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Stanka Hrastelj: Batseba. Roman
Literarische Rezeptionen biblischer Stoffe geraten bisweilen ein wenig gewollt und zäh. Dies kann man von Stanka Hrasteljs kühnem Neuentwurf der Geschichte von Batseba und König David wahrlich nicht behaupten. Zwei Angaben gehen dem zweiten Roman der slowenischen Lyrikerin und Übersetzerin (geb. 1975) voraus, beide haben ihre Berechtigung. Die Widmung „Für die Leser von Poesie“ verweist auf die lyrisch verdichtete Art des Erzählens. In 193 durchnummerierten Miniaturkapiteln mit Überschriften, die ihrerseits interpretatorische Akzente setzen, wirft die Autorin sprachgewaltig Schlaglichter auf eine überzeitlich angelegte Frauengestalt zwischen Macht und Ohnmacht. Die zweite vorausgeschickte Angabe ist eine Triggerwarnung bezüglich selbstverletzender Handlungen und sexueller Gewalt. In der Tat beschreibt Hrastelj drastisch und explizit und schont ihre Leserinnen und Leser ebenso wenig, wie Batseba sich selbst schont.
Inhaltlich spinnt die Autorin virtuos ein dichtes intertextuelles Netz. Der biblische Erzählfaden bleibt – auch wenn es später um den Aufstand des Absalom und den Thronfolger Salomon geht – gut erkennbar. Wie in 2 Sam 11 schickt David Batsebas Ehemann Urija an die Front in den sicheren Tod und nimmt die von ihm schwangere Batseba zur Frau. Der biblische Text markiert klar die Verantwortung König Davids und verurteilt sein Handeln (2 Sam 11,27: „In den Augen des HERRN aber war böse, was David getan hatte.“) Hrastelj dagegen greift eher die (äußerst ambivalente) Rezeptionsgeschichte der Batseba als Verführerin auf, um auch diese wiederum neu zu deuten. Ihre Batseba ist eine kühl kalkulierende, karrierebewusste, gut ausgebildete Slowenierin des 21. Jahrhunderts, die ihre Chancen sieht und nutzt. David liebt nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihren Intellekt. Die unbefriedigende Ehe mit einem groben, mittelmäßigen Mann tauscht sie ein gegen ein Leben mit dem König, der neben seiner Regierungstätigkeit ein gefeierter Musikstar mit mehreren Social-Media-Profilen ist (Spezialität: Psalmen!). Nach der Eheschließung bleibt sie berufstätig und baut später ein erfolgreiches Unternehmen auf. Die Beziehung zu David, der zunächst wie Wachs in ihrer Hand erscheint, ist von echter Nähe gekennzeichnet, wird jedoch getrübt durch die zahlreichen Affären des Königs. Die Familienplanung ist lange von Fehlgeburten und Kindstod überschattet. Zunehmend erhält Batsebas Erfolgsgeschichte Brüche und droht ihr zu entgleiten. Immer wieder bricht die Erinnerung an Urijas Tod durch, für den sich (in Umdeutung der biblischen Vorlage, s.o.) Batseba verantwortlich fühlt. In ihrem Schuldbewusstsein wendet sie sich gegen sich selbst – mit depressiven und suizidalen Tendenzen, Selbstverletzungen, Anorexie sowie dem aktiven Herbeiführen erniedrigender Sexualität. Und hat trotz all ihrer Not mit der Inthronisierung Salomos schließlich doch noch ein Ass im Ärmel …
In rasanter Verknüpfung versetzt die ehemalige Theologiestudentin Hrastelj eine Erzählung aus der Welt des Alten Testaments in den christlich-katholischen Kontext Sloweniens. Mühelos verbindet sie den biblischen Sprachstil mit aktuellen Bezügen von Instagram über WhatsApp bis hin zum Darknet. Das Glossar am Ende des Buches führt dankenswerterweise einige biblische Personen auf und nennt mehrere Zitate und Referenzen aus der biblischen wie auch internationalen Literatur und Kultur durch die Jahrtausende. Den gesamten Reichtum an intertextuellen Verweisen kann es bei weitem nicht fassen. Um manche Anspielungen erschließen zu können, muss man den slowenischen Hintergrund sicherlich vertieft recherchieren. So bleibt die Lektüre des Romans in jeder Hinsicht eine horizonterweiternde Herausforderung.
Aus dem Slowenischen von Metka Wakounig
Erlangen: Homunculus Verlag. 2023
134 Seiten
23,00 €
ISBN 978-3-946120-37-7
