Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Susanne Schwarz unter Mitarbeit von Matthias Sand: Religionsunterricht aus der Perspektive von Schüler*innen

Bei dem Buch „Religionsunterricht aus der Perspektive von Schüler*innen. Eine repräsentative Studie in Rheinland-Pfalz“ handelt es sich um eine Forschungsarbeit, deren Rezeption auf den Bereich universitärer, rein empirisch ausgerichteter Religionspädagogik beschränkt bleiben dürfte. Schon der Ertrag für religionsdidaktisch Interessierte fällt nicht überwältigend aus, noch weniger profitiert der Religionslehrer, der sich (mit seiner Fachkonferenz) die Frage stellt, wie der Trend zum Schülerschwund im Religionsunterricht und die zunehmende Hinwendung zum Alternativfach Ethik gestoppt bzw. umgekehrt werden könnte.

Der Rezensent hat in den vergangenen 25 Jahren die Veränderungen im Wahlverhalten der Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe an rheinland-pfälzischen Gymnasien miterlebt: Während in den Nuller Jahren des 21. Jahrhunderts zwei Kurse der jeweils einen großen christlichen Konfession, ein Kurs der jeweils anderen großen christlichen Konfession und ein Grundkurs Ethik eingerichtet wurden, scheint es aktuell mehr und mehr Gymnasien zu geben, die zwei Ethikkurse und (gerade noch) für je eine christliche Konfessionsgruppe einen Oberstufenkurs anbieten. Die konfessionell-kooperative Kooperation (kokoRU) könnte künftig – anders als offiziell verlautbart – dem katholischen bzw. evangelischen Religionsunterricht allein aus praktischen, schulorganisatorischen Gründen eine Überlebensgarantie verschaffen, so dass wenigstens noch ein (konfessionsübergreifender) Religionskurs pro Jahrgangsstufe eingerichtet wird. Viele Religionslehrkräfte gehen allerdings noch einen Schritt weiter und stellen – auch im Hinblick auf die Sekundarstufe I – die berechtigte Frage, warum sie an ihrer Schule den Zwischenschritt des kokoRU, der mit einem gewissen Verwaltungsaufwand verbunden ist, gehen sollen, anstatt sich gleich auf den „Christlichen Religionsunterricht“, der derzeit in Niedersachsen eingeführt wird, einzustellen. Erleichtert würde dieser Wechsel dadurch, dass eine katholische bzw. evangelische Religionslehreridentität insbesondere bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen einer ökumenisch-christlichen gewichen ist.

Ein besonders wichtiger Befund der auf der Befragung von Schülerinnen und Schülern basierenden Studie von Susanne Schwarz ist derjenige der häufigen intellektuellen Unterforderung im Religionsunterricht (90). Vor zehn Jahren hat der profilierteste deutsche Religionspädagoge, Rudolf Englert, mit seinem Werk „Religion gibt zu denken“ einen konstruktiven Lösungsversuch für die intellektuelle Krise des Religionsunterrichts vorgelegt. In diesem Zusammenhang ist es sehr bedauerlich, dass weder sein Ansatz noch derjenige von Hubertus Halbfas, des Vordenkers eines hermeneutisch-sprachkritischen und symboldidaktischen Zugangs zum Phänomen Religion, eine konsequente Umsetzung in aktuell auf dem Markt befindlichen Schulbüchern gefunden haben.

Insbesondere an die letztgenannten Stränge von Halbfas‘ Erbe anzuknüpfen und sie mit den ebenfalls in seinen Werken enthaltenen Beispielen für den Umgang mit Kunst zu verbinden, könnte dem Religionsunterricht gegenüber dem Fach Ethik ein Proprium verschaffen, das ihn auch für die zunehmende Anzahl konfessionsloser, atheistisch eingestellter, säkular orientierter oder spirituell auf der Suche befindlicher Schülerinnen und Schüler attraktiv macht.

Da die Forschungsarbeit von Susanne Schwarz und ihren Mitarbeitern wegen der überwältigenden Zahlenfülle, des aufdringlichen Genderns, zahlreicher Wiederholungen und nur wenig pointierten „Zwischenfazits“ unter Religionspädagogen, deren Augenmerk der Praxis gilt, eingeschränkte Beachtung finden dürfte, sollen an dieser Stelle einige wichtige Ergebnisse aus dem voluminösen Buch vorgestellt werden, die mangels geeigneter Hervorhebung im Werk bei der notwendig kursorisch bleibenden Lektüre unbeachtet zu bleiben drohen:

„Der Blick auf die Besuchsmotivation in der Grundschule lässt erkennen, dass das Fach von knapp 70% der Schüler*innen mindestens gern und von 93,1% der Schüler*innen mindestens teils/teils gern besucht wird“ (23). „Im Unterschied zur Motivation der Grundschüler*innen, wo der größte Teil ‚gern‘ ankreuzt, votiert der größte Teil der Sekundarschüler*innen für teils/teils. Knapp die Hälfte (49,7%) geht mindestens gern in das Fach, 91,3% gehen mindestens teils/teils gern in den Religionsunterricht“ (24). „Tendenziell zeigt sich im Vergleich, dass die Schüler*innen an nichtgymnasialen Sekundarschulen das Fach etwas lieber besuchen“ (25). „Im Grundschulbereich zählt der Religionsunterricht zu den ersten vier Lieblingsfächern […] Wie bei den Grundschüler*innen wird der Religionsunterricht auch von den Realschüler*innen am häufigsten auf den dritten Platz der Lieblingsfächer gewählt“ (32). „Bei den Gymnasialschüler*innen gehört das Fach nicht zu den beliebtesten Fächern. Der Religionsunterricht landet bei der Zählung der genannten Fächer insgesamt auf einem 13. Platz […] weniger beliebt sind z.B. Informatik und Französisch“ (33).

