Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Stefan Müller / Antje Herzog (Illustrationen): der kleine jesus

Nach einer kritischen Sichtung der Leben-Jesu-Forschung seiner Zeit stellte Albert Schweitzer einst fest, dass das ideale Jesusbild dem idealen Männerbild seiner Zeit verdächtig ähnlich sah. Diese Beobachtung machten auch unzählige andere Forscherinnen und Forscher, sodass es scheint, jede Generation finde in den Quellen genau den Jesus, den sie dort suche.

Da die historische Jesusforschung in der Zeit der Aufklärung als Korrektiv der vermeintlich vereinnahmenden und einseitig verzerrenden kirchlichen Verkündigung an den Start gegangen ist, wohnt der (historischen) Jesusforschung häufig ein pädagogisch-aufklärerischer Impetus inne. Es geht ihr darum, die Gläubigen davor zu bewahren, der kirchlichen Verkündigung mit ihren christologischen Dogmen allzu unkritisch Glauben zu schenken. Mit anderen Worten: Die Kirche ist das Establishment, die historische Jesusforschung die Avantgarde, die den „eigentlichen“ Jesus wieder in den Vordergrund stellt und erlebbar macht – oder wie Stefan Müller formuliert: „Sie löste die Bande, mit denen er jahrhundertelang an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freut sich, als wieder Leben in die Figur kam.“ (15)

Da jeder Blick auf historische Personen und Ereignisse zeit- und standortgebunden sein muss, ist es wenig überraschend, dass die Jesusbilder und -bücher die Diskurse ihrer jeweiligen Zeit bedient haben und den Bedürfnissen ihrer Zeit entgegenkamen, selten überraschende und unerwünschte Eigenschaften aufwiesen und sich durchaus auch für (Kirchen-)Politik eigneten.

Was für wissenschaftliche Bücher zum historischen Jesus gilt, trifft in noch höherem Maße für populärwissenschaftliche und katechetische Literatur zu. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – werden schlanke und optisch ansprechende Bände aus dieser Kategorie gerne im Religions-, Konfirmations- oder Firmunterricht eingesetzt, um jungen Menschen einen frischen und niedrigschwelligen Zugang zu Jesus anzubieten. Dabei nimmt man in Kauf, dass die Zeichnungen arg grob und holzschnittartig ausfallen können, solange sie ihren Zweck erfüllen und Jesus wieder ins Gespräch bringen.

Mit seiner „himmlischen Biographie“ ist Stefan Müllers Buch „der kleine jesus“ der jüngste Vertreter dieser Gattung. Auf den ersten Blick spricht das Buch an, es ist kurz, gut lesbar und ansprechend illustriert. Die zehn Kapitel sind nicht zu lang und wecken mit Titeln wie „Revoluzzer der Herzen“, „Ein Kind mit Macken“, „Das Geheimnis der Frauen“ und „Jesus lebt, oder?“ Interesse. Auflockernde Sammlungen zwischen den Kapiteln wie „Religion gründen für Anfänger. Was wichtig ist, um mit der eigenen Lehre durchzustarten“ oder „Handeln wie ein Jesus. Zehn Gebote für wirksames Leadership“, wecken jedoch erste Zweifel, ob das Buch das halten kann, was es verspricht.

„Mutig und kurzweilig“, so behauptet der Klappentext, „zeigt uns der Historiker Stefan Müller einen Jesus abseits aller Klischees – und was er uns heute noch zu sagen hat“. Wer das Buch aufschlägt und ernsthaft zu lesen beginnt, wird Albert Schweitzer nach wenigen Seiten zustimmen müssen: Auch „der kleine jesus“ ist geprägt von den Diskursen seiner Zeit und orientiert sich überwiegend an Standpunkten, die als progressiv und kirchenkritisch beschrieben werden können. Beim Lesen wird klar, dass das Buch auf mehreren Ebenen problematisch ist: sprachlich, methodisch, historisch und theologisch.

Die lockere Sprache, die Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen möchte, ist mitunter flapsig und so vordergründig provokativ, dass sie sich eher an ihre Zielgruppe anbiedert, statt frisch und einladend zu sein. Problematisch ist dabei, dass sich nicht immer unterscheiden lässt, wo vom Autor Ergebnisse historischer Forschung geboten, wo abseitige Einzelmeinungen referiert und wo schlicht fabuliert wird. Bei einer Darstellung, die gerade das Ziel hat, Wahrheit und Mythos voneinander zu trennen und „verlässliche Informationen nahe am Menschen zu liefern“ (155), ist das kontraproduktiv.

Erschwerend kommt hinzu, dass in der Darstellung immer wieder Grenzen überschritten werden. Dazu gehört, dass sich die unterschiedlichen Erinnerungsbilder von Jesus in den kanonischen Evangelien nicht einfach zu einem historischen Jesus verrechnen lassen – auch nicht unter Heranziehung apokrypher Texte, die „die Kirche mit universellem Anspruch auf eh alles, griechisch: katholikós“, sich bemühte aus ihrem Kanon „verschwinden zu lassen“ (30). Es überrascht, dass ein Historiker historische und literarische Ebenen in biblischen Texten nicht trennt, den unterschiedlichen Wert seiner Quellen nicht reflektiert und sich nicht ausreichend in den historischen Kontexten des ersten Jahrhunderts – jüdischen wie römischen – auskennt, in denen er sein Jesusbild verortet.

