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Svenja Grosser (Hg.): Unzensiert. Annegret Soltau. Eine Retrospektive
Das Städel Museum in Frankfurt zeigt von 8.5. bis 17.8.2025 die erste Retrospektive von Annegret Soltau. Es setzt mit dieser Ausstellung, die über 80, teilweise erstmals gezeigte Werke umfasst, die Würdigung wichtiger Künstlerinnen fort. Das zentrale Thema Annegret Soltaus ist das der Identität, das sie radikal biografisch bearbeitet: „Ich bin immer von mir selbst ausgegangen.“ (166) Auf ihrem künstlerischen Weg nimmt sie eine konsequent weibliche Perspektive ein und macht sich selbst zu ihrem Modell, indem sie Fotografien ihres Körpers bearbeitet – weshalb sie als eine Pionierin sowohl der feministischen Kunst als auch der Body Art gilt.
Am 16. Januar 1946 in Lüneburg geboren, wächst Annegret Soltau in prekären wie bildungsfernen Verhältnissen in Norddeutschland auf: Ihr Vater ist unbekannt, die Mutter gibt die Tochter in die Obhut der Großmutter. Dennoch gelingt es ihr, in politisch turbulenten Zeiten an der Hochschule für bildende Kunst in Hamburg zu studieren. Zwischen 1972 und 1978 entsteht ein bemerkenswertes, weitgehend unbekanntes Frühwerk aus Bleistift- und Buntstiftzeichnungen sowie Radierungen, in denen bereits Linien bzw. Fäden auftauchen. 1974 zieht sie mit ihrem Mann nach Darmstadt, wo sie 1976 bei einer Performance mit einem Faden die Haut realer Personen umwickelt und fotografisch dokumentieren lässt. In dieser Zeit entwickelt sie die beiden Techniken, die ihr Werk fortan unverwechselbar machen: 1975 die Fotoübernähung und 1977 die Fotovernähung. Weil sie Fotografien als Arbeitsmaterial verwendet, versteht sie ihre Collagen nicht als Fotokunst. Die Vernähungen des schwarzen Zwirns auf der weißen Rückseite des Fotopapiers können zu einem eigenständigen Bild werden.
Auf dem Cover des Katalogs ist die Arbeit „Mit mir selbst“ abgebildet. Sie besteht aus einem schwarz-weißen Selbstporträt von 1975, das von ausgerissenen Teilen eines vergrößerten farbigen Passbildes von 2022 mit schwarzem Garn übernäht ist. Es bringt die Künstlerin als 29-Jährige und als 76-Jährige in einem einzigen Bild zusammen. Es fragt nach der Identität der jetzt gealterten mit der einst jungen Frau – und reicht die Frage nach biografischer Einheit an die weiblichen wie die männlichen Betrachter ihres Bildes weiter.
1978 wird Annegret Soltaus Tochter, 1980 ihr Sohn geboren, was die existentielle Problematik der Vereinbarkeit eines Lebens als Mutter mit dem einer Künstlerin aufwirft. Daraus macht sie noch nie gesehene Kunst, indem sie für die Verletzbarkeit des weiblichen Körpers und die seelischen Ambivalenzen, die mit Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft verbunden sind, neuartige Bilder findet. Drastisch stellt sie durch übernähte Fotografien und serielle Fotoarbeiten die Veränderungen ihres Körpers dar. Indem sie Fotoausrisse von sich und ihren Kindern miteinander vernäht oder eine Reihe von Negativen mit einer Nadel so bearbeitet (Fotoradierung), dass Mutter und Kind sich schließlich im Schwarz auflösen, veranschaulicht sie, dass – so die Bildtitel – das „Mutter-Glück“ oder die „Nähe (Selbst mit Sohn)“ durchaus zwiespältig sein können.
