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Stefan Moster: Vom Glück, im Chor zu singen
Kennen Sie Karl Gottlieb Lappe? 1818 erschien sein Gedicht „Im Abendroth“ in der „Zeitung für die elegante Welt“ (Leipzig). Sieben Jahre später entstand die Vertonung Franz Schuberts für Stimme und Klavier, deren Männerchorversion von Jakob Christ zu Beginn des 20. Jh. viral ging. Es erklingt gedämpftes B-Dur, die Stimmung ist weihevoll. Dies alles geschieht, so Stefan Moster, im Garten des Großvaters. Andächtige Stille und tiefe Rührung ergreift alle Anwesenden, eine Rückkehr ins Diesseits gelingt erst 200 Mettbrötchen und 50 Flaschen Weißwein später. Darum geht es in diesem Buch: Chorsingen ist eine eigene Welt, in der (auch) tiefes Glück zu Hause ist.
Moster beschreibt die Welt aus 53 verschiedenen Blickwinkeln, streift Forschungsergebnisse, Alltags- und Nischenthemen. Chorsingen ist keine Randsportart – mit rund 1.320.000 eingetragenen Mitgliedern in den einschlägigen Vereinigungen erreicht man nicht die Werte von ADAC oder DFB, ist aber im Vergleich z.B. zum Deutschen Handballbund mit 736.000 Mitgliedern durchaus respektabel.
Singen ist Gemeinschaft, sozialer Zusammenhalt, Resonanzraum, emotionaler Anker und Ausdrucksraum, gesellschaftlich akzeptierter Ort kollektiver Hormonausschüttung, Kultur- und Subkulturzelle, manchmal Protest, kritischer Zwischenruf oder Mittel der Propaganda. Singen hat auch organische Folgen: Das Max Planck-Institut für empirische Ästhetik beleuchtet das Phänomen der „Interbrain Synchrony“, bei dem sich durch das gemeinsame Musizieren im EEG Synchronizität von Hirnströmen nachweisen lässt, Studien der Universität Göteborg untersuchen dies auch für den Herzschlag. Weitere, nicht näher ausgewiesene Versuchsreihen nennen als Besonderheit gemeinschaftlichen Singens den Anstieg der Oxytocin-Werte, des Immunglobulins A, der Freisetzung von Endorphinen, Serotonin, Dopamin, Melatonin und eine Aktivierung der Zirbeldrüse. Singen ist gesund. Es bietet Raum, mit Gefühlen von unbändiger Freude bis zu tiefer Trauer in Kontakt zu kommen, und lässt dabei die Zuhörenden nicht unbeteiligt. Es ist ein Teamsport, bei dem kein Chormitglied in der stimmlichen Herausforderung alleingelassen ist, sondern bei Aussetzern, Hustenreiz oder den Tücken von Spitzentönen auf den Zusammenhalt und das Einspringen der Nachbarn vertrauen kann.
Chöre sind Orte gelebter Kultur. Die „schöne Welt“ der Gesangvereine steht neben den großen Werken Bachs und Händels, das Pop-Oratorium mit über 10.000 Sängerinnen und Sängern neben den Auftritten der Closed Part-Ensembles. Was Mozarts Requiem im Großen, ist sein „Ave verum“ im Kleinen. Dabei ist das Religiöse schon seit langer Zeit nicht mehr exklusiv. Kirchenferne empfinden Großes beim Erleben sakraler Werke. Streitbare Inhalte wie antijüdische Tendenzen in oratorischen Passionen werden thematisiert, die Rolle des Chores auf Theaterbühnen wiederentdeckt. Die Präsenz oder Nichtpräsenz von Chören in der Öffentlichkeit ist längst wieder Thema, vor allem, wenn es um Kürzungen und Schließungen einerseits oder um dienstliche Konflikte andererseits geht, etwa in der Berichterstattung um die Chöre des Freiburger Münsters seit 2024 oder – positiv gesehen – der Neugründung von Bundes- und Landesjugendchören.
Das unbedingt empfehlenswerte Buch ist ein bunter Strauß von Einblicken und Gedanken. Es liefert ein breites Spektrum unterschiedlichster Aspekte des Chorsingens, seiner Wirkung und Bedeutung. Es klammert kritische Themen nicht aus. Zwei davon stellen die Frage nach Diversität und Überalterung. Dahinter steht die Beobachtung, dass trotz multikulturellen Umfelds unsere Chöre bemerkenswert deutsch und begrenzt integrativ geblieben sind. Ebenso ist die Frage, wo und wie Menschen mit viel Lebenserfahrung sich singend weiterentwickeln können, auch wenn die Stimme den körperlichen Anforderungen bestimmter Werke nicht mehr gewachsen ist. Persönlich möchte ich den Aspekt der Vernetzung und Förderung dazulegen: Wenn sich Chorverbände auflösen oder ihnen wichtige Zuschüsse gestrichen werden, bekommt das Netz des Chorwesens große Löcher, die dazu führen können, dass die notwendige Anschubenergie für Transformationsprozesse oder multiplikatorische Arbeit nicht mehr ausreicht. Daher sei dieses Buch allen Verantwortlichen für das Sein oder Nichtsein fundierter Chorarbeit empfohlen und mit Nachdruck unter den Christbaum gewünscht.
Berlin: Insel-Verlag. 2025
219 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-458-64524-5
