vor 1933 zu den seltenen Intellektuellen, die sich vom Ausland aus nach Deutschland aufmachten, um den Weg zur Machtergreifung der Nazis und deren Folgen zu analysieren (erstaunlicherweise unter völliger Ausblendung des Antisemitismus). Schon damals und zeitlebens war sie von der normierenden Kraft universaler Moralprinzipien überzeugt, stets im konkreten Engagement für Benachteiligte und Unterdrückte unterwegs: Lieber nationale Erniedrigung als Krieg – war ihre ausdrückliche Konsequenz. Dann aber, seit der Appeasement-Politik der Großmächte und dem sichtbarer werdenden Vernichtungswillen Hitlers, kam es zur Differenzierung, ja zur Wende ihres Denkens. Betroffen musste Weil einsehen, dass radikaler Kriegsverzicht den Aggressor noch gefährlicher macht. Es braucht entschiedene, eben auch militärische Gegenwehr.
Wie immer bei Weil entspricht dem Denken das Tun, der theoretischen Einsicht das konsequente Engagement: Sie geht im August 1936 nach Barcelona, um freiwillig gegen Franco mit zu kämpfen – ein kurzes Abenteuer nur aufgrund von Unfall und Unfähigkeit, aber mit folgenreicher Selbsterfahrung und geschärftem Blick für den irrationalen Charakter (je)des Krieges. Hellsichtig sieht sie früh den Zweiten Weltkrieg heraufkommen. „Wir stehen am Anfang einer Phase, wo man in allen Ländern die unglaublichsten Dummheiten begehen wird und sie werden dabei ganz natürlich erscheinen“, so beschreibt sie im Frühjahr 1937 das Entstehen totalitärer Staaten und globalen Unheils. Zum Hintergrund und Kontext des hier vorgelegten Textes gehört im Übrigen auch Weils Wende zur Religion und zum Christentum, endgültig durch spirituelle Erfahrungen im Jahre 1938 – ein Aspekt, der im glänzenden Essay von Matz unterbestimmt bleibt.
Weils Text, sprachlich und argumentativ bestechend, ist ein Dokument friedenspolitischer Spiritualität mit scharfer Analyse zerstörerischer Gewalt schon in Sprache und Propaganda, erst recht in militärischer Dramatik und vernichtender Dynamik. Die homerische Dichtung auf den trojanischen Krieg dient ihr als höchst aktuelle Referenz: für sie das unerbittlichste Gewalt-Epos der westlichen Kultur bisher. Nach Vorarbeiten 1938/39 geschrieben und 1940/41 veröffentlicht, kann dieser Essay als Schlüsseltext einer lebenslangen Bemühung um Frieden und Menschlichkeit gelten, schließlich gegengezeichnet durch Weils Gang zu de Gaulle und in den Widerstand von London aus, wo sie bekanntlich 1943 stirbt.
Immer wieder umkreist sie das Thema aktueller und struktureller Gewalt und deren Tendenz zur Verdinglichung und Versklavung von allen und allem. „Die Gewalt, die tötet, ist eine summarische, grobe Form der Gewalt. Um wie vieles verschiedenartiger im Vorgehen, um wie vieles überraschender in den Wirkungen ist die andere Gewalt, jene, die nicht tötet; das heißt, die noch nicht tötet ...“ (11) Im Denken Weils ist Sklaverei der Inbegriff des Unglücks überhaupt: „Man kann nicht mehr verlieren, als der Sklave verliert; er verliert jedes innere Leben“, jede Würde (20). Die Gewalt „versteinert die Seelen derer, die erleiden, und derer, die sie ausüben“ (42), alle und alles ist toxisch infiltriert, schier unentrinnbar. Immerhin sieht Weil im homerischen Epos der Gewalt hin und wieder die Alternative aufblitzen: reine Momente des Innehaltens, des Racheverzichts, gar der Liebe. Deren „reinster Triumph, ... die höchste Gnade im Krieg ist die Freundschaft, die aufsteigt im Herzen von Todfeinden.“ (47) Diese Perspektive sieht sie in den Passionsgeschichten des Christentums aufgenommen, dieser Sklavenreligion par excellence -– eine Zentralperspektive ihrer (späteren) Mit-Leidensmystik der Gewaltlosigkeit. Aber faktisch läuft die inspirierende Studie doch auf eine fast dualistische Alternative zu: völlige Gewaltverfallenheit (christlich: Sünde) hier und Rettung nur „übernatürlich“ dort – in jedem Fall freilich mit dem kategorischen Imperativ im abschließenden Doppelpunkt (58), „dass man die Gewalt niemals bewundern soll, die Feinde nicht hassen und die Unglücklichen nicht verachten. Man muß bezweifeln, dass das bald geschieht.“
Wer dieses politisch-religiöse Denken Weils noch genauer kennenlernen will, sollte unbedingt ihre anderen Arbeiten dazu lesen: Simone Weil, Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen (diaphanes-Verlag Zürich 2011).
Aus dem Französischen und mit einem Essay von Wolfgang Matz
Berlin: Matthes & Seitz Verlag. 2025
102 Seiten
12,00 €
ISBN 978-3-7518-3057-7