Auch die Werkgruppe „generativ“ (1994-2005) hat eine biografische Verankerung, über die die Künstlerin sagt: „Ausgelöst durch den Tod meiner Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin, wurde ich mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Daraus entstand die Idee, die eigene weibliche Kette darzustellen. Angefangen bei meiner Tochter bis hin zu ihrer Urgroßmutter.“ (185) Eine 60 x 80 cm große Collage von 1994 mit dem Titel „generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter“ besteht aus einer Fotografie der unbekleidet nebeneinanderstehenden (durch eine Bekannte ersetzten) Großmutter mit Krücken, der Mutter, der Tochter und der Künstlerin, die sich mit den Armen berühren und den Betrachter anschauen; ihre Oberkörper sind vertauscht und derart vernäht, dass nun die älteste Frau die Brüste der jüngsten hat. Bei dieser Arbeit handelt es sich augenscheinlich um ein zeitgenössisches Memento mori: Die junge Tochter wird einmal alt sein und sterben, die alte Großmutter, die gestorben ist, war einmal jung.
Dass diese drastische Fotovernähung vor dreißig Jahren Widerspruch erregte und aus Ausstellungen entfernt wurde – worauf der Titel der Retrospektive „Unzensiert“ anspielt –, kann nicht verwundern: Zum einen lässt sich an der Fotografie der vier nackten Frauenkörper ungeschönt der Prozess des Älterwerdens ablesen, dem wir alle ausgesetzt sind. Zum anderen verstört die Dekonstruktion (der fotografierten) weiblichen Körper, die durch das Vernähen der Fragmente zwar wieder vereint werden, ohne einen harmonischen Zusammenhang zu bilden; vielmehr macht das schwarze Garn die „Wunden“ und „Narben“, die in den Beziehungen der Frauen untereinander entstanden sind, offensichtlich. Dazu passt die Selbstauskunft: „Es ging nie darum, etwas schön darzustellen, sondern die Realität zu zeigen.“ (169) 2025 kann das Städel diese Arbeit unzensiert präsentieren: Ist das Publikum toleranter geworden oder hat es sich inzwischen an derartige Bilder gewöhnt?
In der Werkgruppe „transgenerativ“ (2004-2008) integriert sie Mann und Sohn, die Serie „N.Y. Faces“ (2001/02) visualisiert die von einer Zahnoperation ausgelösten Traumata, die Werkgruppe „Leerstellen“ (seit 2003) dreht sich um die vergebliche Suche nach dem vermissten Vater. Die Themen Identität, Verletzbarkeit, Tod, Schmerz und Verlust – allgemeiner formuliert: die radikale Endlichkeit unserer menschlichen Existenz – bilden im Werk Annegret Soltaus, das sich „als großes Tagebuch“ (Maja Lisewski) ihres Lebens lesen lässt, einen Konnex. Lebendig werden ihre nicht selten herausfordernden Bilder dann, wenn die Betrachtenden darin ihr eigenes Leben widergespiegelt sehen.
Der sehr schön gestaltete und reichlich illustrierte Katalog fasst die abgebildeten Arbeiten chronologisch in acht Werkgruppen zusammen. Die Herausgeberin Svenja Grosser gibt eine gelungene Einführung in das Werk von Annegret Soltau und ordnet es „im Kontext der feministischen Avantgarde“ ein. Vertiefend widmet sich Sabine Kampmann den Arbeiten, die sich mit „Schwangerschaft, Geburt und Muttersein“ befassen. Der ambitionierte Aufsatz „Der Körper als Archiv“ von Maja Lisewski versucht den Stellenwert des Körperlichen im Werk der Künstlerin theoretisch zu erfassen. Aufschlussreich ist das instruktive Gespräch von ihr und der Herausgeberin mit der Künstlerin. Es folgt eine Synopse, die die Biografie der Künstlerin mit einer Chronologie des Feminismus parallelisiert. Eine Aufstellung der Ausstellungen und ausgewählte Literatur schließen ein lesens- und sehenswertes Buch ab, in dem das Leben und das Oeuvre der ganz eigenwilligen Künstlerin Annegret Soltau angemessen gewürdigt werden.
München: Hirmer Verlag. 2025
220 Seiten mit s-w u. farb. Abb.
49,90 €
ISBN: 978-3-7774-4477-2