Einige Beispiele: Weder gibt es in der römischen Antike ein Proletariat (57), noch ist die Alphabetisierungsquote bei Juden im ersten Jahrhundert grundsätzlich höher als im Rest der Bevölkerung (41), noch gibt es „keine Gewinner ohne Verlierer“ (61). Insbesondere die jüdischen Kontexte sind irreführend bis falsch dargestellt, bei den Ausführungen über den Status von Frauen werden gar jüdische und pagan-antike Vorstellungen so unglücklich vermischt, dass uninformierte Leser meinen könnten, es seien die Juden, „die unerwünschte Kinder, besonders Mädchen“ (97) beseitigen, nicht die Griechen und Römer.

Bei manchen Schilderungen fragt man sich zudem, auf welchen Quellen sie beruhen könnten: „Als Jesus neun Jahre alt ist, geht er mit seinem Vater in das örtliche Bad. Endlich wieder waschen und entspannen. Doch dieses Mal, die Szene ist gut vorstellbar, sitzt ihm der Vater gegenüber und mustert seine Hoden. Sobald sich dort zwei Haare zeigen, ist Jesus offiziell in der Pubertät. Er darf sich dann verloben und heiraten.“ (42) Nach dieser Beschreibung überrascht es nicht, dass die angebliche Liebesbeziehung zu Maria Magdalena vom Autor aus der Mottenkiste geholt und ausgewalzt wird, auch hier ohne jede Quellenkritik (94).

Selbst wenn die „Via Marias“ statt der „Via Maris“ (40) vermutlich ein Tippfehler und das Haus des Johannes (statt Petrus) in Kafarnaum (60) schlecht lektoriert ist, so gehen Bemerkungen wie die folgende nicht einmal in einer Einführungsveranstaltung im Theologie-Studium durch: „Wie war das mit der Jungfräulichkeit? Konnte Maria nach der Geburt des Herrn immer noch intime Beziehungen gehabt und weitere Kinder zur Welt gebracht haben, besaß sie also eine ‚vulva reservata‘? Nein, bestimmte Papst Pius IX. 1854 endgültig: Maria hätte ihre Jungfräulichkeit niemals eingebüßt, sie (…) besitze einen ‚uterus clausus‘. Und Gott? Der musste männlich sein. Penis aeternus.“ (103f) Zu offensichtlich ist hier der Wunsch des Autors, seine Leser zu provozieren. Die sachlichen Ungenauigkeiten und Fehler im Buch sind Legion, bis hin zum „Gemüse“ beim letzten Abendmahl (111).

Doch damit nicht genug: Wenn „aus dem fiesen Strafgott des Alten Testaments“ „ein streichelsanfter Papa“ wird (8, 69) und aus Jesus „ein jüdischer Palästinenser. Klein und kräftig, mit Kräuselhaar und dunklem Teint, vermutlich. Ein Jesus of Color. Sein Platz wäre heute wahrscheinlich in Gaza, nicht in Jerusalem“ (12), oder „ein radikaler Gesinnungsethiker, der sich nicht um die Folgen seiner Lehre in der realen Welt kümmerte“ (16), sind auch theologische Linien überschritten, nicht nur sprachliche und geschmackliche.

Die Rede vom „Narrativ der Auferstehung“, dass „Jesus Christus, den Mythos [erschuf]“ (15), verortet das Buch in der Zeit des postmodernen Konstruktivismus. Doch das geht nicht ohne den Versuch einer Provokation: „Durch das Narrativ der Auferstehung ergab der schlimmste aller Tode erst Sinn. Sonst wäre nicht der Stein weg, sondern der Badewannenstöpsel gezogen und das Wasser des Glaubens abgeflossen. (118)

Dabei ist der Blick auf die Gläubigen eher belächelnd: „Das Christentum ist eine Wunderreligion, die von gut vermittelbaren Rätseln lebt. Nur wenn etwas nicht beweisbar ist, können höhere Kräfte hinter unerklärlichen Phänomenen stecken.“ (91) Als Religionskritik ist das doch recht seicht, und wie so oft bei aufklärerischen Ansätzen, die auf historische Jesusforschung zurückgreifen, geht eine Kategorienvertauschung von Mysterium mit dem Vergessen der Erfahrungskategorie Hand in Hand: „Die Autoren der Evangelien haben zwar Überlieferungen verarbeitet, aber natürlich auch Glaubenspropaganda fabriziert.“ (90) Dass die Evangelien nicht nur historische Quellen sind, sondern darüber hinaus und vor allem Identitätstexte, wird vom Autor nicht verstanden und folglich nicht reflektiert.

azit: Auch wenn in „der kleine jesus“ aktuelle bibelwissenschaftliche Literatur verarbeitet wird, spiegelt das Buch nicht den aktuellen Stand exegetischer Forschung. Für den Einsatz in Katechese und Religionsunterricht ist es nicht geeignet, noch nicht einmal als Einstieg, es sei denn, eine Lerngruppe macht sich auf, den Text zu dekonstruieren. Wer nach einer Einführung in die aktuelle historische Jesusforschung sucht, ist mit Daniel Marguerats „Jesus aus Nazaret“ (vgl. Eulenfisch Literatur 1/23) besser bedient.

Wien / Graz: Verlagsgruppe Styria – Molden Verlag. 2024
158 Seiten m. s-w Abb.
22,00€
ISBN 978-3-222-15133-0

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