Bei der Befragung von 686 Sekundarschülern stimmten der Aussage „In Reli lerne ich viel Neues“ 24,8% der Schülerinnen und Schüler „eher nicht“ bzw. „nicht“ zu. Diese beiden negativen Optionen wählten allerdings 64,6% der Schülerinnen und Schüler bei der vorgelegten Aussage „Durch Religion verstehe ich mich selbst besser“ (vgl. 58f.). In Bezug auf dieses Ergebnis zieht Schwarz ein richtiges „Zwischenfazit“: „Hier legt sich, auch mit dem Blick auf die zurückhaltende Bewertung des Nachdenkens und des Anforderungsniveaus […], der Eindruck nahe, dass die Umsetzung des Spiralcurriculums ausbaufähig ist und wiederkehrende Themen möglicherweise zwar wiederholt, aber nicht in eine neue Perspektive gerückt oder auf kognitiv anregende Art und Weise vertieft werden“ (71).

Bei der Frage „Wie wichtig sind für dich die folgenden Themen im Religionsunterricht?“ ergab sich bei den Sekundarschülern die Reihenfolge „Gerechtigkeit in der Welt“, „Freundschaft“, „Wie wir zusammen leben“, „Wie Fremdsein sich anfühlt“, „Evangelische und katholische Christinnen/Christen“, „Wie Jesus gelebt hat“, „Nach Gott fragen“ … (vgl. 133f.). 16,1% der Sekundarschüler halten den Religionsunterricht für wichtig, 67,4% für mittelwichtig und 16,5% für unwichtig (vgl. 139). „Sowohl die Grundschüler*innen wie auch die Sekundarschüler*innen stimmen mehrheitlich der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod zu“ (237).

„Zusammenfassend kann man sagen, dass der Religionsunterricht seine Relevanz aus Sicht der Schüler*innen vor allem auf der wissensbasierten Bildungsebene erweist. Hinsichtlich der Lebensrelevanz sind die Schüler*innen zweigeteilt. Der Mehrheit gelingt es nicht, die Relevanz des Faches für das Berufsleben zu erkennen. Der Unterricht selbst wird mehrheitlich als positiver Relevanzfaktor (im engen Zusammenhang mit Wissenserwerb und Allgemeinbildung) betrachtet (144).“

„Methodisch gibt es viele Aspekte, die von den Schüler*innen wertgeschätzt werden […]. Tendenziell gefallen den Grundschüler*innen die kreativen Lernwege im Fach, aber auch die narrative Dimension des Faches. Weiterhin mögen sie, wenn gesungen wird, Filme geschaut werden und insbesondere auch das gemeinsame Gespräch. Unter den Sekundarschüler*innen fällt auf, dass es vor allem die Diskussionen und der gemeinsame Austausch sind, die neben den Filmen häufig als Grund für schöne Aspekte des Religionsunterrichts genannt werden“ (161).

„Im Vergleich zu den Grundschüler*innen, von denen etwa die Hälfte an Gott glaubt, gibt nur rund ein Drittel der Sekundarschüler*innen an, an Gott zu glauben. Mehr als zwei Drittel der Sekundarschüler*innen kreuzen an, mindestens manchmal an Gott zu glauben […] Die von der Landesschüler*innenvertretung medienwirksam kolportierte und nicht empirisch fundierte Behauptung, dass die Frage nach Gott für die Schüler*innen keine Rolle spielt […], ist empirisch zumindest für die evangelischen Religionsschüler*innen leicht widerlegbar“ (214).

Abschließend sei ein Hinweis von Friedrich Schweizer, der in einem Beitrag am Ende des Buches die bundeslandübergreifende QUIRU-Studie auswertet, zitiert: „Vier von fünf befragten Schüler*innen waren […] nicht in der Lage, ein biologistisches Verständnis des Schöpfungsglaubens (Adam und Eva als biologische Eltern aller Menschen) als unzutreffend zu erkennen und entsprechend infrage zu stellen. Angesichts der grundlegenden Bedeutung dieser Thematik sollte dieser Befund in der religionsdidaktischen Diskussion ebenso wie bei der Reform von Bildungsplänen in Zukunft deutlich stärker beachtet werden“ (307).

Eine repräsentative Studie in Rheinland-Pfalz
Würzburg: Königshausen & Neumann. 2025
326 Seiten m. Tabellen
48,00 €
ISBN 978-3-8260-9339-5

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