Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Stefan Hartmann: Mosaike eines Lebens. Autobiographisches Zeugnis eines Theologen

Eine Selbstbiographie, die es in sich hat. Hier beschreibt ein ehemaliger katholischer Priester sein bisheriges, gut siebzigjähriges Leben: Kindheit, Studium, Beruf und seine späte Heirat. Doch wer eine chronologische Darstellung erwartet, wird enttäuscht. Hartmanns Buch ist, wie der Titel andeutet, eine Komposition aus Fragmenten. Als Theologe, der den Diskurs um sein Priesteramt und seine Vaterschaft hautnah erlebte, setzt er sein Leben nicht neu zusammen. Vielmehr teilt er es offen, aber erzählerisch aus verschiedenen Perspektiven mit. Der geschichtstheologische Ansatz Hans Urs von Balthasars wird deutlich: Das „Ganze im Fragment“ wird in seinen Ab- und Aufbrüchen existenziell aufgegriffen.

Dabei nutzt er die Metapher des Mosaiks, das siebenfach präsentiert wird. „Mosaik 1“ beginnt auf Borkum. Dort feiert der Autor, Sohn einer bürgerlich-katholischen Familie aus dem Ruhrgebiet, mit seiner Frau Sandra seinen 70. Geburtstag. Dankbar blickt er zurück – nicht in den herrlichen Dünen liegend, sondern meditierend in der Kirche „Maria Meerstern“. Sein Resümee: Amor vincit omnia – die Liebe besiegt alles.

„Mosaik 2“ widmet sich den „Bücherwelten“, die sein Leben seit der Schulzeit prägten. Der Verfasser stellt seine Bibliothek vor, getreu dem Motto: „Sage mir, was du gelesen hast, und ich sage dir, wer du bist.“ „Mosaik 3“, das umfangreichste Kapitel, skizziert seinen rastlosen Bildungsweg. Geboren in Oberhausen-Sterkrade, führte ihn sein Weg über die Schweiz zurück ins Ruhrgebiet, nach Hannover, Minnesota (USA) und schließlich ans jesuitische Aloisius-Kolleg in Bad Godesberg, wo er das Abitur erlangte. So sprunghaft die Schulzeit, so rasant verlief das Studium: Psychologie und Theologie in Fribourg, Rechtswissenschaften in Trier, bis ihn die Lektüre von Kierkegaards „Die Krankheit zum Tode“ zum „gläubig-entschiedenen Christen“ reifen ließ. Nach dem theologischen Diplom in Freiburg i. Br. trat er ins Trierer Priesterseminar ein und empfing 1982 die Priesterweihe durch Bischof Hermann-Josef Spital.

Es folgten priesterliche Stationen in Saarlouis-Fraulautern, Remagen-Kripp und Neuwied-Niederbieber. Stets auf der Suche nach dem Wahren, lässt er sich auf die von Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr gegründete Johannesgemeinschaft ein, verlässt sie wieder und knüpft neuerliche Kontakte ohne tiefere Bindung zu geistlichen Bewegungen wie „Comunione e liberazione“ und dem Internationalen Schönstattwerk. Was blieb, war die intensive Auseinandersetzung mit Literatur, die er in zahlreichen Anmerkungen präzise kommentiert.

Im Jahr der Wende änderte sich sein Leben radikal: Seine Tochter wurde geboren. Da die Beziehung zur Mutter bereits beendet war, gab es keine partnerschaftliche Perspektive. Hartmann wollte Priester bleiben und kam seinen finanziellen Verpflichtungen über das geforderte Maß hinaus nach. Dennoch wurde er zum Amtsverzicht und zum Bistumswechsel aufgefordert. Sein Weg führte ihn über Bad Säckingen nach Wien, wo er von 1993 bis 1996 als Universitätsseelsorger wirkte, bevor er in Oberfranken (Kronach-Neuses, Theisenort, Oberhaid) wieder als Pfarrer tätig wurde.

Parallel dazu vertiefte er seine Studien und wurde 2008 in Eichstätt über die Mariologie Heinrich M. Kösters promoviert. Zehn Jahre später, inzwischen laisiert, heiratete er die Schriftstellerin Sandra Dorn – ein Schritt, den er als Beginn seiner glücklichsten Jahre beschreibt.

Hartmanns Grundanliegen ist keine billige Kirchenkritik eines Insiders, sondern ein menschlich bewegendes Plädoyer, die Verpflichtung zum Zölibat als notwendige Voraussetzung für das Priesteramt kritisch zu überdenken. Darüber hinaus zeichnet das Buch das Porträt einer zumindest im europäischen Raum immer seltener vorkommenden Spezies: der eines gelehrten Priesters, der aus Liebe zu den Menschen stets auf der Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen, kurz: nach dem Antlitz Christi bleibt. Hartmanns Mosaike regen jedenfalls dazu an, der allgemeinen Bevormundung und „Verprollung“ (Dirk Schümer) zu widerstehen, neugierig zu sein und auf dem Weg des die Vernunft verlangenden Glaubens, Hoffens und Liebens voranzuschreiten. Die Lektüre lohnt sich.

Mainz: Bernardus Verlag. 2025
155 Seiten
15,00 €
ISBN 978-3-8107-0403-0

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